Beim Start-up Junge Tüftler wird auf Technik gesetzt.

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Streetfood in Hinterhöfen, Coworking-Arbeitsplätze in allen Formen oder Pop-up-Radwege: An vielen Stellen fühlt sich Berlin spätestens seit dem Mauerfall selbst ein bisschen wie ein riesiges Start-up an. Die unzähligen Möglichkeiten, die die Stadt für Berliner und Menschen aus der ganzen Welt bereithält, bringen immer wieder innovative Ideen hervor. Ein neues Buch zeigt kreative und erfolgreiche Gründer, die umdenken, verbessern wollen und sich den Herausforderungen der Gesellschaft stellen. Im Band „Die Macht der Ideen“ werden zahlreiche Denker und Macher aus Deutschland vorgestellt, die in den vergangenen Jahren am bundesweiten Ideenwettbewerb „Ausgezeichnete Orte“ teilgenommen haben. Im KURIER lernen Sie fünf dieser Berliner Gründer und ihre Projekte kennen.

Raphael Fellmer freut sich über gerettete Lebensmittel in seinem Markt Sirplus.

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Raphael Fellmer kann keine Lebensmittelverschwendung akzeptieren. Vor ein paar Jahren fasste er zunächst den Entschluss, containern zu gehen, sich also von Produkten, die Supermärkte in ihren Hinterhöfen entsorgt hatten, zu ernähren. Fellmer rettete damit unzählige Tonnen an Lebensmitteln. Doch das reichte ihm irgendwann nicht mehr und er gründete mit Sirplus einen Rettermarkt für überschüssige oder abgelaufene Produkte. Seine Idee: „Wir machen das hip, sexy und cool, damit jeder stolz ist mitzuretten.“ Zu Beginn der Gründungsphase sei das Schwierigste gewesen, in die Pötte zu kommen. „Ich kann jedem nur empfehlen einfach anzufangen. Lieber Fehler machen und daraus lernen, anstatt zu lange in der Theorie zu bleiben“, sagt er. Inzwischen betreibt Fellmer sechs Rettermärkte in Berlin, hat einen eigenen Onlineshop ins Leben gerufen und bedient von Schülern über Familien bis hin zu Senioren alle möglichen Zielgruppen. Dabei stehen über 70 Prozent Frauen an der Kasse. „Sie sind die treibende Retterkraft.“

Christian Kroll hat die grüne Suchmaschine Ecosia entwickelt.

Foto: Carsten Koall

In Sachen Klimawandel hat Christian Kroll eine praktikable Lösung entwickelt. Wer seine Suchmaschine Ecosia zur Internetrecherche nutzt, finanziert über jeden Klick einen neuen Baumsetzling irgendwo auf der Welt. Für den Nutzer entstehen keine Kosten, denn das Geld stammt aus Werbeeinnahmen von Suchanzeigen. Zu Beginn konnte er sich selbst kein Gehalt auszahlen, geschweige denn Mitarbeiter anstellen. Mittlerweile erwirtschaftet Ecosia über eine Million Euro Umsatz pro Monat. „Das große Wachstum fand erst in den letzten drei bis vier Jahren statt“, sagt Kroll, der weiter ausführt: „Wir sind die größte europäische Suchmaschine. Trotzdem haben wir nur ein Prozent Marktanteil, Google hält hier 98 Prozent.“ Ein Fakt, der sein Team nicht davon abhält, in verschiedenen Ländern Fruchtbäume zu pflanzen, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. „Wenn wir dieses Problem lösen wollen, brauchen wir eine Billion zusätzlicher Bäume weltweit“, sagt Kroll. Optimistisch stimmt ihn, dass rund 80 Prozent der Nutzer von Ecosia unter 30 Jahren sind und vermehrt auf Nachhaltigkeit setzen.

Samuel Schneider vermittelt über seine Plattform Journeyman Handwerker zum Arbeiten ins Ausland. Foto: privat

Für eine spannende Form des Austauschs steht Samuel Schneider. Mit seinem Start-up Journeyman vermittelt er Handwerkskräfte an Arbeitgeber auf anderen Kontinenten. „Als Jugendlicher habe ich oft im Steinbruch meines Onkels mitgearbeitet. Daher wollte ich etwas für eine Gruppe entwickeln, die ein bisschen unterrepräsentiert ist“, sagt er. Für seinen interkulturellen Austausch ist ein Mindestmaß an Englischkenntnissen erforderlich. „Entscheidend ist allerdings die Motivation des Handwerkers“, sagt Schneider. In den letzten Jahren werkelten zahlreiche Männer und rund zehn Prozent Frauen in Australien oder den USA auf dem Bau. Durch die Corona-Pandemie liegt Schneiders Geschäftsmodell aktuell mehr oder weniger brach. Der Gründer hat jedoch eine neue Idee entwickelt und baut gerade zusätzlich eine Karriereplattform für Elektroniker auf. „Wir wissen über die Schmerzpunkte der jungen Bewerber Bescheid. Einer davon ist zum Beispiel, dass sie oft keinen Laptop mehr besitzen. Wir haben einen automatisierten Lebenslaufgenerator entwickelt, den man übers Handy bedienen kann“, sagt er.

Franziska Schmidt und Julia Kleeberger haben das Start-up Junge Tüftler gegründet.

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Benötigen Sie einen Roboter, der an Ihrer Hausfassade entlangklettert, um die Pflanzen zu gießen? Dann sollten Sie Ihre Kinder zu den Jungen Tüftlern schicken. Im Start-up von Julia Kleeberger und Franziska Schmid dürfen Kids vor allem technisch ausprobieren, was das Zeug hält. „Der Selbstermächtigungsgedanke bei den Kindern ist für uns das wichtigste dabei“, sagt Kleeberger. „Kinder und junge Leute haben einen Antrieb, sie sind wissbegierig und wollen was lernen. Nur oftmals fehlt es im Hintergrund an Möglichkeiten“, sagt sie. Vor einiger Zeit stellten Kleeberger und Schmidt sich die Frage, wie man Technologie einsetzen kann, um damit etwas Gutes zu tun. Mit den Kursen für die kleinen Tüftler fanden sie die Antwort. Aktuell verlegen die beiden ihr Geschäftsmodell auch ins Internet. „Wir haben Online-Seminare entwickelt und werden in dem Bereich auch oft angefragt“, sagt Kleeberger, die betont, dass sie Junge Tüftler in dieser Form nur in Berlin hätten gründen können, weil es hier „die besten Möglichkeiten zum Netzwerken“ gibt.

Anna Kaiser und Jana Tepe bringen mit Tandemploy Vielfalt in Unternehmen.

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Tandemploy nennt sich das Start-up von Jana Tepe und Anna Kaiser, mit dem sie die Arbeitswelt täglich verändern. Die Ursprungsidee für das Unternehmen haben die beiden zusammen in ihrem früheren Job in der Personalberatung entwickelt. Nachdem sich zwei Menschen gemeinsam auf einen Job bewarben, haben sie sich überlegt, dass man Jobpositionen auch einfach teilen kann. Daraus hat sich eine Matching-Plattform gebildet, die eine größtmögliche Unternehmensvielfalt für Arbeitnehmer generiert. „Wir wollen in Firmen möglichst alle für neue Arbeitsformen und Kollaboration begeistern und bieten demensprechend ganz unterschiedliche Anlässe zur Vernetzung. Vielleicht möchte jemand gerne in eine andere Ableitung reinschnuppern, den Job teilen oder an einem spannenden Projekt mitwirken.“ sagt Tepe. Gerade in dieser Zeit ist es umso wichtiger, die Verbundenheit und den Austausch zwischen Mitarbeitern herzustellen“, sagt sie.