Dilan S. wird an einer Berliner Tramhaltestelle von mehreren Personen verprügelt und rassistisch beleidigt. Jetzt fängt der Prozess gegen die Täter an.
Dilan S. wird an einer Berliner Tramhaltestelle von mehreren Personen verprügelt und rassistisch beleidigt. Jetzt fängt der Prozess gegen die Täter an. RBB

Die Vorwürfe sind ungeheuerlich: Drei Frauen und drei Männer sollen Dilan S. (damals 17) vor fast einem Jahr brutal angegriffen und rassistisch attackiert haben. Neue Recherchen zeigen, dass die Täterinnen und Täter offenbar Teil einer rechtsoffenen Kneipenszene sind.

Die Stimmung war aufgeheizt vor dem Prozess am heutigen Montag in Berlin. Die „Schaut nicht weg“-Kampagne begleitet Dilan S. vor das Amtsgericht. Im Aufruf der Kampagne steht: „Wir wollen #Dilan während des Prozesses mit euch gemeinsam unterstützen. Kommt zur solidarischen Prozessbegleitung am Montag, den 16.01. um 8:45 ins Amtsgericht Tiergarten! Geht mit in den Gerichtssaal und überlasst den Faschist:innen dort keine Plätze!“

Doch dann wurde der Prozess ausgesetzt. Einer der sechs Angeklagten hatte sich krank gemeldet. Für den 3. April wurde ein neuer Termin angekündigt. Neben fünf Angeklagten erschien am Montag zum Prozessbeginn vor dem Amtsgericht Tiergarten auch Dilan S. als Zeugin in Begleitung von zwei Anwälten. Sie wollte als Nebenklägerin auftreten.

Hintergrund ist der mutmaßlich rassistisch motivierte Angriff auf Dilan S. vor knapp einem Jahr. Die türkischstämmige Jugendliche war Anfang Februar 2022 nach ihrer Schilderung erst in einer Straßenbahn rassistisch beschimpft und dann an einer Haltestelle verprügelt und getreten worden. Spektakulär war das Video, das sie später aus dem Krankenhaus postete. Damit hatte sich die Jugendliche an die Öffentlichkeit gewandt. Weinend berichtete Dilan S. von dem Überfall auf sie.

Weinend berichtete Dilan S. von dem Überfall auf sie

Im Prozess gegen die 24- bis 55-Jährigen vor dem Amtsgericht Tiergarten lautet die Anklage jetzt auf Beleidigung, Bedrohung sowie gefährliche Körperverletzung und Beihilfe dazu. Zwei 33 und 24 Jahre alte Frauen sollen die Jugendliche in der Tram rassistisch angepöbelt haben.

Nach dem Verlassen der Bahn soll die 33-Jährige dann gemeinsam mit einer 55-jährigen Angeklagten die 17-Jährige körperlich attackiert und verletzt haben. Mitangeklagte Männer sollen die beiden Frauen angefeuert und sich so der Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht haben. Für den Prozess ist bislang ein Tag vorgesehen.

Die Tat hatte für großes Aufsehen gesorgt – nicht zuletzt deshalb, weil die Polizei die Ursache des Angriffs zunächst falsch dargestellt und in einer Mitteilung geschrieben hatte, Auslöser des Konflikts sei gewesen, dass die Frau keine Corona-Maske getragen habe. Auch die Deutsche Presse-Agentur und viele andere Medien hatten diese Darstellung der Polizei zunächst übernommen und außerdem die schon in der Polizei-Mitteilung genannten Hinweise der jungen Frau auf rassistische Beleidigungen nicht erwähnt.

Über die Täter und ihr Umfeld ist einiges bekannt geworden. Die Tageszeitung taz berichtet über ein rechtsextremes Kneipenumfeld, in dem die Frauen und Männer angeblich verkehren. Und das obwohl mehrere der mutmaßlichen Täterinnen und Täter in sozialen Netzwerken abgestritten haben, Rechtsextreme zu sein.

Zwei Frauen sollen Dilan S. in der Tram rassistisch angepöbelt haben

Nach taz-Recherchen würden die Behauptungen der Angeklagten, sich nicht in der rechten Szene zu bewegen, allerdings wenig glaubwürdig sein. Die Männer und Frauen zwischen 24 und 55 Jahren bewegten sich in einem Umfeld zwischen verschiedenen rechtsoffenen Kneipen an der Greifswalder Straße, die auch als Stammkneipen älterer Hooligans des BFC Dynamo gelten, heißt es in einem Bericht.

Und weiter: Wenige Tage vor Prozessbeginn seien zwei der Angeklagten in einer zunächst unscheinbaren Eckkneipe namens Ariya Lounge unweit des damaligen Überfalls anzutreffen. „Wortkarg sitzen drei ältere Männer am Tresen, beleuchtet wird der Laden von LED-Lichtschläuchen. Schlauchartig ist auch der Grundriss der Kneipe, am Eingang stehen Glücksspielautomaten, es läuft Radio.“

An dem Abend, als die taz vor Ort ist, ist Jennifer G. in keiner der beiden Kneipen anzutreffen. Dafür seien aber zwei weitere Angeklagte in der Ariya Lounge: „Der 52-jährige René H. sitzt mit Basecap auf der Glatze vor dem Tresen. Seine Partnerin, Jenny M., 24 Jahre, längere dunkle Haare, steht dahinter. Auch die beiden sind auf einem Video vom Vorfall zu sehen, das Dilan S. nach dem Angriff gefilmt hat.“

Dilan S. wurde „Hure“ geschimpft

Erst auf den zweiten Blick spreche die Kneipe ein rechtes Publikum an, so die Zeitung: „Wie in einigen Kneipen der Gegend sind Fanutensilien des Ostberliner Fußballvereins BFC Dynamo aufgehängt, ein vor allem für rechte Hooligans berüchtigter Regionalligist. Auf einem Sticker am Tresen steht ‚Dynamo Hooligans‘, ein anderer beschimpft den fußballerischen Erzfeind Union Berlin als ‚Fotzen‘.“

Inhaberin der Kneipe ist laut Auskunft beim Gewerbeamt seit 2018 Jennifer G., die Hauptangeklagte im Verfahren ist und Dilan S. erst rassistisch beleidigt und dann auf sie eingeprügelt haben soll. Die taz: Als sie im Weggehen noch von S. gefilmt wurde, habe sie „Sharmuta“ in Richtung S. gebrüllt, was „Hure“ auf Arabisch heißt.

Die 33-jährige G. ist offenbar polizeibekannt. Im November 2021 soll sie nur ein paar Meter von der Ariya Lounge entfernt auffällig geworden sein: In der Bierquelle, ebenfalls einer BFC-Stammkneipe, habe sie mit zwei Begleitern eine dort arbeitende Tresenkraft angegriffen, wie der Tagesspiegel schrieb. Gäste, die einschritten,  sollen rassistisch beleidigt worden sein.

Auch Dilan S. will beim Prozess als Zeugin aussagen

Die taz: „Neben G. soll sich an dem damaligen Angriff auch ein gewisser Kevin P. beteiligt haben – ein vielfach vorbestrafter rechter Gewalttäter. 2015 verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten zu zehn Monaten Haft auf Bewährung, weil er den Hitlergruß gezeigt und linke Demonstranten verprügelt hatte.“

Offiziell wollten weder Polizei noch Justiz zu einem möglichen rechtsex­tremen Hintergrund der Angeklagten etwas sagen. Geführt wurden die Ermittlungen laut Innenbehörde aber von der für Rechtsextremismus zuständigen Abteilung des polizeilichen Staatsschutzes.

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Martin Stein von der „Schaut nicht weg!“-Kampagne erklärte: „Kneipen wie die ‚Ariya Lounge‘ sind das Last Resort von Nazis über 50, die dort schon seit Jahrzehnten relativ unbehelligt Leute bedrohen.“ Nach dem Übergriff auf Dilan S. habe es mehrere Rückmeldungen aus der Nachbarschaft und den sozialen Medien gegeben, so Stein, die darauf hinwiesen, dass sich dort regelmäßig Neonazis treffen. Es sei Aufgabe der Zivilgesellschaft, gegen die Ariya Lounge vorzugehen.

Beim Prozess am heutigen Montag sollten eigentlich zehn Zeugen gehört werden. Auch Dilan S. wollte vor Gericht aussagen.