Anti-Corona-Protest auf der Straße des 17. Juni. Foto: imago images

Nach den Demos gegen die Corona-Einschränkungen am Wochenende gibt es eine hitzige Diskussion über die Teilnehmerzahlen. Von 1,3 Millionen Demonstranten sprechen die Organisatoren um die Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“. Die Polizei dagegen gibt die Zahl der Menschen, die an der ersten Demo am Sonnabend durch Mitte teilnahmen, lediglich mit 17.000 an. Bei der anschließenden Kundgebung auf der Straße des 17. Juni versammelten sich laut Polizeizählung „gut 20.000 Personen“. Der Personenkreis habe sich unter anderem aus den ehemaligen Teilnehmern des zuvor beendeten Aufzugs zusammengesetzt.

Wie kann es sein, dass die Zahlen der Veranstalter und der Polizei so weit auseinanderliegen? In der Tat zeigen Fotos, die zu unterschiedlichen Zeiten von der Siegessäule aus aufgenommen wurden, eine Menschenmenge, die die Straße des 17. Juni scheinbar füllt. Auf einem Foto der Deutschen Presse-Agentur scheint die Straße in dem herangezoomten Bildausschnitt tatsächlich voll. Vergrößert man das Bild, dann zeigen sich in Richtung des Brandenburger Tors beträchtliche Lücken in der Menge. Ein weiteres bei Twitter verbreitetes Foto aus derselben Perspektive mit einem weiteren Bildausschnitt zeigt, dass die Straße des 17. Juni auch im Vordergrund in weiten Teilen leer ist. Ein Teil der Teilnehmer mag da die Kundgebung schon verlassen haben.

Im Internet wurde ein angeblicher Tweet der Berliner Polizei per Screenshot verbreitet, der da lautete: „Auf der ‚Tag der Freiheit‘ Demonstration können wir zurzeit mindestens 3,5 Millionen Teilnehmer bestätigen.“ Doch das ist wohl gefälscht. „Wir haben so einen Tweet nie abgesetzt, auch nicht versehentlich“, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag.

Streit dieser Art ist nicht neu. Auch früher gab es Ereignisse, bei denen die Straße des 17. Juni prall voll war – etwa während der Fußball-WM 2006. Damals war der Berliner Senat unter Klaus Wowereit (SPD) Veranstalter der WM-Fanmeile zwischen Großem Stern und Brandenburger Tor. Als Deutschland gegen Polen spielte, sprach Wowereit öffentlich von mehr als 700.000 Besuchern. Die Polizei hingegen zählte damals um 22 Uhr lediglich rund 120.000 Leute.

Schon der Berliner Senat trickste bei den Teilnehmerzahlen

Konfrontiert mit diesen geringeren Zahlen beharrte die Senatskanzlei weiterhin auf solchen Menschenmassen – wie auch bei anderen WM-Spielen. Dafür erhielt die Polizei einen Maulkorb und musste bei Anfragen nach Teilnehmerzahlen auf den Senat als Veranstalter verweisen.

Der Berliner Kurier besorgte sich deshalb damals eine Vermessungskarte des Bezirksamtes, in der Breite und Länge der Straße des 17. Juni zwischen Platz des 18. März und Großem Stern eingezeichnet sind. Demnach hat die Straße in dem Bereich eine Fläche von etwa 77.000 Quadratmeter. Die Polizei zählt die Besucher nach einer seit Jahren angewandten Faustregel: pro Quadratmeter Veranstaltungsfläche können bis zu vier Menschen dicht gedrängt stehen. Daraus ergibt sich eine Höchstkapazität von gut 300.000 Menschen, wenn man Bühnen und andere Flächen beanspruchende Aufbauten ignoriert.

Doch am Sonnabend waren auch auf dem Höhepunkt der Kundgebung weite Flächen dieser achtspurigen Straße frei. Gleichwohl legen die Übersichtsaufnahmen nahe, dass es wohl mehr als 20.000 Teilnehmer waren – aber mit Sicherheit keine Million. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Polizei irgendwann die Zugänge zu dem Platz sperrte mit der Begründung, er sei überfüllt. Viele Demonstranten standen an den Absperrungen.

Wenn Menschenmassen wie am Sonnabend unterwegs sind, dann ermittelt die Polizei die Teilnehmerzahlen in der Regel per Übersichtsaufnahme aus dem Hubschrauber. Gegebenenfalls wird vorher schon die Veranstaltungsfläche per Hubschrauber oder Drohne vermessen und aufgeklärt. Die Zahlen werden intern ermittelt, um Einsatzkräfte zu koordinieren und zu bemessen, Menschenströme zu lenken oder Gefahrensituationen zu erkennen. Bei ihren Schätzungen können die Beamten nicht genau sein. Sie wissen, dass eine stehende Menschenmenge nicht wirklich steht, sondern sich durcheinander bewegt.

Teilnehmerzahlen sind stets politische Zahlen. Nahezu jeder Veranstalter eines Festes oder einer Demo – ob staatlicher Akteur, politische Partei oder Gegner der Corona-Maßnahmen – zählte in der Vergangenheit großzügiger als die Polizei. Immer wieder mal gab es deshalb Ärger, und immer wieder mal gab die Polizei deshalb zeitweise keine Teilnehmerzahlen mehr heraus. Nach welchen Kriterien die Polizei entscheidet, ob sie Teilnehmerzahlen veröffentlicht oder nicht, ist unklar.

„Unsere ermittelten Zahlen weichen immer von den Veranstalterzahlen ab“, sagt ein Polizist, der mit der Problematik seit Jahren vertraut ist. „Wir erheben die Zahlen in erster Linie für einsatztaktische Zwecke. Und nicht, um jemandem einen Gefallen zu tun.“