Zum Gedenken ließ Annelie Cohn (77) zwei Stolpersteine vor dem Haus ihrer Kindheit verlegen

"... und dann holten die Nazis meine Nachbarn ab"

M. WILMS
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Eiskalter Wind weht am 19. Januar 1942 durch die Althoffstraße in Steglitz. Das jüdische Ehepaar Sally und Johanna Cohn steht mit einem kleinen Koffer vor der Haustür von Nummer 4. Es wird das letzte Mal sein, dass die neunjährige Annelie, die zufällig auch Cohn mit Nachnamen heißt, ihre liebenswerten Nachbarn aus dem 3. Stock sieht. Denn an diesem Tag werden die Nationalsozialisten 1002 Juden vom Bahnhof Grunewald nach Riga deportieren.Annelie geht nach draußen, wo ihr Vater Alfred dem älteren Paar zuhört. Die Söhne seien ja nach Schanghai ausgewandert. Aber die eigene Reise habe nun ein anderes, ungewisses Ziel. Vier Tage wird die Fahrt im Güterwagen dauern. Es ist eine Fahrt in die von den Nationalsozialisten geschaffene Hölle, die nur 19 der 1002 Menschen aus dem Zug überleben werden. Sally und Johanna Cohn gehören nicht dazu."Ich wusste nicht, wohin die Nazis unsere Nachbarn brachten. Aber ich hatte ein schreckliches Gefühl - und konnte den Tag niemals vergessen", sagt die Wahl-Hamburgerin Annelie Cohn heute, 68 Jahre danach. Jetzt steht die Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter wieder vor dem Haus ihrer Kindheit. Dort, wo sie einst von ihren Nachbarn Abschied nahm.Um deren Schicksal dem Vergessen zu entreißen, hat sie zwei goldene "Stolpersteine" für die Cohns bestellt und die Anwohner zu deren Verlegung eingeladen. Der Künstler Gunter Demnig (62) lässt die Steine ins Pflaster vor dem Wohnhaus ein. Dann spricht der Rabbiner-Student Yuriy Kadnykov (35) das Kaddisch, das jüdische Totengebet.Schon 22 000 dieser Gedenksteine wurden in 530 Städten verlegt. Allein 20 waren es am Wochenende in Berlin. Sie erinnern daran, was zur Zeit der Nazi-Diktatur an diesen Orten geschah. Deshalb trägt jeder eine Gravur mit dem Namen eines Opfers."Jetzt kommen alle Erinnerungen wieder hoch", sagt Annelie Cohn ein wenig aufgeregt, als sie nach der Gedenkfeier das Mietshaus betritt. Der Steinboden und die Fenster im Flur sind noch dieselben wie früher. Sogar der alte Herd steht noch in der elterlichen Parterre-Wohnung, die inzwischen als Fahrradraum dient.Hier musste Annelie als Kind selbst große Ängste ausstehen, denn auch ihr Vater Alfred war ja jüdischen Glaubens. 1933 hatte er seine kaufmännische Stelle in Frankfurt am Main verloren. Die Familie zog nach Steglitz, wo ihnen die christliche Oma mütterlicherseits Schutz gewährte."Vater musste Zwangsarbeit bei der S-Bahn leisten. Aber vom Tod war er zunächst nicht bedroht, weil meine Eltern eine sogenannte ,privilegierte Mischehe' führten", sagt Annelie Cohn. Den Luftschutzkeller durfte ihr Vater jedoch nicht betreten, um sich vor den Weltkriegs-Bomben zu schützen. Trotzdem überlebte die ganze Familie bis zu dem Tag im Mai 1945, an dem russische Offiziere in der Straße parkten.Der Vater hatte sich extra das russische Wort für "Jude" aufschreiben lassen. Und so bekannte er sich jetzt erstmals seit zwölf Jahren offen zu seinem Glauben. Es war ein Schlüsselmoment, der das Schreckenskapitel in der Geschichte der Familie Cohn beendete. Die Zukunft war wieder offen: Annelie machte Abitur, ging für ein Jahr nach Portugal, wurde Lehrerin. Aber, so sagt sie: "Die Erinnerung an diese Zeit lässt mich doch nie los ..." M. WILMS------------------------------BU: Die Nazis deportieren Juden in ein Vernichtungslager (ganz li.). Annelie Cohn spielt als kleines Steglitzer Mädchen im Hof. Ihre Eltern Alfred und Claire sitzen 1940 im Garten.

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