Ein Transparent mit der Aufschrift „Mit uns nicht! Gegen Gasbohren Zehdenick/Templin“ hängt an einem Zaun neben einem roten Holzkreuz mit der Aufschrift „No Gas“. Die dänische Firma Jasper Resources will kurz vor dem Dorf mit Probebohrungen nach Erdgas beginnen, um möglicherweise 30 Jahre lang Gas fördern zu können. dpa/Stache

Die Protestschilder in Zehdenick stechen sofort ins Auge. „Gegen Gasbohren“, prangt an Häusern in der Gemeinde nördlich von Berlin. Seit 2019 mobilisiert dort eine Bürgerinitiative gegen Pläne der Firma Jasper Resources, ein bereits zu DDR-Zeiten entdecktes Gasfeld auszubeuten. Das Unternehmen treibt das Projekt trotzdem voran: Es habe sich jetzt für Probebohrungen entschieden, sagte Geschäftsführer Thomas Tygesen der Deutschen Presse-Agentur. Die nötigen Unterlagen seien fristgerecht vor diesem Donnerstag (30.9.) beim Landesbergbauamt Brandenburg eingereicht worden.

Stimmt die Behörde zu, könnte eines von bundesweit sehr wenigen neuen Gasprojekten in die konkrete Erkundung gehen, die Vorstufe zur Förderung. Damit droht vor Ort die nächste Runde eines hitzigen Konflikts. Die Bürgerinitiative will Einspruch erheben und notfalls klagen, wie ihr Vertreter Ralph Riesenberg der dpa sagte. Für sie passt das Erdgasprojekt nicht zur Klimawende. Zudem fürchtet die Region um ihren Tourismus. Die Landespolitik sieht das Vorhaben hingegen wohlwollend.

Gas hat wohl nur einen niedrigen Energiewert

Derzeit ist Erdgas in Deutschland einer der wichtigsten Energieträger sowohl zum Heizen als auch zur Stromproduktion. 87 Milliarden Kubikmeter wurden 2020 verbraucht. Wegen des Ausstiegs aus Atom und Kohle sehen viele Erdgas als wichtige „Brücke“ auf dem Weg zur Vollversorgung mit erneuerbaren Energien, denn bei der Verbrennung entsteht weniger Kohlendioxid als bei Kohle.

Doch wird das allermeiste Gas importiert. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums deckt die heimische Produktion nur knapp sechs Prozent des Verbrauchs. Davon werden nach offiziellen Angaben rund 95 Prozent in Niedersachsen gefördert, wo auch mehr als 99 Prozent der bekannten Gasreserven liegen. Das neue Gasprojekt in Brandenburg ist also höchst ungewöhnlich.

Bedrohte Idylle: Wohnhäuser sind hinter dem Ortseingangsschild von Wesendorf zu sehen. Kurz vor dem Dorf soll mit Probebohrungen nach Erdgas begonnen werden. dpa/Stache

In den 1970er-Jahren wies der DDR-Betrieb Erdöl-Erdgas-Gommern (EEG) das Vorkommen im Sandstein 4100 Meter unter der Uckermark zwar schon nach. Gefördert wurde aber nicht, zumal das Gas wohl nur einen niedrigen Energiewert hat. Auf seiner Website zeigt sich Jasper Resources sicher: „Neue Technologien machen die Förderung von Gas bei Zehdenick heute wieder profitabel.“ Hohe Gaspreise könnten dazu beitragen, dass sich die Ausbeutung lohnt.

Geschäftsführer Tygesen scheint aber noch nicht sicher. „Die Probebohrung hat ein Ziel, nämlich herauszufinden, ob wir dort Gas in kommerziellen Raten fördern können“, sagte der Däne der dpa. Erweist sich die Förderung als lohnend, könnte sie nach Firmenangaben 15 bis 30 Jahre laufen. Für den Vorlauf rechnet das Unternehmen insgesamt fünf bis zehn Jahre.

Boden mit großen Maschinen durchgerüttelt

Nach Bekanntwerden des Projekts Ende 2018 hatte Jasper Resources zunächst seismische Tests gemacht, um das Vorkommen besser abzuschätzen. Grob gesagt wurde der Boden mit großen Maschinen durchgerüttelt, die Auswirkungen wurden mit sogenannten Geophonen gemessen. Jetzt soll mit der Bohrung der nächste Schritt folgen – wenn sie denn genehmigt wird.

Politische Rückendeckung gibt es. Das brandenburgische Wirtschaftsministerium teilte auf Anfrage mit: „Die Erkundung von potenziellen Rohstoffvorkommen im Land Brandenburg – dazu zählt auch das Erdgasvorkommen im Raum Zehdenick – liegt im Interesse unseres Ministeriums.“ Die Energiestrategie 2030 sehe „auch die Nutzung der vorhandenen Kohlenwasserstoff-Ressourcen im Land Brandenburg vor“.

Das Landesbergbauamt Brandenburg bestätigte der dpa den pünktlichen Eingang der nötigen Papiere, des sogenannten Hauptbetriebsplans. Die Prüfung bis zu einer möglichen Genehmigung werde nun etwa ein halbes Jahr dauern. Ein Bescheid kann dann gerichtlich angefochten werden. Die Initiative „Gegen Gasbohren“ läuft sich dafür bereits warm. Jetzt werde es „noch mal richtig hart“, sagte Riesenberg, der in Zehdenick einen Fahrradladen hat.

Zu Jasper Resources wirft der 58-Jährige allerlei Fragen auf. Eine „Briefkastenfirma“ sei das von Tygesen und einem weiteren Dänen gegründete Unternehmen, das in den Niederlanden registriert ist und nach eigenen Angaben fünf Mitarbeiter hat. Kann es wirklich die auf acht Millionen Euro geschätzten Kosten für die Probebohrung aufbringen? Geheimniskrämerisch sei das Unterfangen, Informationen fehlten. „Wir haben bisher den Eindruck als Bürgerinitiative, dass wir etwas kurz gehalten werden“, sagte Riesenberg.

Es gebe Beschlüsse der umliegenden Kommunen gegen die Gasbohrung, und 80 Prozent der Menschen in der Region seien dagegen – das ist seine Schätzung. Hauptsorge sei eine mögliche Wasserverschmutzung durch bei der Förderung eingesetzte Chemikalien. Touristen, die die Uckermark gerade entdeckten, könnten durch die Industrieanlage abgeschreckt werden. Die Erdgasförderung „passt einfach nicht in die Konzepte, die regional bestehen“, sagte Riesenberg. „Es passt nicht in die Zeit, es passt nicht in die Klimakrise.“

Jasper-Manager Tygesen kontert, Deutschland sei nach dem Atom- und Kohleausstieg auf Gas angewiesen, das zeige auch der Bau der Pipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland. „Wenn man dieses Gas in Deutschland erzeugen würde, ist es sehr viel umweltfreundlicher, als es aus Sibirien zu importieren oder als LNG aus den USA“, sagte der Manager. LNG ist Flüssiggas, das mit Schiffen transportiert wird. Ähnlich argumentiert das Potsdamer Wirtschaftsministerium: „Bei der Nutzung heimischer Erdgasvorkommen kommt es gegenüber Importen zu geringeren Transport- und gegebenenfalls Leckageverlusten.“

Ob das Erdgas aus der Uckermark rechtzeitig käme – falls überhaupt –, ist jedoch fraglich. Tygesen will keinen Zeitplan nennen, zumal die nächsten Schritte von behördlichen Genehmigungen abhingen. Ein Datum steht jedoch fest: Deutschland will 2045 klimaneutral wirtschaften. Dann muss die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Erdgas enden oder das damit verbundene Kohlendioxid kompensiert werden.