Wildpark Schorfheide

Die Wolfsmutter und ihre scheuen Kinder

Ein Raubtier erobert unsere Wälder zurück. Aber eine tollkühne Menschenfrau ist sein starker Verbündeter. Der KURIER besuchte sie.

LISA STEINER
Lesezeit 4 Min
Imke Heyter (42) zog alleWölfe imWildpark Schorfheide mit der Flasche auf. Trotzdem hat sie Respekt.

Imke Heyter (42) zog alleWölfe imWildpark Schorfheide mit der Flasche auf. Trotzdem hat sie Respekt.

© Friedel Lizenz

Story und sein Rudel dulden Raben im Gehege. Auch in freier Wildbahn teilen die Tiere ihre Beute mit den Vögeln.

Story und sein Rudel dulden Raben im Gehege. Auch in freier Wildbahn teilen die Tiere ihre Beute mit den Vögeln.

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Überreste eines vom Wolf gerissenen Stück Wildes, der Hauptnahrungsquelle des Raubtieres in Brandenburg.

Überreste eines vom Wolf gerissenen Stück Wildes, der Hauptnahrungsquelle des Raubtieres in Brandenburg.

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Nach „erfolgreicher“ Jagd 1961 in Mehlsdorf: Zehn Jäger scharen sich um einen toten Wolf, vor dem sich die Bevölkerung zuvor geängstigt hatte.

Nach „erfolgreicher“ Jagd 1961 in Mehlsdorf: Zehn Jäger scharen sich um einen toten Wolf, vor dem sich die Bevölkerung zuvor geängstigt hatte.

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Da! Ein Blatt bewegt sich. Dann lugt – fast unsichtbar – die äußerste Spitze einer Schnauze aus dem dichten Gehölz hervor. Wir müssen ganz leise sein. „Zurückbleiben!“, deutet uns Imke Heyter (42) durch eine eindeutige Geste an. Wenn wir zu laut sind, wird Story wieder abtauchen.

Die Story ist ein Wolf. Imke Heyter jene Frau, die ihn mit der Flasche groß gezogen hat. Wie auch alle anderen 18 Wölfe, die im Wildpark Schorfheide, dem Arbeits- und Lebensraum der Tierfreundin leben. Trotz seiner Flaschenaufzucht ist Story, mit vier Jahren der jüngste im Rudel, äußerst scheu. „Wölfe sind vorsichtig, sie kommen nicht von selbst auf Menschen zu“, erklärt Heyter. Dass sich ihre Schützlinge heute für uns zeigen – und sich sogar aus der Nähe ablichten lassen, ist sogar hier etwas Besonderes. In freier Wildbahn hingegen sind Begegnungen zwischen Mensch und Wolf in Brandenburg eine seltene Sensation. Und das, obwohl die Wolfspopulation hier seit der Wende von Null auf 12 Rudel gestiegen ist. Viel eher als den Wolf selbst sieht man seine Spuren.

Nicht die im Sand, sondern die, die er auf Beutezug hinterlässt. Während Kadaver von Wild – die Hauptnahrung des Jägers – kaum Beachtung finden, gehen andere Wolfsopfer durch die Medien. Gerissene Schafe, Kälber und zuletzt sogar der angefallene Hund eines Försters sorgen für Grusel-Schlagzeilen. Und, ja, es stimmt: Der Wolf unterscheidet bei seiner Beute nicht nach menschlichen Gesichtspunkten: „Ihm ist es egal, ob da ein Reh oder ein Schaf vor ihm steht. Er sucht den Weg des geringsten Aufwandes“, so Heyter. Eine ungesicherte Schafherde ist so gesehen natürlich ein „Jackpot“. Das Land Brandenburg registrierte 2014 allein bis heute 40 Schafe, drei Stück Damwild und vier Kälber als vom Wolf gerissen.

Imke Heyter (42) zog alleWölfe imWildpark Schorfheide mit der Flasche auf. Trotzdem hat sie Respekt.

Imke Heyter (42) zog alleWölfe imWildpark Schorfheide mit der Flasche auf. Trotzdem hat sie Respekt.

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Story und sein Rudel dulden Raben im Gehege. Auch in freier Wildbahn teilen die Tiere ihre Beute mit den Vögeln.

Story und sein Rudel dulden Raben im Gehege. Auch in freier Wildbahn teilen die Tiere ihre Beute mit den Vögeln.

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Überreste eines vom Wolf gerissenen Stück Wildes, der Hauptnahrungsquelle des Raubtieres in Brandenburg.

Überreste eines vom Wolf gerissenen Stück Wildes, der Hauptnahrungsquelle des Raubtieres in Brandenburg.

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Nach „erfolgreicher“ Jagd 1961 in Mehlsdorf: Zehn Jäger scharen sich um einen toten Wolf, vor dem sich die Bevölkerung zuvor geängstigt hatte.

Nach „erfolgreicher“ Jagd 1961 in Mehlsdorf: Zehn Jäger scharen sich um einen toten Wolf, vor dem sich die Bevölkerung zuvor geängstigt hatte.

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Doch auch, wenn Story und seinen Artgenossen die blutig-rohen Rindfleischbrocken schmecken, die Wolfsmama Imke ihnen heute mitgebracht hat, die Hauptnahrungsquelle von Brandenburgs wilden Wölfen ist eine andere. Durchschnittlich 65 Rehe, neun Stück Rotwild und 16 Wildschweine reißt EIN Wolf pro Jahr. Das haben Wissenschafter aufgrund von Kotanalysen von Wölfen in der Lausitz errechnet. Ein ganzes Rudel benötigt jährlich 400 Rehe, 54 Stück Rotwild und 100 Wildschweine.

Das klingt irre viel, aber: Jäger erlegen auf gleicher Fläche pro Jahr zehnmal so viel Rot- und Schwarzwild. Neben den Waidmännern sind die Hauptgegner der Wolfsansiedelung in Brandenburg Schäfer und Bauern. Sie sehen ihre gesamt 200?000 Weidetiere – Kühe und Schafe – in Gefahr. Zwar gibt es Zuschüsse vom Land für Prävention und Ausgleichszahlungen für Schäden. Hardlinern ist Geld aber zu wenig. So forderte beispielsweise Bauernbund-Chef Reinhard Jung erst kürzlich im KURIER: „Den Wolf aktiv bejagen.“ Im Klartext: Abknallen!

© dpa/WWF Deutschland Lizenz

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Ein Jungtier folgt dem Rudel.

Ein Jungtier folgt dem Rudel.

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Eines seiner Hauptargumente: Der Wolf habe keinen natürlichen Feind in Brandenburg. Das sehen Experten wie Imke Heyter ganz anders: „Der natürliche Feind des Wolfes ist ganz klein“, umschreibt sie gefährliche Bakterien, die ihre geliebten Ziehkinder jederzeit dahinraffen könnten. „Die Natur ist ein wunderbares System. Darin hat jeder seinen Platz. Der Wolf und der Mensch stehen ebenbürtig an der Spitze der Nahrungskette“, so die Wildparkleitern. Dass das mitunter zu Konflikten führt, ist Imke Heyter klar. Diese nicht eskalieren zu lassen und so den Lebensraum für ihre scheuen Schützlinge zu sichern, ist der Wolfsmutter ein Herzensanliegen. Ob sie gar keine Angst vor dem Wolf hat? „Ich würde meine 13-jährige Tochter eher nachts allein durch den Wald laufen lassen, als durch eine Großstadt“, sagt sie. Angst müsse man vor dem Wolf nicht haben, aber Respekt. Den hat Imke immer noch. Auch nach Jahrzehnten als Wolfsmutter.

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