Mit ihrer Hilfe entwirft er so bunte und plastische Panoramen, dass man mitten drin zu stecken meint – in Fegefeuer-Pein und Himmelfahrts-Glorie, in Mysterienspiel-Zauber und Enthusiasmus-Ekstase. Kurzum: im zutiefst frommen Leben am Vorabend der Reformation, „von dessen extremer Innerlichkeit wir heute keinerlei Ahnung mehr haben“.
Gutsche ist Pfarrer der Nikolaikirche
Gleich zu Beginn räumt Gutsche auf mit dem zähen Vorurteil, das Spätmittelalter sei düster gewesen. Er sieht es als wunderschönen tropischen Garten, der lediglich komplett überwuchert gewesen sei. Dessen Wege nicht mehr zu erkennen wären und an dessen Beete man nicht mehr herankomme zum Ernten.
„Und was machen nun die Reformatoren? Sie schneiden knallhart zurück. Mit einem unheimlich scharfen Werkzeug. Denn sie haben einen Plan im Kopf, wie die Wegestruktur aussehen muss – um wieder ernten zu können.“
Gutsche ist Pfarrer der Nikolaikirche zu Jüterbog. Einer Kleinstadt im südlichen Brandenburg, die vor 500 Jahren einen höchst bedeutsamen Abdruck in Welt- und Kirchengeschichte hinterließ – als direkter und unmittelbarer Auslöser für die Thesen des Martin Luther.
Davon ist Pfarrer Gutsche überzeugt.
Der "heilige Handel"
Anno 1517 macht der Dominikanermönch Johann Tetzel Station in Jüterbog. Ein begnadeter Redner, dessen aufsehenerregende Predigten immer wieder große Mengen von Gläubigen anlocken. Und ein gewiefter Verkäufer, der die Befreiung von Sünden verspricht – gegen bare Münze. Sein Leitspruch: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“.
Jede Sünde hatte bei Tetzel angeblich einen festen Preis. So soll die Vergebung für einen Mord mit acht, die für einen Ehebruch mit sechs Dukaten zu Buche geschlagen haben. Belegt ist, dass er seine „Tarife“ sozial gestaffelt hatte: Arme Leute mussten weniger zahlen als Reiche. In Jüterbog nun soll Tetzel einen Ablass unter die Leute bringen, der möglichst schnell möglichst viel Geld zum Bau des Petersdoms in Rom in die Kassen der Kirche spült. Der fette Köder ist ein allerhöchster, weil päpstlicher Ablassbrief, mit dem man die Verbüßung von Reinigungsstrafen im Fegefeuer nicht nur verkürzen, sondern sogar ganz umgehen kann, also direkt und ohne schmerzhafte Umwege ins Paradies gelangt. Unter anderem.
Dieser attraktive „heilige Handel“ zieht Gläubige in Scharen nach Jüterbog. Selbst aus dem nahen Wittenberg kommen sie gepilgert, um in den Genuss dieses universalen Ablasses zu gelangen. Das nun bringt Martin Luther, der in Wittenberg predigt und lehrt, gehörig auf die Palme. Seit längerem schon wettert er wider den Missbrauch von Ablässen, aber dass nun die Schafe aus seiner eigenen Herde in Jüterbog fremdweiden, wurmt ihn gewaltig.
„Stadt des Anstoßes der Reformation“
Mehr noch: Dass sie ernsthaft glauben, aller Sünden ledig zu sein für ein paar Münzen und durch einen Fetzen Papier, setzt dem Ganzen die Krone auf. Empört schreibt er seine 95 Thesen und schlägt sie an der Schlosskirche zu Wittenberg an. So geschehen am 31. Oktober 1517.
So die Legende. Was also läge näher, als Jüterbog zum 500. Jubiläum der Reformation und im Luther-Jahr 2017 zu positionieren als „Stadt des Anstoßes der Reformation“?
Ein Thema, bei dem Bernhard Gutsche sofort wieder Feuer und Flamme ist: „Wir wollen nicht zeigen, was die Reformation ist – das können die anderen besser –, sondern wir wollen die Zeit zeigen, in der die Reformation geboren wurde. Wir sind der Vorspann, den man braucht, um die Reformation zu verstehen. Ein Ort in der Nähe Wittenbergs, wo man vor allem die Geisteswelt zeigen kann, in der die da früher gelebt haben.“
„Tetzel, Ablass, Fegefeuer“
Welche Rolle etwa klösterliches Leben zu jener Zeit spielte und wie es funktionierte, lässt sich hervorragend in Kloster Zinna vor den Toren Jüterbogs nachvollziehen. Von diesem einst enorm reichen geistigen und wirtschaftlichen Zentrum im Fläming zeugen: die Klosterkirche, eine im norddeutschen Raum einzigartige Granitsteinbasilika; das Konversenhaus, in dem die Laienbrüder lebten; das Gäste- und Siechenhaus, in dem heutzutage der legendäre Kräuterlikör „Zinnaer Klosterbruder“ fabriziert wird; und das Klostermuseum, welches in der einstigen Residenz der Äbte von Zinna über Arbeit und Gebet, Tagesablauf, Ämterverteilung und vieles andere aus dem harten und entbehrungsreichen Dasein der Mönche anschaulich informiert.
In Jüterbogs Altstadt ist neben der Nikolaikirche mit dem riesigen hölzernen „Tetzelkasten“ für die Ablass-Dukaten sowie dem eindrucksvollen Fegefeuer-Altar von Lucas Cranach das Mönchenkloster die wichtigste Adresse. Seine Mauern beherbergen das sogenannte Kulturquartier mit Stadtbibliothek und Besucherinformation, die man schöner kaum unterbringen kann – neben himmelwärts strebenden Kirchenpfeilern und unter wunderbar restaurierten Kreuzrippengewölben mit originalem Heilig- geistloch.
„Luther hat generell auf den Missbrauch des Ablasses reagiert."
Im Museum nebenan gibt es Originale von Tetzels Ablasspredigten zu sehen, mit denen dieser wortgewaltig und effektvoll die Angst vor dem Fegefeuer schürte. Und auch die große Ausstellung „Tetzel, Ablass, Fegefeuer“ als Höhepunkt des Luther-Jahres wird diverse Raritäten und Kostbarkeiten zeigen, wie Tetzels Antwort auf Luthers Thesen und Tetzels 106 Gegenthesen im Originaldruck.
Der ganze Disput sei übrigens zu Luthers Lebzeiten noch ganz gesittet verlaufen, meint Kulturquartier-Leiter Jens Katterwe: „Luther hat generell auf den Missbrauch des Ablasses reagiert. Und Tetzel war quasi die Figur, an der er sich gerieben hat. Tetzel hat sich dummerweise darauf eingelassen – da konnte er nur verlieren. Seine Rolle als Sündenbock aber ist erst Jahrzehnte später so stark überzeichnet worden.“
„Kanzelkrieg“
Die Geschichte geht noch weiter: 1519 wird die Jüterboger Stadtkirche zur Bühne für den großen Auftritt eines Predigers, der damals noch radikaler Luther-Anhänger ist: Thomas Müntzer. Ein Jahr ist es gerade her, dass die Verbreitung von Luthers Thesen begonnen hat. Nun kommt es in Jüterbog zu einem intensiven Streit über den Ablass und das Geld, das in den Kasten springt, der als Jüterboger „Kanzelkrieg“ in die Geschichte eingeht.
Etwas ganz Besonderes für das Jubiläum hat sich auch Pfarrer Gutsche ausgedacht. Er, der in seiner Kirche jedes Jahr Christi Himmelfahrt wie einst im Mittelalter zelebriert, will an die Tradition der Mysterienspiele anknüpfen, die es seinerzeit auch in Jüterbog regelmäßig gab und Ausdruck tiefster Volksfrömmigkeit waren. „Damals haben die ehrbaren Bürger der Stadt simultan auf mehreren Bühnen und Stationen Theater gespielt – die Fleischer zum Beispiel, die den Fall der Engel inszenierten.“
Ohne dramaturgischen Bogen, aber mit viel Engagement dauerte so ein Laienspiel damals bis zu drei Tage.
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