Denn eine Prognose ihres Hauses aus dem Mai, die aber erst jetzt bekannt wurde, malt die Zukunft für Berliner Schulkinder schwarz: 24.000 Schulplätze fehlen demnach bereits für das übernächste Schuljahr. Am Dienstag präsentierte Scheeres dann weniger düstere Zahlen, basierend auf einer anderen Prognose, die ebenfalls aus ihrem Haus stammt. Dem sogenannten Modell zur Schülerzahlentwicklung zufolge muss Berlin für 2021/22 insgesamt 9.505 Plätze an allgemeinbildenden öffentlichen Schulen zusätzlich schaffen. Aufgeschlüsselt nach Schultypen fehlen demnach 5.895 Plätze an Grundschulen, 2.927 Plätze an Sekundarschulen und 683 Plätze an Gymnasien.
Wie aber kommt die große Differenz zwischen Prognose 1 und Prognose 2 zustande?
24.000 fehlende Plätze waren nur „Maximalprognose“
Die in der vergangenen Woche bekannt gewordene Zahl von 24.000 fehlenden Plätzen sei eine „Maximalprognose“, betonte Scheeres nun. Sie beziehe alle geplanten Neubaugebiete mit ein, die im Berliner Wohnbauflächen-Informationssystem (WoFis) geführt würden. Davon würden aber nicht alle Projekte realisiert. WoFis ist ein Planungs- und Arbeitsinstrument der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, das vor dem Hintergrund des starken Bevölkerungswachstums in Berlin eingeführt wurde und Bauflächen sowie erwarteten Zuzug listet. Die auf dieser Basis erstellte Prognose 1 sei nicht realistisch, sagte Scheeres.
Warum man sie dann überhaupt erhebe? Sie diene einer „gesamtstädtischen Betrachtung“, sagte die Bildungssenatorin.
Die nun vorgelegten Zahlen von 9.505 fehlenden Schulplätzen hingegen seien „realistische Zahlen“, wie Scheeres mehrfach betonte. Sie basieren auf der in der Senatsbildungsverwaltung fortlaufend geführten Schülerzahlprognose. Diese Prognose betrachtet die Entwicklung der Schülerzahl in den vergangenen Jahren und rechnet sie für die Zukunft hoch. Neubaugebiete fließen hier nur indirekt ein, wie ein Statistiker aus der Bildungsverwaltung auf der Pressekonferenz erklärte. Nämlich über die Berechnung, wie viele Schüler im Schnitt in der Vergangenheit neu hinzugezogen sind.
Sandra Scheeres: „Wir tun alles, damit im nächsten Jahr jedes Kind einen Schulplatz bekommt.“
Eine zentrale Frage in einer rasch wachsenden Stadt wie Berlin aber lautet: Ist es nicht realistischer, mit den Neubaugebieten zu rechnen – und also 24.000 fehlende Schulplätze anzunehmen? Eine gute Frage, sagt der Statistiker aus Scheeres Haus, tatsächlich seien darüber auch die Experten in der Verwaltung uneins. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, warum beide Prognosen überhaupt erhoben werden.
„Diese erhebliche Unruhe tut mir sehr leid, das war nicht die Absicht“, sagte Scheeres mit Blick auf die seit einer Woche anhaltenden Diskussionen. „Ich möchte Eltern ganz klar versichern: Die Bezirke und wir tun alles, damit im nächsten und übernächsten Jahr jedes Kind einen Schulplatz in Berlin bekommt.“
Tom Erdmann von der Bildungsgewerkschaft GEW ist das nicht genug. Innerhalb von kürzester Zeit habe die Schulverwaltung jetzt mehrere Prognosen vorgestellt, die sich widersprächen. Auch als Fachmann blicke man da nicht mehr durch. „Aus unserer Sicht ist das Vertrauen nicht wiederhergestellt. Uns beruhigen die neuen Zahlen überhaupt nicht“, sagte Erdmann.
Bildungsgewerkschaft GEW: „Realistisch kann nur die Maximalschülerprognose sein“
Er gehe weiterhin von mehr als 20.000 fehlenden Schulplätzen aus. „Realistisch kann nur die Maximalschülerprognose sein“, sagte Erdmann. Schon jetzt seien viele Berliner Schulen überbelegt. Nur mit der Maximalprognose könne man so planen, dass man auf „der sicheren Seite“ sei.
Die Koalitionspartner der SPD wollen hingegen weg von der Diskussion um die Zahlen. „Ob jetzt 9.500 oder 20.000 Schulplätze fehlen – klar ist: Es muss etwas passieren“, sagte die Grünen-Fraktionschefin Silke Gebel der Berliner Zeitung. „Wir brauchen keine Zahlendebatte, sondern eine Maßnahmendebatte.“
Ähnlich sieht es Regine Kittler, die bildungspolitische Sprecherin der Linken. „Ich nehme die Zahl als gegeben hin“, sagt sie mit Blick auf die neue Prognose. In der Vergangenheit sei die Schülerzahlprognose mit einer Abweichung von weniger als zwei Prozent immer „recht zielgenau“ gewesen.
Regine Kittler (Linke): „Wir haben eine Krisensituation.“
Nicht verstehen kann Kittler allerdings, warum die Verwaltung die andere, sehr viel höhere Prognose von 24.000 fehlenden Plätzen erst im Mai – mit acht Monaten Verspätung – ablieferte und jetzt die Zahlen als viel zu hoch bezeichne.
„Das ist nur schwer nachzuvollziehen“, sagte Kittler. Doch auch sie will sich nun auf konkrete Lösungen konzentrieren. „Die Zahlen sind ja immer noch viel zu hoch“, sagte sie. „Wir haben eine Krisensituation, die wir lösen müssen und nur mit einer konzertierten Aktion von Senat, Verwaltungen und Bezirken lösen können.“
Harte Kritik kommt von der Berliner CDU. „Erst will Senatorin Scheeres die fehlenden Schulplätze nicht gesehen haben, jetzt rechnet sie sich die Zahlen schön“, sagte Dirk Stettner, bildungspolitischer Sprecher der Christdemokraten der Berliner Zeitung. Die gesamte Vorgehen der Verwaltung sei jedenfalls „maximal intransparent“ und wecke „keinerlei Vertrauen darin, dass Sandra Scheeres diese große Aufgabe bewältigen“ kann.
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