Demo gegen die Schließung von Karstadt vor der Filiale in der Müllerstraße. Foto: Sabine Gudath

Als Betriebsrätin Susanne Urbansky (55) das Wort ergreift, ist es um kurz nach zwölf. Auf ihrem weißen Shirt steht eine große 37. 37 Jahre ist sie schon bei Karstadt beschäftigt. Immer war sie hier, in der Filiale am Leopoldplatz im Wedding. „Es kann sein, dass wir am 31. 10. den Schlüssel umdrehen und das war's“, sagt sie. Ihre Stimme fängt an zu zittern, doch sie nimmt den Mundschutz ab, sammelt sich und redet weiter. „Für viele bricht dann die Existenz weg, das soziale Umfeld.“

Der 31. 10. ist der vorläufige Termin für die Schließung ihrer Filiale: 250 Angestellte, Altersdurchschnitt 52, die meisten sind Frauen. Sechs der elf Warenhäuser  der Kette Galeria Karstadt Kaufhof werden in Berlin dichtgemacht. 1000 von 2100 Mitarbeitern sind betroffen. Auch die Filiale in Potsdam und Karstadt Sports am Kranzler Eck trifft es. Doch die Angestellten wollen den Erhalt. An diesem Freitag sind über 300 zur Demo in den Wedding gekommen. Sie stehen  vor der Filiale in der Müllerstraße und rufen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Arbeit klaut.“ Und: „Wir bleiben hier!“ Später bilden sie eine eindrucksvolle Menschenkette um das gesamte Gebäude.  

Susanne Urbansky (55) ist seit 37 Jahren bei dem Unternehmen beschäftigt. Foto: Sabine Gudath

Immer mehr Details sickern an durch: Über Schließungstermine wird spekuliert. Der Vermieter der Filiale in der Wilmersdorfer Straße will mit der Miete runtergehen, damit die Schließung aufgeschoben wird, heißt es.  Doch die Verunsicherung bleibt: „Es fühlt sich wie eine Scheidung an, als wenn der Partner geht. Die Kollegen haben geweint“ sagt Susanne Urbansky.

Sevim Yilmaz (46) arbeitet seit 30 Jahren in dem Haus in Wedding. Foto: Sabine Gudath

Für viele hier ist der Arbeitsplatz ihr Leben: Sevim Yilmaz (46) arbeitet seit 30 Jahren in dem Haus im Wedding. Die alleinerziehende Mutter leidet an Rheuma. Ihr gehe es beschissen, doch sie halte durch, sagt sie. Da ist Katja Horn (49) aus der Filiale am Tempelhofer Damm, in der sie schon seit 30 Jahren beschäftigt ist und Sportartikel und Kindersachen verkauft . Ihren Mann Andreas lernte sie bei Karstadt kennen. Da ist Stefan Niemann (47), seit 20 Jahren im Unternehmen, derzeit in den Gropiuspassagen in Neukölln beschäftigt. Letzte Woche wurde ihm mitgeteilt, dass auch seine Filiale geschlossen wird. „Als hätte jemand mir das Herz aus der Brust gerissen“, beschreibt er die Gefühlslage.

Stefan Neumann (47) ist derzeit in den Gropiuspassagen in Neukölln beschäftigt. Foto: Sabine Gudath

Der Leiter der Weddinger Filiale stellt sich vor: Andreas Joslyn, seit 1983 bei Karstadt: „Zurzeit erfahren wir eine unglaubliche Unterstützung vom Bezirk. Der Senat will helfen. Die Kunden stürmen in unseren Laden und sagen: Bitte bleibt.“ Ob das jetzt noch etwas ändert? Andreas Joslyn weiß es nicht.