Sanitäter schieben eine Tragbahre in ein Seniorendomizil im Stadtteil Lichtenberg. Nach zahlreichen tödlichen Corona-Fällen wurden 14 Heimbewohner evakuiert.  Foto: dpa

Martina Müller (Name geändert) arbeitet in dem Pflegeheim in Lichtenberg, in dem innerhalb von fünf Wochen 15 Menschen an Covid-19 starben. Anfangs fühlten sie und ihre Kollegen sich von der Heimleitung und den Behörden im Stich gelassen, inzwischen an den Pranger gestellt.

Jüngst rief ein Angehöriger bei Martina Müller an. Er schrie regelrecht durch den Hörer. Er wollte wissen, was mit seiner demenzkranken Mutter passiere. Ob es ihr gut gehe, wie sie betreut werde. Martina Müller antwortete ihm, dass man alles Erdenkliche mache, sich an alle Vorschriften halte. Und dass seine Mutter nicht infiziert sei.

Das Telefonat führte sie zwei Tage nach jenem Freitag, an dem abends nach einem Behördenbeschluss 14 infizierte Heimbewohner evakuiert werden mussten. Martina Müller und ihre Kollegen mussten ihnen zügig die Schutzkleidung anziehen, den Mundschutz aufsetzen. Die Pfleger blickten in fragende, verunsicherte und verängstigte Gesichter älterer, gebrechlicher Menschen.

Wir kommen kaum noch zur Ruhe, die Stimmung ist mehr als gedrückt.

Martina Müller 

Seit dem tödlichen Corona-Ausbruch in dem Pflegeheim in Lichtenberg überschlagen sich die Ereignisse. Die Pflegerin sagt: „Wir kommen kaum noch zur Ruhe, die Stimmung ist mehr als gedrückt. Die Heimbewohner sind sehr verängstigt, fühlen sich hilflos und wollen natürlich darüber sprechen. Wir versuchen, soweit es geht, sie zu beruhigen. Ebenso die Angehörigen. Viele reagieren sehr wütend, manche vergreifen sich im Ton, es gibt aber auch andere.“

Lesen Sie auch: Wird tödlicher Corona-Ausbruch ein Fall für den Staatsanwalt? >>

Sie fügt hinzu: „Ich kann auch die Ohnmacht vieler verstehen, vor allem die der Angehörigen. Sie dürfen nicht zu ihren Verwandten, und das schon seit Anfang Oktober. Außerdem sind 15 Menschen gestorben, 30 sind noch infiziert. Es ist eine Situation, die wir uns alle nicht so gewünscht haben.“ Zurzeit sei der Gesundheitszustand aller Corona-Infizierten stabil.

Dass die 14 Heimbewohner am vergangenen Freitag evakuiert werden mussten, hätten die Pfleger sehr kurzfristig erfahren, sagt sie. Die Berlinerin: „Ich hätte mir in dem Fall wie auch in vielen anderen Vorfällen gewünscht, dass sich alle Beteiligten – also Personal aus der Einrichtung, das Gesundheitsamt und der Amtsarzt – zwei Tage vorher mal zusammengesetzt hätten, um weitere Schritte zu beraten.“ Inzwischen sollen weitere Bewohner verlegt werden. Wann, ist noch unklar.

Durch dieses Virus werden die Schwachstellen im System aufgezeigt.

Die Pflegerin 

Martina Müller arbeitet seit Jahren in der Einrichtung. Auch sie trägt täglich Schutzkleidung und Mundschutz. „Glücklicherweise ist es jetzt kälter, weil man sehr darunter schwitzt.“ Seit dem tödlichen Corona-Ausbruch ist ihr bewusst geworden, dass in diesem Land etwas schiefläuft. „Durch dieses Virus werden die Schwachstellen im System aufgezeigt.“ Gerade im Gesundheits- und Seniorenbereich kämen diese zutage.

Das kann Meike Jäger von Verdi nur bestätigen: „Es rächt sich jetzt, dass gerade in diesem Bereich seit Jahren alles kaputtgespart wird. Doch nicht nur dort – auch in den Verwaltungen und in den Ämtern.“ Anstatt dies zu analysieren, werde oft mit dem Finger auf gerade diese Berufsgruppen gezeigt. Martina Müller sagt: „Anfangs sind wir Pfleger als Helden bejubelt worden, jetzt kippt es ins Gegenteil um. Wir sind doch keine Sündenböcke. Ich sehe zurzeit nur, dass sich jeder den schwarzen Peter zuschieben möchte. Anstatt an einem Strang zu ziehen.“

Pflegerin warnte vor den Zuständen

Martina Müller, deren Name zu ihrem Schutz geändert ist, hatte sich bereits im Oktober an den KURIER gewandt – um vor den Zuständen in Bezug auf eine mögliche zweite Welle zu warnen. Sie beklagte, was im Heim alles schieflaufe, nachdem eine Bewohnerin an Corona erkrankt war. Beim Gesundheitsamt Lichtenberg habe man sie angewiesen, die Tests selbst abzuholen.

Das geschah, Tests wurden gemacht, aber die Ergebnisse ließen auf sich warten. Die Pflegerin: „Das hatte zur Folge, dass auch infizierte Kollegen weiterarbeiteten. Einer war sichtlich erkältet, doch sein Ergebnis kam erst eine Woche später. Und ja, er hatte sich infiziert.“ Sie ist heute noch wütend: „Wir waren damals vollkommen verunsichert, haben trotzdem versucht, die Bewohner und auch uns zu schützen. Es sind Quarantäneräume geschaffen worden, alle trugen Schutzkleidung und Mundschutz. Doch anscheinend half das alles nichts.“

Am 19. Oktober habe es eine zweite Testwelle gegeben, auch weil immer mehr erkrankten, sowohl Bewohner als auch Pflegekräfte. Doch auch diesmal musste das Personal tagelang warten, bis es Bescheid bekam. Eine Kollegin, erzählt sie, habe in dieser Zeit keinerlei Symptome gehabt, sei aber später positiv getestet worden. Zehn Tage lang habe die Frau bis dahin weitergearbeitet, bis sie von dem Testergebnis erfuhr. „Es war ein ewiges Hin und Her. Ich kann verstehen, dass die Gesundheitsämter ebenso überfordert sind, aber ich mag es auch nicht, wenn man uns beschuldigt, wir hätten nicht oder fahrlässig gehandelt. Corona ist für alle neu.“

Die Politik sollte Beschlüsse schneller umsetzen

Sie bezieht sich damit unter anderem auf Äußerungen von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). Diese hatte es als „No-Go“ bezeichnet, wenn Beschäftigte im Pflegeheim durch Arbeitgeber trotz Symptomen zur Arbeit angehalten worden sein sollten. Nach ihrer Einschätzung trügen menschliches Versagen und Betreiber, die das Thema Hygiene nicht richtig ernst nähmen, zu derartigen Corona-Ausbrüchen in Heimen.

Martina Müller schüttelt darüber den Kopf: „Wir haben doch tagelang auf die Testergebnisse gewartet. Und haben uns an an die Hygienevorschriften gehalten.“ Sie fügt hinzu: „Wir hätten schon aus der ersten Welle lernen und uns auf eine neue einstellen müssen. Stattdessen ist Corona im Sommer schon kein großes Thema mehr gewesen, es wurde eher fast schon schöngeredet. Meiner Meinung nach wird sowieso viel zu viel geredet, aber oft nicht und wenn erst zu spät gehandelt.“ Diesen Wunsch hat sie an die Politik: „Beschlüsse müssen schneller umgesetzt werden. Die Schnelltests kamen viel zu spät. Wir haben sie jetzt erst bekommen, nachdem die Katastrophe schon da war. Dabei hätte man sie Mitte Oktober schon anwenden können.“

Der tödliche Corona-Ausbruch im Lichtenberger Pflegeheim wird wohl kein Einzelfall bleiben. Seit Pandemiebeginn meldeten 183 stationäre Berliner Pflegeeinrichtungen laut Gesundheitsverwaltung bestätigte Fälle. Insgesamt 1021 Bewohner seien positiv getestet worden – genesene, gestorbene und derzeit noch infizierte Menschen eingerechnet. Bei 603 Mitarbeitern dieser Einrichtungen wurden positive Tests verzeichnet. In drei Heimen in Tempelhof-Schöneberg gibt es aktuell ebenso besorgniserregende Zahlen – 68 Mitarbeiter und Bewohner sollen infiziert sein.