10.000 fehlende Grundschulplätze

Soll ich meinem Kind selbst lesen beibringen?

Prognose für Schuljahr 2021/22: 10.000 Grundschulplätze werden in Berlin fehlen.

Sabine Rennefanz
Lesezeit 4 Min
Wer bekommt einen Schulplatz? Und wo? Und von wem wird das Schulkind unterrichtet werden?

Wer bekommt einen Schulplatz? Und wo? Und von wem wird das Schulkind unterrichtet werden?

© imago images / Westend61

Sollen wir ihm selbst lesen beibringen?

Und wer wird ihn unterrichten? Womöglich jemand, der vorher noch nie vor einer Klasse gestanden und null pädagogische Erfahrung hat? Schon jetzt ist jeder dritte eingestellte Lehrer ein so genannter Quer- oder Seiteneinsteiger. Schon jetzt sind die Leistungen Berliner Grundschüler in Mathematik und Lesen im Vergleich zu anderen Bundesländern miserabel. Vielleicht ist es besser, wir bringen unserem Sohn gleich selbst lesen und schreiben bei. Home Schooling? Nach Brandenburg in ein leeres Dorf ziehen?

2014 war ein besonderes Rekordjahr, es wurden fast 40.437 Babys geboren, 13 Prozent mehr Babys geboren als im Vorjahr. Mein Sohn war einer davon. Wie kann das sein, die Geburtenzahlen steigen seit Jahren, und jetzt ist man überrascht und beruft einen „Krisengipfel“ ein? Fünf Jahre später?

Schulpflicht – aber nicht genügend Schulplätze

Ich habe bisher immer dagegen argumentiert, wenn Berlin als „Failed State“ bezeichnet wurde. Aber inzwischen gehen mir die Argumente aus. Home Schooling ist verboten, es gibt in Deutschland eine Schulpflicht, das heißt, der Staat ist verpflichtet, ausreichend Schulplätze zur Verfügung zu stellen. Wie kann es sein, dass eine Verwaltung das nicht hinkriegt und sich niemand verantwortlich fühlt?

Ich habe gelesen, dass Stefan Zillich, der haushaltspolitische Sprecher der Linken gesagt hat, der Senat müsse umgehend eine Einschätzung abgeben um zu sagen, wie ernst die Lage ist. Das heißt also, niemand weiß genau, wie ernst die Lage ist?

Ein Baby bekommt eine Woche nach der Geburt eine Steuernummer, aber der Staat schafft es nicht, sechs Jahre später einen Schulplatz einzurichten? Es fehlt an allem, Gebäude, Lehrer, Erzieher. In Pankow werden bis 2022 vier neue Schulen gebaut, man bräuchte aber 22. Wie lebt eine Bildungssenatorin damit, dass sie nicht einmal die Grundlagen der Versorgung gewährleisten kann? Und warum lässt sich ein Regierender Bürgermeister das bieten? Sandra Scheeres ist seit 2011 Bildungssenatorin, man kann nicht sagen, sie hat nichts gewusst. Sie hat andere Prioritäten gesetzt: Ihr war es wichtiger, das Geld in den kostenlosen Kitabesuch – um mehr und das kostenlose Schul-Mittagessen zu stecken, statt die Basics zu planen.

Das Mantra der SPD: Kostenlos, kostenlos, kostenlos 

Kostenlos, kostenlos, kostenlos, das war das Mantra der SPD. Berlin feiert sich kürzlich für die neuen Exzellenzunis und es ist toll, dass es hier immer mehr Spitzenforschung gibt. Aber was ist mit den Berliner Kindern, die aus denen einmal die Spitzenforscher werden könnten?

Das Argument für die Kostenlos-Kultur war die Herstellung von Chancengleichheit: Ob das geklappt hat, ist unklar. Wie man mit seinen Kindern durch das Berliner Bildungssystem kommt, hängt vom Glück ab, vom Engagement der Eltern und vom Geldbeutel. Es geht mit den Babys los, man muss kämpfen, um einen Kitaplatz zu bekommen, sich auf Dutzende Kita-Wartelisten setzen, immer wieder anrufen und nachfragen und die Leiterinnen bezirzen. Sich im Wettbewerbskampf durchzusetzen, gelingt Akademiker-Eltern eher. Inzwischen ist die Betreuungsquote in Berlin in Kitas von 97 Prozent auf 91 Prozent zurückgegangen. Wer selbst ein Kind in der Kita hat, weiß, wie voll die Gruppen sind und wie groß die Fluktuation des Personals.

Im Schuldrama können sich Akademiker-Eltern womöglich eher behaupten: Sie können sich einklagen, sie können es sich womöglich leisten, auf eine Privatschule auszuweichen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Verwaltung sogar drauf kalkuliert, dass nach dem Bekanntwerden der Zahlen viele Mittelschichtseltern auf Privatschulen fliehen. Die dann auch überfüllt sind.

Krippe, Kita, Schule – Zittern um Plätze geht weiter

Denn selbst wenn wir zu den Glücklichen gehören, die einen Platz an der Grundschule ergattern, geht das Zittern spätestens beim Wechsel auf die Oberstufe weiter. Vor einigen Jahren wurde das Ortsprinzip abgeschafft, es wurde als „mehr Wahlfreiheit“ verkauft, ganz Berlin gilt als Einzugsbereich. Viele Gymnasien sind überlaufen, an manchen Pankower Gymnasien gilt ein Numerus Clausus von 1,1 – den überwiegend nur Mädchen erreichen, weil Mädchen in dem Alter bessere Noten erzielen. Der Sohn einer Bekannten ging bei allen drei Wunschschulen im Bezirk leer aus, ihm wurde eine Schule in Grunewald angeboten. Von Pankow nach Grunewald, täglich.

Es kann uns passieren, dass unser Sohn, wenn er 13 ist, eine Stunde durch die Stadt fahren muss, um an seine Schule zu kommen. Das hieße, er würde zwei Stunden pendeln, keine Zeit für Musik oder Sport. Mit seinen Schulfreunden könnte er sich nicht mal eben am Nachmittag treffen. Laut dem Pankower Bildungsstadtrat Torsten Kühne pendelten im vergangenen Schuljahr bereits dreitausend Jugendliche in andere Bezirke. Und da bekanntermaßen die Zahlen der Grundschüler steigen, sind die nächsten Probleme absehbar.

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