Reh auf der Straße

Wildunfall: Warum Autofahrer jetzt besonders aufpassen müssen

Alle zwei Minuten kracht es in Deutschland mit einem Wildtier. Der KURIER erklärt, wann die Gefahr am größten ist und warum Ausweichen lebensgefährlich sein kann.

Foto von Autor/Autorin: Sebastian Krause
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Achtung, Wildwechsel: Taucht ein Tier am Straßenrand auf, sollten Autofahrer sofort das Tempo reduzieren, bremsbereit bleiben und nicht unkontrolliert ausweichen.

Achtung, Wildwechsel: Taucht ein Tier am Straßenrand auf, sollten Autofahrer sofort das Tempo reduzieren, bremsbereit bleiben und nicht unkontrolliert ausweichen.

© imago/Udo Herrmann

Zwei Augen im Scheinwerferlicht, ein Sprung, ein dumpfer Schlag. Für Autofahrer im Berliner Umland beginnt jetzt die Jahreszeit, in der aus einer Feierabendfahrt über die Landstraße ein Fall für Polizei, Jäger und Kfz-Versicherung wird. Nach Angaben des ADAC kommt es in Deutschland rein rechnerisch alle zwei Minuten zu einem Wildunfall.

Gesamtkosten von mehr als 1,1 Milliarden Euro

Für 2024 registrierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mehr als 276.000 Wildunfälle mit kaskoversicherten Pkw. Die Schadenssumme lag bei mehr als 1,1 Milliarden Euro. Pro Fall zahlten die Versicherer im Schnitt 4.100 Euro, ein Jahr davor waren es 3.850 Euro. Der Deutsche Jagdverband schätzt die Zahl der jährlich im Verkehr getöteten Wildtiere auf mehr als eine Million.

Ab wann es kritisch wird

Nach GDV-Angaben ist die Gefahr, einen Wildunfall zu haben, im April und Mai am größten. Dann wieder zwischen Oktober und Dezember. Grund: Wild wechselt vor allem abends und in den frühen Morgenstunden Waldabschnitte und Feldränder. Genau in diesen Stunden fährt der Berufsverkehr über die Straßen, sobald die Uhren umgestellt wurden. In der Nacht zum 25. Oktober 2026 beginnt wieder die Winterzeit.

Wenn ein Tier am Straßenrand auftaucht

Dann gilt: Gas weg, Bremse bereit, notfalls anhalten. Wildtiere schätzen das Tempo eines Autos nicht ein und springen auch dann los, wenn sie den Wagen längst gesehen haben. Das Fernlicht gehört ausgeschaltet, weil ein geblendetes Tier stehen bleibt. Hupen vertreibt das Wild meistens. Und: Selten ist ein Tier allein unterwegs, hinter dem ersten kommt oft ein zweites.

Ist es doch zu einem Unfall gekommen, gilt Folgendes: Warnblinker an, Weste überziehen, Stelle absichern. Sind Menschen verletzt, gelten die 112 und Erste Hilfe. Die Polizei ist über 110 auch dann zu rufen, wenn niemand verletzt wurde. Vielerorts ist zusätzlich ein Jäger zu informieren. Er stellt die Wildschadenbescheinigung aus, die die Versicherung später sehen will.

Ein verendetes Tier gehört, soweit möglich, auf den Seitenstreifen, damit niemand hineinfährt. Dabei sollten unbedingt Handschuhe getragen werden – wegen möglicher Krankheiten und Parasiten. Ein verletztes Tier fasst man nicht an, es wehrt sich. Und wichtig: Wer das Tier vom Unfallort mitnimmt, riskiert eine Anzeige wegen Wilderei.

Bremsen, Spur halten, nicht ausweichen

Welche Kräfte wirken, hat der ADAC ermittelt. Bei einem Crashtest traf ein Fahrzeug mit 80 Kilometern pro Stunde einen Wildschwein-Dummy von 180 Kilo. Auf die Insassen wirkte kurz das Zehnfache ihres Körpergewichts. Der Fahrer, ein Stuntman, blieb unverletzt. Entscheidend war, dass er nicht auswich, sondern voll bremste, die Spur hielt und kontrolliert auf das Tier draufhielt. Ein unkontrolliertes Ausweichen könnte am Baum oder im Gegenverkehr tödlich enden.

Nach einem Wildunfall liegt ein verendetes Reh neben der Leitplanke. Autofahrer müssen die Unfallstelle sichern, die Polizei verständigen und dürfen das Tier nicht mitnehmen.

Nach einem Wildunfall liegt ein verendetes Reh neben der Leitplanke. Autofahrer müssen die Unfallstelle sichern, die Polizei verständigen und dürfen das Tier nicht mitnehmen.

© imago/CHP

Trotz aller Technik im Auto sollte sich niemand darauf verlassen. Notbremsassistenten sind in Neuwagen inzwischen zwar vorgeschrieben, sie sind aber auf Autos, Fußgänger und Radfahrer ausgelegt. In einem ADAC-Test mit zwei Kompakt-SUVs verhinderten sie den Zusammenstoß mit dem Dummy nicht, warnten aber in einigen Situationen und unterstützten das Bremsen. Nachtsichtsysteme, die Wärmestrahlung erkennen, überzeugten im Test. Sie stecken als teure Sonderausstattung bislang aber nur in den oberen Klassen.

Wer den Schaden bezahlt

Den Schaden am eigenen Wagen trägt die Teilkasko, wenn sogenanntes Haarwild beteiligt war, also Rehe, Hirsche, Wildschweine, Füchse oder Hasen. Zusammenstöße mit Vögeln sind nicht in jedem Tarif enthalten. Manche Versicherer schließen Unfälle mit Tieren aller Art ein, sogar mit Haustieren. Auf die Schadenfreiheitsklasse hat ein Teilkaskofall keinen Einfluss.

Teurer wird es ohne Nachweis. Lässt sich nicht belegen, dass Zusammenstoß, Bremsen oder Ausweichen die Ursache waren, bleibt die Vollkasko. Dort folgt die Rückstufung in eine schlechtere Klasse. Wer ohne Berührung ausweicht und dabei Blech verliert, kann bei der Teilkasko einen Aufwendungsersatz geltend machen, die sogenannten Rettungskosten. Ohne Zeugen ist ein solches Manöver allerdings schwer zu beweisen.

Auch das Bremsen für Kleintiere kann Geld kosten. Bremst jemand wegen eines Eichhörnchens und der Hintere fährt auf, haftet der Vorausfahrende zu einem Viertel mit. Ansprüche gegen Jagdpächter oder Waldbesitzer scheitern meist daran, dass Wild juristisch niemandem gehört.

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