Der leere Eingang des Techno-Clubs About Blank am Ostkreuz, hier im April 2020. imago

Als erster Club geht das About Blank am Ostkreuz auf die Barrikaden. „Die Ankündigung des Senats entzieht uns mindestens bis 19. Dezember die Geschäftsgrundlage“, teilen die Betreiber am Freitag auf ihrer Facebook-Seite mit. „Das bedeutet, dass wir für mindestens vier Wochenenden in den solidarischen Lockdown gehen und den Tanzbetrieb vorübergehend einstellen werden: Bis Mitte Dezember sagen wir wieder einmal alles ab.“

Man kann sich an einer Hand abzählen, dass 50 Prozent zu öffnen nicht wirtschaftlich ist“

Lutz Leichsenring, Sprecher des Branchenverbandes Clubcommission

Die Nerven liegen blank bei den Berliner Clubs: Ab diesen Sonnabend dürfen Tanztempel in der Hauptstadt nur noch bis zu einer Kapazitätsgrenze bis 50 Prozent öffnen. Zusätzlich ist am Einlass neben Genesenen- oder Geimpften-Nachweis ein tagesaktueller Corona-Test vorzuzeigen. Diese neue, vom Senat am Dienstag beschlossene Verordnung lässt viele Betreiber um ihr Fortbestehen bangen.

„Man kann sich an einer Hand abzählen, dass 50 Prozent zu öffnen nicht wirtschaftlich ist“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher des Branchenverbandes Clubcommission. Nach einer Erholung in den letzten Monaten „sind wir wieder ganz am Anfang der Pandemie, was die Unsicherheit für die Clubs angeht.“

Am Freitagabend führte die nahende Verordnung noch zu unterschiedlichen Ergebnissen: Während das About Blank geschlossen blieb, akzeptierte das YAAM am Ostbahnhof 3G-Nachweise, also auch getestete Ungeimpfte, und schloss ab Mitternacht. Vor dem Kater Blau und Berghain gab es eigene Testzentren für Geimpfte. Vor einigen Läden standen Schlangen, Türsteher zählten Leute für die Auslastung, andere Clubs blieben eher leer.

Das About Blank schreibt in seinem „Nie wieder Normalität“ betitelten Beitrag: „Dass es sich damit um eine unausgesprochene, aber faktische Schließungsanordnung handelt, haben die Clubs in Sachsen vor drei Wochen bereits erlebt.“ Es lasse „eine gewisse administrative Abgebrühtheit erkennen, dieses Modell jetzt in Berlin zu kopieren“.

Wie sind 50 Prozent Kapazität genau gemeint?

„Die Regel ist nicht so richtig nachvollziehbar“, sagt zumindest Club-Sprecher Leichsring. Es wirke etwas willkürlich. „Warum gerade 50 Prozent?“ Zudem seien am Freitagmittag noch keine Details zu der Verordnung bekannt gewesen: „Die müsste der Senat heute noch kommunizieren“, sagt Leichsenring gegen Mittag. Von den Details der Verordnung hänge wirtschaftlich sehr viel ab: „Sind 50 Prozent der Kapazität über den ganzen Abend verteilt gemeint oder in dem jeweiligen Moment vor Ort?“

Für das Publikum sind halbvolle Tanzflächen sicher auch kein Vergnügen, aber angesichts der sich zuspitzenden Pandemielage vermutlich zu verschmerzen im Gegensatz zu Komplettschließungen. Die Unsicherheit betreffe vor allem Club-Personal, Veranstalter und Künstler, mit denen es Verträge gebe, aus denen Clubs nicht so einfach herauskämen. „Es ist eine unklare Situation, wir haben keine Rechtssicherheit“, sagt Leichenring. Müssten die Clubs dagegen ganz dichtmachen, könnten sie das immerhin geltend machen.

Clubs fordern mehr Unterstützung

Es gibt zwar einen Sonderfonds des Bundes, der explizit auch auf Kapazitätsbeschränkungen ausgerichtet wurde, sowie Überbrückungshilfen, die aktuell noch bis März 2022 weiterlaufen. „Aber das gilt nur für die Eintrittsgelder – es fehlen also die Einnahmen an der Bar, die bei Clubs ja nicht unerheblich zur Kostendeckung beitragen“, sagt Leichsenring, der fordert, die Soforthilfen des Berliner Senats wieder einzurichten, damit Kultureinrichtungen laufende Kosten decken können.

Auf Nachfrage teilt die Senatsverwaltung für Kultur aber mit: „Die Soforthilfe IV, die kleine und mittlere Kulturbetriebe unterstützt und auch für Clubs gedacht ist, läuft ununterbrochen – muss also nicht neu aufgelegt werden.“ Diese Unterstützung werde es weiter geben, so lange es notwendig sei. „Nach aktuellem Stand hat Berlin auch noch keinen Club ‚an die Pandemie‘ verloren“, teilt die Behörde mit.

Fußballstadien öffnen mit 20.000 Fans

Das Tanzvolk fühlt sich dennoch unfair behandelt. „Wenn 20.000 Leute ins Fußballstadion dürfen, aber Clubs mit 200 Leuten halbiert werden, dann ist das nicht konsequent“, sagt Club-Sprecher Leichsenring. „In den letzten Wochen gab es kein Superspreader-Event in Berliner Clubs, nur einzelne Infektionen in kleiner Zahl.“ Etwa im Oktober, als sich im Berghain mindestens 19 Menschen mit Covid-19 infizierten.

Aber Modellversuche hätten gezeigt, dass die Clubs kein Pandemietreiber seien, die Impfrate unter Club-Besuchern hoch sei. „Man muss sich die Frage stellen, ob Kultur wieder als Erstes zugemacht werden muss“, sagt Leichsenring. Am Wochenende hatten die meisten Clubs aber noch offen, viele setzten die neuen Regeln bereits am Freitagabend um, auch wenn sie vielen Betreibern bis zuletzt noch unklar schienen.