Bloß nichts anfassen! Keine Türklinke, keine Tasse, kein Lebensmittel! Und wenn, nur mit Handschuhen! Und selbst dann alle paar Minuten ins Badezimmer, Hände ausgiebig einseifen und mit abspülen! Denn überall lauern Bakterien!Caroline M. (24) empfand ihr Verhalten anfangs als "Marotte". Doch schließlich wurde es "unerträglich". Nicht nur dass sie täglich 300 Einmal-Handschuhe verbrauchte. Immer seltener verließ sie ihre Wohnung, sogar ihr Studium unterbrach sie. "Ich hielt es draußen nicht mehr aus. Alles war schmutzig."Was Caroline M. quälte: eine Zwangserkrankung. Der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen zufolge müssen 1,6 Millionen Bundesbürger ständig waschen, putzen, kontrollieren, sammeln, ordnen, zählen ... Frauen verfallen häufiger einem Waschzwang, Männer einem Kontrollzwang.Ärzte sprechen von einer Zwangserkrankung, wenn ein Mensch stark unter seinem Verhalten leidet: wenn sein normales Leben beeinträchtigt ist."Bei krankhaften Zwängen ist der Patient wie besessen von einem Gedanken. Sobald die Zwangshandlung erfüllt ist, klingen Angst und Unruhe für eine begrenzte Zeit ab", erläutert Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt, die auf psychosomatische Erkrankungen spezialisiert ist.Das Problem: Je länger eine Zwangserkrankung andauert, desto weniger wirksam sind die Handlungen, die der Betroffene einsetzt, um die aufdringlichen Gedanken loszuwerden. So kann ein kurzes Waschritual ausreichen, um eine Person mit Angst vor Bakterien zu beruhigen. Hält der Zwang an, muss der Betroffene sich immer häufiger und länger waschen, um dieselbe Beruhigung zu erreichen.Wie eine Zwangserkrankung entsteht, ist noch nicht genau geklärt. Studien haben gezeigt, dass die Gene eine große Rolle spielen: Der Hirnstoffwechsel ist gestört, es mangelt am Botenstoff Serotonin, der für die Kommunikation zwischen den vorderen Gehirnbereichen und tieferen Gehirnstrukturen verantwortlich ist. Anfällig für eine Zwangsstörung sind auch stressanfällige Menschen.Zwänge können am besten mit einer Verhaltenstherapie behandelt werden. In schweren Fällen sollte sie in einer Klinik durchgeführt werden. Man kann sie aber auch ambulant machen, also zu Hause wohnen und regelmäßig Termine bei einem Therapeuten wahrnehmen.In der Verhaltenstherapie lernt der Betroffene, wieder normal zu reagieren. Menschen mit Waschzwängen zum Beispiel ertragen keine Türgriffe, sie sollen in der Therapie Klinken anfassen und aufWaschrituale verzichten. "In den ersten Stunden löst das große Ängste aus", sagt Dr. Osen. "Später merken sie, dass nichts Schreckliches passiert, wenn sie nicht sofort die Hände waschen." Die Anspannung sinkt. Nach vielen Übungen erkennen die Betroffenen: Ich bin Herr meiner Zwänge.Caroline M. meldete sich auf Anraten ihrer Eltern zu einer Verhaltenstherapie an. Sie wurde acht Wochen in der Bad Bramstedter Klinik aufgenommen. Ihr Ziel: Wieder ein normales Leben führen, einen geregelten Tagesablauf haben. "Ich möchte wieder Freunde treffen können und auch mein Studium wieder aufnehmen."------------------------------DIE HÄUFIGSTEN ZWÄNGEKontrollzwang: Man befürchtet, durch Unachtsamkeit eine Katastrophe auszulösen, kontrolliert immer wieder, ob die Kaffeemaschine aus, die Tür geschlossen ist...Ordnungszwang: Man hält alles penibel in Ordnung, stapelt zum Beispiel Konservendosen auf eine bestimmte Art und Weise im Regal.Sammelzwang: Man kann nicht unterscheiden zwischen wichtigen Erinnerungsstü-cken und wertlosem Müll - nichts wird weggeworfen.Waschzwang: Man verspürt panische Angst vor Schmutz, Bakterien und Viren. Das führt zu ausgiebigen Wasch- und Reinigungsritualen.Wiederholzwang: Man wiederholt alltägliche Handlungen: schüttelt mehrmals am Tag das Bettzeug auf oder putzt sich die Zähne.Zählzwang: Man verspürt den Drang, bestimmte Dinge wie Bücher im Regal, Fliesen an der Wand oder Latten an einem Zaun immer wieder zu zählen.------------------------------BU: Mit Dr. Bernhard Osen will sie Ihre Zwänge bezwingen.
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