Egon Krenz fließt über, will Botschaften übermitteln, mahnen, Lügen korrigieren – erklären, wie es wirklich war. Der Mann ist 82. Jetzt geht es um sein Vermächtnis. In 30 Jahren als FDJ- und Parteifunktionär hat er viel erlebt, und es gibt viele Menschen, die hören und lesen wollen, was er mitzuteilen hat.
Etwa 500 Leute füllten am Donnerstagabend den großen Saal im Russischen Haus an der Friedrichstraße, wo Krenz das jüngste seiner acht Nachwendebücher vorstellte. Das Thema „Wir und die Russen“ – für Deutschland eine seit Jahrhunderten schicksalbestimmende Frage – hochaktuell, und hochemotional, zumal im Osten Deutschlands.
Egon Krenz ist über Verhältnis zu Russland erschüttert
In den vorderen zwanzig Parkettreihen saßen auf reservierten Plätzen Weggefährten und -gefährtinnen, darunter der Vize-Verteidigungsminister der DDR, Fritz Streletz, der Ex-SED-Funktionär Siegfried Lorenz und der letzte Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Bruno Mahlow. Die Haarfarbe Grau dominierte, doch wenn die Genossen einander auf die Schulter klopften, klang das kräftig.
Eigentlich sollte eine Buchvorstellung stattfinden, eine Lesung. Doch Krenz kennt diese Tonlage nicht, jeder Satz klingt nach Kundgebung: laut und dröhnend. Er will, dass man das Buch als authentischen Bericht versteht: „Was ich schreibe, habe ich nicht von anderen gehört oder mir von irgendwem angelesen“, sagt er. Alles selbst erlebt oder aus originalen Unterlagen erarbeitet, „keine Vermutungen, alles Fakten“. Das Werk trage autobiografische Züge und sei „keine Abrechnung“.
Als Krenz zum ersten Auslandsbesuch als Partei- und Regierungschef am 1. 11. 1989 bei Gorbatschow war, warnte der noch vor den Bonner „Nationalisten“.
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Krenz beginnt mit einer klarsichtigen Feststellung vom 11. November 1948, die auf Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur des Neuen Deutschland, zurückgeht: „Ohne ein aufrichtiges Verhältnis der Deutschen zu den Russen gibt es keine gesicherte Zukunft des deutschen Volkes.“ Das wurde DDR-Staatsdoktrin. Krenz ist erschüttert, „wie heutige Politiker das gute Verhältnis verspielen“. Der Kanzlerin legt er auf dem Sterbebett gesprochene Worte des Eisernen Kanzlers Otto von Bismarck nahe: „Nie, nie gegen Russland.“
Egon Krenz gibt Einblicke in seinen Eindruck von Gorbatschow
Heute stünden Nato-Truppen wieder nahe der russischen Grenze – wie am 22. Juni 1941, als Nazideutschland die Sowjetunion überfiel. Was aus deren Sicht nie wieder geschehen sollte, sei auch mit Zustimmung Angela Merkels geschehen, und Krenz fragt: „Wie kann eine kluge Frau, die die DDR-Schule besucht und auch in der DDR studiert hat, zu einer so falschen Einschätzung kommen?“
Applaus brandet auf, als er ausruft: „Deutsche Panzer an der russischen Grenze sind eine Schande!“ Das sehen die anwesenden Vertreter der russischen Botschaft ganz genauso.
Dass die Sowjetunion an der Wiege der DDR stand und an ihrem Totenbett – das bezweifelt keiner. Spannender ist die Frage, wie Egon Krenz Michail Gorbatschow sieht, mit dem er häufig, auch vertraulich, gesprochen hat. Die einstige DDR-Wirtschaftselite nennt den Führer der UdSSR umstandslos „Totengräber der DDR“.
So direkt wird Krenz nicht, seine Berichte aus den Kulissen der Macht, die Details und Stimmungswechsel, Gorbatschows Widerstand gegen Honeckers Annäherung an die BRD, sind äußerst aufschlussreich. Das Resümee allerdings fällt deutlich aus: „Als die Sowjetunion im Sterben lag, hatte die DDR keine Chance mehr.“
Egon Krenz schreibt sich den friedlichen Verlauf der Revolution zu
Jahre später besuchte Krenz den einstigen sowjetischen Außenminister und Gorbatschow-Mitstreiter Eduard Schewardnadse, inzwischen Präsident Georgiens, und ließ sich von dessen Klarheit noch schockieren: „Wir mussten die Sowjetunion erhalten und mussten den Ballast DDR abwerfen.“ Krenz sagt: „Da war ich am Boden zerstört. Ballast! Wir waren die treuesten Verbündeten der Sowjetunion!“
Da spricht der leutselige Egon. Der andere, der Machtmensch, findet, Gorbatschow oder Jelzin hätten eine Alternative gehabt: „Sie hätten den Weg der chinesischen Kommunisten wählen können!“ Das ruft die einzige Publikumsreaktion des ganzen Abends hervor: „Welchen Weg bitte?“, fragt ein Mann. Krenz: „Die haben Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt!“
Als Krenz zum Thema Wende und Gewalt gegen Demonstranten kommt, dröhnt es noch leidenschaftlicher aus dem massigen Körper. Jetzt geht es um seine Ehre, sein Vermächtnis. Dass die Revolution friedlich verlief, schreibt Krenz sich auch selber zu – und dem verantwortungsvollen Handeln der Sicherheitskräfte wie der Bürgerbewegung.
„Keine Demütigung kann eine Wahl der AfD rechtfertigen“ - sagt Egon Krenz
Tatsächlich kann Krenz zum Beweis ein starkes Dokument vorlegen: den Befehl Nr. 11/89 , unterzeichnet am 3. November 1989 vom Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates, Egon Krenz. Darin folgender Absatz: „Die Anwendung der Schusswaffe in Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“ So war man – bei aller Polizei- und Stasigewalt – auch in den Wochen zuvor verfahren. Und: Die sowjetischen Streitkräfte blieben in den Kasernen.
Mit hochrotem Kopf weist Krenz die zahlreichen, von westdeutschen Politikern in die Welt gesetzten, von Medien und weiteren Politikern immer wieder multiplizierten Fake News zurück. Bundespräsident Horst Köhler habe in einer Rede 2009 zum Mauerfall das Märchen erzählt, am Tag der Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 hätten Panzer vor Leipzig gestanden, man habe Leichensäcke und Blutplasma bereitgehalten für mögliche Opfer von Polizeischüssen. Lüge!
Da hat der Egon recht, wie auch in seinen zornigen Erinnerungen an die millionenfache Herabwürdigung von DDR-Biografien. Aber, das muss dann doch sein: „Keine Demütigung kann eine Wahl der AfD rechtfertigen“, ruft Krenz ins Ost-Publikum.
Egon Krenz ist Zeitzeuge - und verkündet bedenkenswerte Teile historischer Wahrheit
Krenz selber war nach der Wende die Figur, an der man sich gut abarbeiten konnte – der Depp, der Dogmatiker, keiner nahm ihm die Reformer-rolle ab. Heute räumt er Fehler ein, verpasste Chancen, doch seinen Überzeugungen ist er treugeblieben. Die einen nennen das unbelehrbar, die anderen bewundern es.
Von seiner Unfähigkeit, auf der Höhe der Zeit zu handeln, kündet der 9. November 1989 und die folgende Nacht. Dass Günther Schabowski zur Überraschung aller Welt die Grenzöffnung mit sofortiger Wirkung verkündete, erklärt Krenz heute mit „unkonzentrierter Vorbereitung der neuen Grenzregelung“.
Dass vom ersten Mann der DDR über den Abend, als die Menschen durch die geöffneten Grenzübergänge strömten, nichts zu sehen und zu hören war, erklärt er so: „Ich habe in meinem Büro gearbeitet. Es war viel zu koordinieren. Es gab viele Anrufer. Um 0.30 Uhr bin ich nach Hause gefahren und habe geduscht.“
Heute langweilt es, Egon Krenz routiniert als Witzfigur abzutun. Es bringt sicherlich mehr, ihn kühl als den zu sehen, der er unbestreitbar ist: ein Zeitzeuge, der zwar nicht die historische Wahrheit verkündet, aber bedenkenswerte Teile davon.
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