Wie wir dank unserer Multikulti-Elf im Ausland punkten

Das neue Deutschland

Irina Schrecker
Lesezeit 6 Min

Wenn die Tränen getrocknet sind, Trauer und Enttäuschung weniger wehtun, wird man sich an dieses fast vollendete Sommermärchen erinnern. Und sich freuen können. Es waren diese heißen Tage, auf denen Nächte folgten, die kaum Abkühlung brachten und der Schlaf zur Nebensache wurde. Weil die Bilder im Kopf so lebendig waren, dass man sie noch nicht loslassen wollte.Man redete über die Szenen, die man sah. Als müsste man sie anderen erklären, die sie doch auch vorm Bildschirm oder einer großen Leinwand erlebt hatten. Bilder, die eine Geschichte erzählen. Von einem Ball, einer verschworenen Mannschaft und einem Land, das in der Welt mit anderen, erstaunten Augen betrachtet wurde.Menschen dort draußen sahen das neue Deutschland, fanden Worte dafür. Ermutigende, wohltuende. Welche, die man gern hört, weil sie stolz machen auf die eigene Heimat. Wer ein solches Team hervorbringt, muss was Besonderes sein.Man suchte Erklärungen für das deutsche Phänomen, forschte in den Gesichtern der Spieler und in den sparsamen Kommentaren des Trainers. Jogis Jungs wurden sie liebevoll genannt. So als wären sie neuentdeckte Freunde.23 Männer mit einem Durchschnittsalter von 24 trugen eine Stimmung in die Welt, die auf das ganze Land zurück- strahlt. Eine Nationalelf als globaler Sympathieträger.Eine Umfrage des britischen Nachrichtensenders BBC unter 30000 Menschen in 28 Ländern fand heraus, dass 59 Prozent den internationalen Einfluss der Deutschen positiv bewerten. Das ist Platz 1 auf der Beliebtheitsskala!Jung, verspielt, multikulturell - mit diesem charmanten Mix hat uns unsere Nationalmannschaft im Ausland beliebt gemacht. Als freundliche, stolze, selbstbewusste Nation, die sich was traut. Als hätte eine wundersame Häutung stattgefunden. Die Fahnen trugen immer noch dieselben Farben. Schwarz-Rot-Gold. Was einst bedrohlich auf andere wirkte, ist nur noch fröhlich.Es scheint, als wäre das Bild vom "hässlichen Deutschen" im alten Jahrtausend hängen -geblieben, im dunklen Jahrhundert zweier Weltkriege. Der Schweizer "Sonntag" beschrieb das neue Antlitz: "Das Bild vom deutschen Panzer ist vergilbt. Deutschland ist jung, dynamisch, offensiv und vor allem sympathisch.""Teutonische Maschinenwesen" - das waren deutsche Spieler in den Augen vieler. Was nicht nur mit ihrer Spielweise zu tun hatte. Häme schwang mit, Verachtung. Dann war die bleierne Schwere wie weggeblasen."Diese herrliche deutsche Mannschaft lässt das Schwere kinderleicht aussehen", schwärmte der "Expressen" in Schweden. Aus den Mündern hartgesottener Sportreporter sprudelten Formulierungen, die Liebeserklärungen glichen. Man mag diese Deutschen und will es zeigen.Als das Sommermärchen 2006 seinen Anfang nahm, wagte kaum einer, auf eine Fortsetzung zu hoffen. Als die Straßen in Berlin von jubelnden Menschen bevölkert waren. Als an der Spree die Fußballwelt zu Gast war, die das Bild vom Party-Volk im Gepäck mit nach Hause nahm. Das war der Beginn vom Image-Wandel.Dann hat Trainer Löw im fernen Südafrika das Sommermärchen weitergesponnen. Märchen sterben nicht so, muss er sich gesagt haben, nahm seinen Mut zusammen, schuf eine andere Truppe, eine auf Vertrauen gebaute. Ein gutes Fundament. Dribbelkünstler Mesut Özil, 21 Jahre jung, erklärt es so: "Der Bundestrainer sagt, wenn ich den Ball habe, kann ich machen, was ich will. Ich darf auch mal den Ball verlieren." Dies Vertrauen zahlten ihm die Männer zurück. Mit ihrem Spiel."Deutschland ist das Symbol einer neuen Ära", verkündete "Le Parisien". Und die Himmelsfarbe Blau gehörte dazu. Im kornblumenblauen Glücks-Pullover mit V-Ausschnitt machte Jogi Löw auf der Trainerbank als Mode-Ikone Furore. Designerin Viktoria Strehle, die das gute Kaschmir-Stück erdachte: "Die Leute stürmen regelrecht die Läden, und zwar weltweit."Auch das "Schland"-Lied fügte sich wie ein fehlendes Mosaiksteinchen ins Bild. "Schland" kommt locker-flockig daher, wie ein freundlicher, stets zu Späßen aufgelegter Schlumpf. Hätte das Gute-Laune-Lena-Mädchen nicht ihr "Satellite" geträllert, gäbe es die lustige WM-Hymne nicht. Das deutsche Fräuleinwunder tat ein Übriges, um beim Osloer Grand-Prix das Deutschland-Bild umzukrempeln. Wie gern hätten andere Nationen unsere Lena adoptiert. Doch als sie aus dem Flieger stieg, zierte ihr Haar eine schwarz-rot-goldene Blumenkette. Heimat-Bekenntnis einer jungen, modernen Göre, die spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist - "verdammte Axt".Modern, spritzig, charismatisch, sympathisch, geschmeidig, anmutig, sexy, sinnlich, innovativ. So viele schmeichelhafte Adjektive wurden rund um den Erdball für unsere Jungs gefunden, die uns das Wir-Gefühl zurück gebracht hatten. Die es auf dem grünen Rasen vorlebten. Die einen jungen Spund namens Müller zum Mann gemacht haben, dessen Namen nun jeder kennt. Die einen Klose zärtlich in die Arme nahmen, wenn sein Tor geschafft war. Es gelangen Dinge, von denen mancher gar nicht wusste, das sie in ihm ruhten. Das ist Berge versetzen. "Dieses Gefühl, dass alles möglich ist, strahlt zurück vom Fußballfeld ins Alltagsleben", weiß Psychologe Wolfgang Bergmann.Nachdem die zerrissene, französische Mannschaft daheim mit Schimpf und Schande bedacht wurde, wandte man sich an der Seine der "runden Truppe" aus Deutschland zu, beäugte sie, sezierte sie. "Özil, der Türke, rezitiert vor jedem Spiel Koranverse, um sich zu konzentrieren. Der Brasilianer Cacau, der Tunesier Khedira sowie die in Polen geborenen Klose und Podolski sind die Helden dieses neuen Deutschlands, das mehr und mehr multikulti ist, wo fast jeder fünfte Einwohner einen Migrationshintergrund hat", analysiert "Le Figaro".70 Prozent der britischen Fans drückten, nachdem sie den Rasen hatten räumen müssen, einem Weltmeister Deutschland die Daumen. Man gönnte uns den Sieg. Wie jener junge Amerikaner, der mit nacktem Oberkörper, rundem Bauch und seligem Lächeln an einem Berliner See saß und sich freute, dass er die Freude der Fans hautnah erleben durfte: "Ich so bin glücklich, bei euch zu sein."In einer Pankower Kneipe hockte Billy Idol mit seinem Gitarristen und verfolgte gespannt ein Deutschland-Spiel. "Ihr seid so cool!", sagte die britische Rocklegende zu Feliks, einem jungen Arzt. Das Wort "cool" blieb an diesem Abend seine Lieblingsbeschreibung für die Menschen, die er hier traf.Mancher sprach vom "Wunder" in diesen Tagen. Wunder kann man nicht erklären. Franz Beckenbauer machte sich gar nicht erst die Mühe."I weiß es net. Frag' den Löw, der weiß es auch net", antwortete er einem Reporter, der wissen wollte, ob er sich einen Reim auf die irre Leistung des deutschen Teams machen könne. "Ich finde, ihr habt jetzt eine Mannschaft, die zu euch passt." Es ist der wohl schönste Satz. Er ist von Pelé.Es hätte gepasst, wenn das Team den Pokal mit nach Hause gebracht hätte. Es wäre die Vollendung gewesen. Unsere Jungs haben etwas anderes gewonnen: Herzen.------------------------------Zwischenzeile: BILLY IDOL LOBT UNS: "IHR SEID SO COOL!"Zwischenzeile: DER "HÄSSLICHE DEUTSCHE" GEHÖRT DER GESCHICHTE ANZwischenzeile: WIR SIND DIE NR. 1 AUF DER BELIEBTHEITSSKALA

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com

Lesen Sie mehr zum Thema