Wolfgang Schmidt wurde zum Vorzeigesportler der DDR
Über 25 Jahre war er wie vom Erdboden verschluckt. Nun ist er wieder da. Die Gegend kennt er gut. „Das war mal mein Zuhause, meine Heimat, mein Wohnzimmer“, sagt er, früher mal einer der besten Diskuswerfer der Welt. Noch heute – 41 Jahre nach seinem Weltrekord – führt ihn der internationale Verband IAAF in der ewigen Bestenliste als Nummer 14. Die 65 sieht man ihm nicht an. Sein Händedruck ist kraftvoll.
Schmidt wächst im ehemaligen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg auf, in der Stahlheimer Straße, am Humannplatz. Sportlich ist er ein Riesentalent, groß, kräftig, schnell. In der DDR ist die Karriere für so ein Juwel vorgezeichnet. Und es läuft ja: 1976 Olympia-Silber in Montreal. 1977: Weltcup-Sieger. 1978: Weltrekord in Ost-Berlin und Europameister in Prag. Der Weltrekord mit der Zwei-Kilo-Scheibe – 71,16 Meter am 9. August 1978 im Sportforum – gehört ihm immerhin 1754 Tage. Er avanciert zu einem Vorzeigesportler der DDR.
Schmidt spürt heute keinen Hass auf die DDR
Doch Schmidt hegt andere Pläne, er will kein „Diplomat im Trainingsanzug“ sein. Und vor allem will er raus aus der DDR. Kalifornien, der Golden State, lockt den Mann, der sich „an den Preisgeldern und den Freiräumen des Westens orientierte“, schreibt Volker Kluge im „Lexikon der DDR-Sportler“. Für die Mächtigen ist der rebellische Kraftprotz ein enfant terrible. Der Sohn von Verbandstrainer Ernst Schmidt plant seine Flucht in den Westen, mit einem Hubschrauber. Die Stasi setzt einen Spitzel auf ihn an. Schmidt merkt nichts. Der Anfang vom Ende einer Bilderbuch-Karriere: Statt „rüber zu machen“ wird er eingelocht.
Schmidts größter Triumph: Bei der Siegerehrung für die besten Diskuswerfer bei den Olympischen Sommerspielen 1976 in Montreal bekam er die Silbermedaille.
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„Ich habe 15 Monate im Gefängnis gesessen. Die ganze Sportkarriere wurde mir damit kaputt gemacht. Als ich einen Rechtsanwalt zwecks Ausreiseantrag sprechen wollte – da hat der Typ von der Stasi mich ausgelacht und sagte wörtlich: Dann wird es dir eines Tages auch so gehen wie Lutz Eigendorf“, sagt Schmidt. Die Drohung mit dem Schicksal des Ost-Fußballers schockt selbst den coolen Diskusriesen. Nach einem „Freundschaftsspiel“ beim 1. FC Kaiserslautern setzte sich Eigendorf ab, bat in der Bundesrepublik um politisches Asyl. Er spielte als Profi bei den Pfälzern, später in Braunschweig. Am 7. März 1983 verunglückt er in seinem Auto tödlich. Der lange Arm der Stasi? Bewiesen ist nichts. Spürt er Hass auf die DDR, sein Heimatland? „Nein, gar nicht“, sagt er heute. „Eher weiß ich, was ich der DDR zu verdanken habe.“
Der Deutsche Verband für Leichtathletik beschloss 1990 die Freigabe Wolfgang Schmidts
Erst 1987 darf der 33 Jahre alte ehemalige Diskus-Weltrekordler legal ausreisen. „Der 2. November 1987 war der glücklichste Tag in meinem Leben – der Tag, an dem ich ausgereist bin und frei war“, erzählt Schmidt.
Nach einem Kurzaufenthalt in Hamburg zieht er 1988 nach Stuttgart, schließt sich den Kickers an. Im Jahr des Mauerfalls steigert er den deutschen Rekord auf 70,92 Meter. „Im Westen war ich dann ein freier Mann, das war ein schönes Gefühl“, erzählt der Rolling-Stones-Fan. Den 9. November 1989 erlebt Schmidt in Stuttgart. Mit einem ehemaligen Stabhochspringer, aus der DDR geflüchtet, trifft er sich abends in einem Restaurant am Schlossplatz. „Du, die Mauer ist offen!“, hört er plötzlich. „Watt? Die Mauer offen? Ich konnt's gar nicht glauben. Nein, geheult habe ich nicht... Aber ich dachte: Na, ditt is ja ein Ding!“
Heute ist Wolfgang Schmidt 65 Jahre alt und lebt in Berlin.
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Im Februar 1990 beschließt der Deutsche Verband für Leichtathletik der DDR die sofortige Freigabe von Wolfgang Schmidt zu internationalen Wettkämpfen. Er gewinnt Bronze bei der EM in Split, auf dem Siegerpodest flüstert er dem neuen Europameister Jürgen Schult zu: „Es kotzt mich an, die DDR-Hymne noch einmal hören zu müssen.“ Der neue Europameister frotzelt zurück: „So ist das Leben.“ Später verpasst Schmidt die Olympia-Qualifikation, auch ein Brief des Leichtathleten an den IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch hilft nicht weiter. Ein Jahr später beendet er die Karriere.
Schmidts Vater fiel nach der Verhaftung seines Sohns in Ungnade
In seinem zweiten Leben reist Schmidt oft nach Kalifornien. Als Sportler, dann als Privatmann, er jobbt an der US-Westküste sogar als Börsenmakler. Fragt man Weggefährten heute nach Wolfgang Schmidt, schütteln sie den Kopf: Der muss doch noch irgendwo in Amerika sein! Nee, nee: Der läuft gerade mitten durch Berlin.
Zu seinen Freunden hält er immer Kontakt, auch zu Alwin Wagner. Der Hesse und der Ossi lernen sich im Herbst 1973 kennen, bei einem Wettkampf in Warna. „Plötzlich standen wir als Fahnenträger nebeneinander. Abends haben wir uns dann gleich noch getroffen und zwei Flaschen Krimsekt geleert“, sagt Wagner. Der frühere Diskuswerfer hält heute Vorträge zum Thema Doping.
Schmidts Vater Erich stirbt 2000, mit 80 Jahren, seine Mutter besucht er oft im Brandenburgischen. Als sein Sohn verhaftet wird, fällt Schmidt senior in Ungnade. „Erst wurde er degradiert – vom Verbandstrainer zum Gerätewart. Und als ich ausgereist bin, da hat man ihm vom DTSB gesagt: So, das geht jetzt nicht mehr. Und dann hat er auch diesen Job verloren“, erzählt Schmidt junior.
Schmidt tauchte im Enthüllungsbuch „Doping-Dokumente. Von der Forschung zum Betrug“ nicht auf
Und wie war das mit Doping, damals in der DDR? Schmidt taucht im Enthüllungsbuch „Doping-Dokumente. Von der Forschung zum Betrug“ gar nicht auf. „Ich gehöre glücklicherweise nicht zum Kreis der Dopingopfer“, sagt er selbst. „Mein Vater hielt seine schützende Hand über mich und wusste gut, welche Medikamente auf der Dopingliste stehen.“ Bei seinen Kumpels aus Dynamo-Zeiten, Ulf Leischner und Geher Steffen Müller, ist das an diesem Tag am Sportforum kein Thema. Über den Weltrekord-Tag muss Leischner schmunzeln: „Die Wette war, dass Wolfgang 20 Meter weiter werfen musste als ich.“ Leischner verlor: Seine 50,30 Meter hätte Schmidt im Schlafanzug geschafft. Schließlich segelt seine Scheibe 20,86 Meter weiter. Weltrekord.
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