Kinder erschrecken, Freunde, die Kunden im Laden. Aber das tut sie nicht. Denn eigentlich zaubert Kirsi Hinze nicht so gern. Das ist insofern erstaunlich, als dass sie mit ihrer Freundin Karen German den ältesten Zauberladen Berlins betreibt, möglicherweise auch Deutschlands oder gar der Welt.
Seit 1884: Auf der linken Schaufensterseite hängen noch Fotos von den Anfängen.
© Andreas Klug
Den Zauberkönig gab es schon, als das Automobil noch nicht erfunden war und die Freiheitsstatue nicht gebaut, als Franz Kafka gerade seine ersten Kinderschritte lief und in Deutschland noch ein Kaiser regierte. „Seit 1884“, steht neben dem Schriftzug an der Glasfront des Geschäfts an der Neuköllner Hermannstraße.
Der Zauberkönig, er ist ein Zeitzeuge. Ein Vermächtnis. Ein Laden mit einer Geschichte so wechselhaft wie das vergangene Jahrhundert. Bis jetzt. Denn das Grundstück wechselt den Besitzer, die baufällige Nachkriegsbaracke wird abgerissen. Und der Zauberkönig schließt, zumindest vorrübergehend.
Bonbons und Handschellen
Kirsi Hinze hat die Zunge wieder auf den Ladentisch gelegt. Um sie herum in den Regalen türmen sich Kaleidoskope, Schachteln mit Trickkarten und Zombiezähne. Clowsnasen, färbende Seife und Toilettenauflagen mit Knalleffekt. Knoblauch-Bonbons, blutige Ohren, Spieluhren und magische Würfel. Masken schneiden Fratzen von der Decke, an einer Kleiderstange glitzern Kostüme. Seit sechs Jahren betreiben die beiden jungen Frauen das Geschäft.
Gerade betritt ein Mann den Laden, ganz in Schwarz gekleidet, mit ausrasierten Schläfen, dicken Kopfhörern um den Hals und Piercings im Gesicht. Er blickt etwas verlegen, als er den Fotografen und die Reporterin sieht, überlegt offenbar, auf der Schwelle kehrt zu machen. Fasst sich dann doch ein Herz und fragt leise: „Haben Sie Handschellen?“
Artisten vom Cirque du Soleil
Die Kunden, die in das Geschäft kommen, sind so vielfältig wie das Publikum vor der Tür. Hier im Warthekiez, wo sich seit ein paar Jahren Concept Stores und Cupcake-Cafés zwischen die Handyshops und Shishakneipen mischen, wo die Mietpreise explodieren und doch laut dem letzten Sozialbericht noch die Hälfte aller Kinder in Armut lebt – hier ist der Zauberkönig zugleich ein Wunderland für die Kiezbewohner und eine Anlaufstelle für bekannte Magier aus ganz Deutschland.
„Artisten vom Cirque du Soleil kommen durch die Tür, Zauberer im Frack auf dem Weg zu einer Show, auch schon einmal Jürgen von der Lippe auf der Suche nach einem bestimmten Trick“, erzählt Karen German. „Aber auch die Kids aus der Gegend kaufen Spritzringe und beschießen sich vor dem Laden mit Wasser.“ Die Freude der Kunden sei das schönste, fügt ihre Freundin an, „sie treibt uns an, obwohl wir keine passionierten Zauberinnen sind.“
Neue Gebäude
Aus dem Kiez wegzuziehen, kam für die beiden 32-Jährigen nie wirklich in Frage. Auch nicht, als sie im Dezember schwarz auf weiß erhielten, was sie eigentlich von Beginn an wussten: dass sie raus müssen. „Im Prinzip konnten wir von Glück reden, dass die Kündigung erst nach sechs Jahren kam und nicht schon nach drei“, sagt Kirsi Hinze.
Der evangelische Friedhofsverband, dem das an ein Gräberfeld grenzende Grundstück gehört, will es an eine gemeinnützige Stiftung verkaufen. Er verrät bisher nur, dass die Kaufinteressenten neue Gebäude errichten und einen Kulturbetrieb etablieren wollen.
Euphorie während der 20er Jahre
Die Buden mit der Anschrift Herrmannstraße 84-90 waren nie für die Ewigkeit gedacht. Eilig nach dem Krieg errichtet, hat die Bausubstanz mittlerweile deutlich mehr Jahre auf dem Buckel, als es sich Karen Germans Großvater Ende der Siebzigerjahre vielleicht hatte träumen lassen. Zu dieser Zeit gab es die Marke Zauberkönig schon seit knapp hundert Jahren. Begonnen hat die Geschichte aber nicht etwa in Neukölln, sondern in der Friedrichstraße.
Josef Leichtmann, ein Magier aus Wien, eröffnet 1884 in unmittelbarer Nähe von Metropol-Theater und Wintergarten sein Geschäft. Es ist das dritte Zauberhaus, zwei weitere sollen folgen. Leichtmanns Tochter Charlotte, eine von vier „magischen Schwestern“, übernimmt den Laden 1906 gemeinsam mit ihrem Mann Arthur Kroner. Sie erleben die Euphorie während der 20er Jahre, als in Berlin die Lust am Vergnügen, der Illusion und der Magie brodelt. Und sie sind Teil des dunkelsten Kapitels des Zauberkönigs, das zugleich das größte Grauen des vergangen Jahrhunderts ist.
Stolperstein in der Friedrichstraße
Weil die Kroners Juden sind, müssen sie 1938 ihren Laden in „arische Hände“ geben. Regina Schmidt, eine Angestellte des Hauses, übernimmt. Charlotte und Arthur Kroner harren mit Tochter Meta in Berlin aus, hoffen, doch irgendwann ihr Geschäft zurückzubekommen.
Doch Anfang der 40er Jahre verhaftet die Polizei Meta am Alexanderplatz, aus dem Gefängnis in der Lehrter Straße wird sie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Eltern kommen der Deportation zuvor, indem sie Gift trinken. Sie ruhen auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, ein Stolperstein in der Friedrichstraße erinnert an ihr Schicksal.
In dem Geschäft finden Kenner Zauberraritäten, die sonst kaum noch zu haben sind.
© Andreas Klug
Nach dem Krieg betreibt Regina Schmidt das Geschäft weiter, zieht mit ihm 1952 aus der Friedrichstraße, die nun im Ostteil der Stadt liegt, in die Baracke an der Herrmannstraße. Als sie 1979 stirbt, übernimmt Günter Klepke den Laden, ein bekannter Berliner Illusionist, der Regina Schmidt aus dem Kegelverein kennt. Und der Großvater von Karen German. 1995 übergibt er an seine Tochter Mona Schmidt, die Tante der heutigen Betreiberin.
„Alle werden fragen, wie es weitergeht“
Obwohl Karen German kaum Kindheitserinnerungen an die Zauberei hat, keine herumwirbelnden Tücher oder Kartentricks auf Opas Knien, sieht sie 2011, als ihre Tante das Geschäft aufgeben will, eine Chance. Eine Chance auf einen moderneren Zauberkönig, noch immer mit Tante-Emma-Charme, aber auch mit Onlineshop und Facebook-Account.
Auch eine wirtschaftliche Chance. „Ich hatte gerade mein Studium fertig, Kulturwissenschaften, und meine Freundin Kirsi ihre Ausbildung als Grafikdesignerin. Es passte einfach“, erzählt Karen German, während sie eine Kiste mit Gummifingern auspackt.
Kirsi Hinze (links) und Karen German führen das Geschäft seit sechs Jahren.
© Andreas Klug
Am Anfang besucht ihr Großvater die Nachwuchszauberinnen jeden Sonnabend im Laden, bringt ihnen Tricks bei. Mittlerweile lässt seine Gesundheit das nicht mehr zu. Auch zum Abschiedsfest am 12. Mai kann er nicht kommen.
Zwischen 12 und 18 Uhr verzaubern dann auf einer Bühne jede Stunde Artisten ihr Publikum, die beiden Betreiberinnen wollen ein paar Worte sagen. „Wir haben fast etwas Angst vor zu viel Rummel“, sagt Kirsi Hinze. „Alle werden fragen, wie es weitergeht.“
Neustart Ende 2019
Dass es weitergeht, ist ihnen klar. Bisher steht das Auszugsdatum fest: am 30. Juni, besenrein. Nicht auszuschließen ist aber, dass der neue Eigentümer dem Zauberkönig in den kommenden Wochen, wenn er den Kaufvertrag einmal unter Dach und Fach hat, noch eine Gnadenfrist bis Ende des Jahres gewährt. Dann wäre die Überbrückungszeit für Karen German und Kirsi Hinze nicht so lang.
Denn die beiden haben eine mündliche Zusage, den Betrieb ab Ende 2019 auf der gegenüberliegende Straßenseite fortzuführen. Dort, auf dem St. Thomas Friedhof, baut der evangelische Friedhofsverband ein Gebäude für seine Verwaltung.
Tricks lernen
Auch zwei Gewerbeflächen sind in dem Gebilde aus Holz und Glas geplant, eine davon hat der Verband dem Zauberkönig als Entschädigung versprochen. Vielleicht lernen Karen German und Kirsi Hinze – die zwei Zauberladenbetreiberinnen, die nicht gern zaubern – bis dahin ja noch ein paar Tricks.
Zum Abschied schnappt sich Kirsi Hinze ein Malbuch mit leeren Seiten, schlägt es zu, schnippst mit dem Finger, und blättert erneut durch diesmal bunte Zeichnungen. Das sieht doch schon einmal ganz vielversprechend aus.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com