Erst acht Jahre nach der Anklage wurde Abdul E. (61, re.) jetzt verurteilt. Daneben steht sein Anwalt. Pressefoto Wagner

Seine Tochter war 13 Jahre, als sie fragwürdige Anrufe erhielt. Da setzten zwei ihrer Brüder auf Selbstjustiz. Und auch der Papa mischte mit. Die Mühlen der Justiz mahlen manchmal besonders langsam: Fast elf Jahre vergingen bis zum Prozess gegen Abdul El-D. (61). Inzwischen ist er siebenfacher Vater – das älteste Kind 40 Jahre alt. Als Gastronom war er tätig – doch dann die Messerstecherei vor einem Lokal in Neukölln.

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Der 14. Oktober 2011: Zwei Söhne von El-D. lauerten vor einem Hauseingang. Sie warteten auf einen Bekannten, damals um die 40 Jahre alt. Einer, der als Amateur-DJ im Kiez bekannt war. Er soll die 13-jährige Sahra (Name geändert) zumindest verbal angemacht haben. Der Vater: „Es geschah am Telefon.“

Die Familie machte sich Sorgen. Die Söhne wollten dem Typen eine ordentliche Abreibung verpassen. Es war 21.30 Uhr, als sie in der Nähe eines Lokals auf M. zustürmten. Der rannte los, wollte entkommen. Die Brüder Mohammad und Samer, damals 19 und 24 Jahre alt, holten ihn aber ein, droschen zu.

Das Opfer ging zu Boden. Dann Schläge und Tritte, schließlich Messerstiche.

Ein Fausthieb gegen das Auge. M. ging zu Boden. Dann Schläge und Tritte, schließlich Messerstiche. Die Anklage: „Nunmehr begab sich auch der Angeklagte zu dem Geschädigten.“ Mit einem „scharfen Gegenstand“ habe er M. eine Schnittwunde am Oberarm und eine am Hals zugefügt – beide oberflächlich.

Während M. schwer verletzt im Krankenhaus behandelt wurde, liefen Ermittlungen an. Schließlich die Anklage gegen die Brüder, dann ihre Verurteilung im Sommer 2014. Wegen gefährlicher Körperverletzung erhielt der Jüngere ein Jahr und acht Monate Jugendstrafe auf Bewährung. Der Ältere musste für zweieinhalb Jahre in den Knast.

Aussagen von Zeugen führten im damaligen Prozess zu einer Anklage auch gegen den Vater. El-D. allerdings musste nicht in Haft. Seine Frau war nach schwerer Krankheit verstorben, allein sorgte er für die Kinder, versuchte, sich in Essen eine neue Existenz aufzubauen.

Die sogenannte „Nicht-Haftsache“ landete bei der Berliner Justiz in der Warteschleife

Bei der Justiz landete die sogenannte „Nicht-Haftsache“ in der Warteschleife. Jahr um Jahr verging. Der Anwalt: „Acht Jahre musste er die Vorwürfe mit sich herumtragen.“ Das sei besonders bedrückend gewesen, weil die Anklage zunächst von einem versuchten Mord ausgegangen sei. Richter sahen den Fall allerdings schon im Prozess gegen die Söhne von El-D. anders.

Die Familien haben sich längst ausgesprochen – „Friedensgespräche“ wurden geführt und der Streit auf Dauer geschlichtet, hieß es nun. Die Tochter von El-D. ist verheiratet und selbst Mutter. Der Vater nun zum Richter: „Es tut mir sehr leid, die Situation damals war überhitzt – aus Sorge.“

Das Geständnis ersparte eine lange Beweisaufnahme. Außerdem brachte die Dauer des Verfahrens einen Rabatt – „es ist nicht mit der erforderlichen Beschleunigung geführt worden“, so der Richter. Für die „Nicht-Haftsachen“ sei einfach keine Zeit gewesen.

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Der Richter: „Den Anlass für die Tat setzte möglicherweise der attackierte Mann, aber Selbstjustiz geht nicht.“ Mit acht Monaten Haft auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung kam der siebenfache Vater davon. KE.