Zwangsräumung

Der Rauswurf der alten Dame

Christel Haack (78) fliegt am Freitag nach 30 Jahren aus ihrer Wohnung

CLAUDIA PIETSCH (Text) und SVEN LAMBERT (Fotos)
Lesezeit 3 Min
Christel Haack hat nicht gepackt. Sie hofft inständig: „Vielleicht kann ich doch bleiben.“

Christel Haack hat nicht gepackt. Sie hofft inständig: „Vielleicht kann ich doch bleiben.“

© Lambert Lizenz

Christel Haack hat im Erdgeschoss des schmuck sanierten Hauses zwei Zimmer, Küche, Bad. Die Wohnung zeigt deutlich Zeichen der Zeit, denn sanieren lassen wollte die Frau ihre Räume nicht. Im Wohnzimmer überall die stummen Zeugen eines langen und schweren Lebens. Fotografien der sechs Geschwister von Christel Haack stehen auf einem Tisch.

„Wir wohnten in Mitte, wurden im Zweiten Weltkrieg zweimal ausgebombt“, erinnert sich die Frau mit den wachen Augen. Auch an der Wand hängen Fotos. „Das ist mein Mann Erich, der hier in der Straße eine Werkstatt für Ballettschuhe betrieb.“ Seit 1960 wohnt Christel Haack in Prenzlauer Berg. Vor 30 Jahren bezog sie ihre jetzige Wohnung. Es ist seit Jahrzehnten ihr Kiez. Heute gilt er bei vielen als angesagt, Wohnungen hier, ganz nah an der Schönhauser Allee, sind begehrt.

Veranlasst hat die Zwangsräumung Vermieterin Doris Pospischil aus Bayern. Ihr gehört das Haus, sie bekam den Familienbesitz nach der Wende zurück. Jetzt lässt sie die alte Dame aus der Wohnung werfen. „Es sind Rückstände bei Miete und Betriebskosten aufgelaufen, mehrere tausend Euro, es geht jetzt nicht mehr“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir haben seit sieben Jahren alles versucht, um uns mit Frau Haack gütlich zu einigen, haben ihr sogar eine gleichwertige Wohnung in Prenzlauer Berg angeboten. Doch Frau Haack hat unsere Unterstützung nie angenommen.“

Christel Haack hingegen beteuert, die Miete immer bezahlt zu haben. Sie zeigt den KURIER-Reportern Kontoauszüge. 583,66 Euro werden monatlich abgebucht. Begleichen kann sie das nur, weil sie vom Sozialamt zusätzlich zu ihrer Rente Grundsicherung erhält. „Schulden habe ich nicht“, ist sie sich sicher. Als das Amt von der drohenden Zwangsräumung erfuhr, beauftragte es die „Gebewo Soziale Dienste“, zu helfen. Die zuständige Sozialarbeiterin: „Wir haben Frau Haack mehrere Wohnungen und auch ein Seniorenheim angeboten, doch sie wollte nicht.“

Eine davon habe sie besichtigt, erzählt Christel Haack. „Weit hinter der Wollankstraße, da wollte ich nicht hin“. Und ein Altenheim komme gar nicht in Frage. Christel Haack ist krank. Ihre Ärztin: „Es besteht weiterhin die Gefahr der erheblichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes bis hin zu lebensgefährlichen Einschränkungen bei einer Zwangsräumung.“ Doch gerade die steht nun an, und Christel Haack hat Angst vor dem Morgen. Sie wünscht sich: „Vielleicht könnte ich wenigstens bis nach meiner nächsten Operation hierbleiben.“

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