Die Frage stellt sich seit dem Wochenende fast jeder in Deutschland: Was ist nur mit der einst so stolzen SPD los? Wie verzweifelt müssen die Genossen sein, wenn sie mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans erstmals zwei Parteichefs wählen, deren Namen viele im Land bisher noch nie gehört haben?
Zwei Nobodys, die vor Wochen weit hinten in der SPD-Hierarchie standen, und nun zum letzten Gefecht plötzlich an der Spitze stehen sollen, um die Traditionspartei vor dem drohenden Sturz in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit zu retten, die in aktuellen Umfragen zwischen 13 und 15 Prozent herumdümpelt.
Historische Größen der SPD
Wer heute rückblickend auf die SPD schaut, sieht eine Partei, die einst von starken Persönlichkeiten getragen und zum Erfolg geführt wurde.
Politiker wie Kurt Schumacher (1895-1952), der im Nachkriegsdeutschland die Sozialdemokratische Partei wieder aufbaute, einer der Gründungsväter der Bundesrepublik war. Oder Willy Brandt (1913-1992), der als Regierender Bürgermeister im geteilten Berlin, als erster SPD-Kanzler und später als Parteichef nicht nur der Sozialdemokratie in Deutschland sondern auch der Bundesrepublik zu einem großen internationalem Ansehen verhalf.
Man erinnere sich nur an die „neue Ostpolitik“, die er in den 70er-Jahren einleitete. Dazu gehörte Brandts historischer Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos.
Willy Brandt und sein historischer Kniefall in Warschau gehörte zur Ostpolitik der SPD.
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Eine Geste mit der Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges, die in der Folge zu dem erfolgreichen Entspannungsprozess zwischen dem westlichen und dem östlichen Machtblock in Europa beitrug.
Mit ihrer Ostpolitik war die SPD damals vor allem für die Menschen in der DDR ein Hoffnungsträger. Brandts Besuch 1970 in Erfurt half für viele Ostdeutsche, mit neuen Regelungen die Mauer durchlässiger zu machen.
In diesem Sinne machte später auch SPD-Kanzler Helmut Schmidt (1918-2015) weiter, als er im Dezember 1981 in die DDR reiste, sich mit dem damaligen Staatschef Erich Honecker auf dem Jagdschloss Hubertusstock am Werbellinsee traf.
Der Mann mit der Elbsegler-Mütze war im Osten Kult: Helmut Schmidt beim Treffen mit Erich Honecker.
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Sozialdemokraten mit Ausstrahlung und klaren Ansage wie Brandt oder Schmidt waren einst auch ein Grund für die Wähler, ihr Kreuz bei der SPD zu machen. Das war nicht nur damals im Westen so, auch im Osten nach der deutschen Wiedervereinigung.
Für SPD-Erfolge in Ostdeutschland sorgten Sozialdemokraten wie Regine Hildebrandt (1941-2001), die offen aussprach, wo den Menschen im Einheitsprozess die Probleme drückten.
Machten im Osten erfolgreich SPD-Politik: Manfred Stolpe und Regine Hildebrandt.
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Manfred Stolpe zählte genauso dazu, der nicht umsonst jahrelang Ministerpräsident in Brandenburg war. Mit persönlichem Einsatz, immer dicht bei den Menschen wie im Kampf gegen das Oder-Hochwasser in den 90er-Jahren: Auch „Deichgraf“ Matthias Platzeck bewies überzeugend, sozialdemokratische Politik durchzusetzen.
Zu dieser SPD-Garde gehörte auch der einstige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
Anpacken, für soziale Gerechtigkeit kämpfen: Dies waren ebenfalls die Ziele des vorerst letzten SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. In seiner Amtszeit (1998-2005) versuchte er, mit der Agenda 2010 das deutsche Sozialsystem und den Arbeitsmarkt zu reformieren. Zu dem umstrittenen Programm zählte das Hartz-IV-System.
Gerhard Schröder wollte mit der Agenda 2010 das Sozialsystem reformieren. Am Sonntag distanzierte er sich von der neuen Parteiführung.
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Doch schon unter Schröder kriselte es in der SPD. Interne Machtkämpfe, entfacht von Rudolf Scharping oder Oskar Lafontaine (heute bei den Linken), leiteten die Krise ein. Durch das spätere Mitregieren im Schatten der CDU-Kanzlerin Angela Merkel verlor die SPD weiter an Durchsetzungskraft und Glaubwürdigkeit.
Mittlerweile vertreten Linke und Grüne SPD-Politik besser als die Sozialdemokratische Partei. Wozu braucht man sie also noch?
Die Genossen wollen daher den Linksschwenk ihrer Partei – mit Walter-Borjans (Ex-Finanzminister von Nordrhein-Westfalen) und der Bundestagsabgeordneten Esken.
Doch das letzten Aufgebot, das die SPD eher heute als morgen aus der GroKo holen soll, fehlt die Ausstrahlungskraft einstiger Sozialdemokraten, um die Partei vor dem Abgrund zu bewahren.
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