Union-Kolumne

Urs Fischer ist endgültig König von Köpenick

Selten hat ein Coach die Ehrung zum Trainer des Jahres mehr verdient als der Bessermacher des 1. FC Union.

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Urs Fischer geht mit den Eisernen in seine sechste Saison, die fünfte in der Bundesliga.
Urs Fischer geht mit den Eisernen in seine sechste Saison, die fünfte in der Bundesliga.City-Press

Eine andere Wahl zum Trainer des Jahres als die von Urs Fischer hätte es, selbst ohne rot-weiße Vereinsbrille, nicht geben dürfen. Mit einem anderen Votum hätten sich die Fußballjournalisten des Landes, auf die sich das Fachmagazin Kicker bei seiner Umfrage stützt, unglaubwürdig gemacht. 293 von 617 möglichen Stimmen hat der 57-jährige Schweizer erhalten, der mit dem Pokalspiel am Sonntag bei Südwest-Regionalligist SC-Astoria Walldorf in seine sechste Saison mit den Eisernen geht. 16 Stimmen nur fehlten Fischer zur absoluten Mehrheit, um die es hierbei ausnahmsweise jedoch gar nicht geht. Er ist der Beste, egal mit welchem Abstand. Eines machen 230 Stimmen Vorsprung vor dem Heidenheimer Aufstiegscoach Frank Schmidt und 231 vor dem Freiburger Trainer-Urgestein Christian Streich dennoch augenscheinlich: Fischer ist nicht per Zufall der König von Köpenick. Selten hat sich ein Trainer diese Ehrung mehr verdient.

Fischer allerdings wäre nicht Fischer, würde er sich die Anerkennung allein ans Revers heften wollen. Dazu ist er viel zu sehr Teamplayer. „Als Einzelner wirst du das nicht schaffen“, sagte er, „hinter solch einer Auszeichnung steht immer ein Team, ein Verein. Sie alle helfen mit.“ Es ist die typische Mentalität, mit der sie in Köpenick schon immer punkten. Einer für alle und alle für einen, das ist und das bleibt das eiserne Erfolgsrezept. Fischer vereint all das, was die Rot-Weißen aus dem Südosten der Stadt ausmacht, mit Platz vier in der Bundesliga und Unions erstmaliger Qualifikation für die Champions League hat er es nur auf die Spitze getrieben.

Alle wissen, was den Bessermacher des 1. FC Union ausmacht

Inzwischen wissen alle, nicht nur in Berlin, auch in der Bundesliga und zumal in der Schweiz, was den Bessermacher neben seiner fachlichen Kompetenz ausmacht: Bodenständigkeit vor allem; Vertrauen auch in den Spieler auf der Ersatzbank oder den auf der Tribüne; Respekt selbst jenen Mitarbeitern gegenüber, die nicht unbedingt an den Schalthebeln der Vereinsmacht sitzen; menschliche Wärme und soziale Bindung; anhaltende Freundlichkeit und eine angemessene Prise Humor. Wer einmal mit ihm näher zu tun hatte, schätzt seine Ausgeglichenheit, das In-sich-Ruhen und erst recht das Sich-nicht-gar-so-wichtig-Nehmen.

Kein Wunder bei dem Sport, der ihn mindestens so gepackt hat wie der Fußball. Fischer ist passionierter Angler. Seine erste Rute lag einst als Geschenk auf dem weihnachtlichen Gabentisch. Als Büebli stand er mit seinem Vater mitten in der Nacht auf, um an den Zürichsee zu gehen; als Profifußballer an der Limmat, dem Fluss, der durch Zürich fließt, und an der Aare, die sich am Wasserschloss der Schweiz vereinen. Irgendwann wurde er vom Fliegenfischen gepackt, das er im Duo mit seinem Co-Trainer Markus Hoffmann auch in Deutschland pflegt und das er als Ausgleich zu den hitzigen Momenten im großen Fußball genießt. „Der Fang steht für mich nicht im Vordergrund“, hat Fischer einmal gesagt, „sondern zuerst einmal die Freude an der Natur und der Ausgleich zum Fußball. Ich kann beim Fischen bestens herunterfahren, nur noch ans Fischen denken und mich so erholen.“

Unions Urs Fischer (r.) ist als Trainer des Jahres Nachfolger von Freiburgs Trainer-Urgestein Christian Streich.
Unions Urs Fischer (r.) ist als Trainer des Jahres Nachfolger von Freiburgs Trainer-Urgestein Christian Streich.Eibner/Imago

Urs Fischer ist erst der zweite Ausländer, der die Wahl zum Trainer des Jahres gewinnt

Mit seiner Wahl reiht sich Fischer in eine Phalanx der Namhaften ein. Felix Magath und Jürgen Klopp sind dreimal geehrt worden, Jupp Heynckes zweimal. Der Schweizer ist nach dem Niederländer Louis van Gaal, der 2010 mit den Bayern das Double gewonnen hatte und ins Finale der Champions League gekommen war, erst der zweite Ausländer. Zudem ist er der erst vierte Coach, der mit seinem Team weder Weltmeister (2014 Joachim Löw) noch WM-Dritter (2006 Jürgen Klinsmann), auch nicht Meister oder zumindest Vizemeister geworden ist. Er ist eher die Kategorie Christian Streich (2022 mit Freiburg Sechster und Pokalfinalist) und Dirk Schuster, der ganz vorn landete, weil er 2016 mit Darmstadt einen Bundesligaaufsteiger, der zwei Jahre zuvor noch Drittligist gewesen war, auf Rang 14 und damit zum Klassenerhalt geführt hatte.

So souverän sich Unions Erfolgstrainer auch durchgesetzt hat, auf den hinteren Rängen provoziert die Wahl trotzdem zumindest Stirnrunzeln. Genannt wurden, wenn auch nur mit jeweils einer Stimme: Gerhard Kleppinger, mit Sandhausen in die Dritte Liga abgerutscht; Ernst Middendorp, der Meppen dort nicht halten konnte; Pellegrino Matarazzo, in Stuttgart entlassen, bekam in Hoffenheim erst nach fünf Niederlagen die Kurve; Michael Plettl vom SV DJK Dorfbach, dort aber Trainer nicht der Männer, sondern der E-Junioren. Das sind, auch wenn dem Nachwuchs größte Aufmerksamkeit zusteht, Acht- bis Elfjährige, bei denen es in der Regel weniger um taktische Elemente geht, sondern eher ums Binden der Schnürsenkel. Wie zum Hohn taucht mit Sebastian Tyrala ein Coach von TuS Bövinghausen auf. Nur hat der Ex-Profi, der für den DFB im Nachwuchs spielte und für Polen sogar ein A-Länderspiel bestritt, den TuS im Dezember 2022 wieder verlassen. Auch wenn einige da besonders schlau oder witzig sein wollten – Leute, habt ihr den Abseitspfiff nicht gehört?

An Urs Fischer rüttelt das kein bisschen. Er und Rang eins stehen eisern!