Wer kippt als Nächster?

Unruhen in Nordafrika

Ralph Durry
Lesezeit 4 Min

Hamburg - Die Lage in Tunesien bleibt äußerst gespannt. Auch zwei Tage nach der Flucht von Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali ziehen bewaffnete Banden durch die Straßen von Tunis. Armee und die Leibgarde Ben Ali haben lieferten am Abend ein Feuergefecht in der Nähe des Präsidentenpalastes, berichteten Augenzeugen.Beobachter sehen hinter den Randalierern und Plünderern die Miliz Ben Alis. Gegen diese Handlanger der "Familie", des korrupten Herrscherclans, geht nun die Armee vor. Ben Alis Sicherheitschef wurde verhaftet, als er sich nach Libyen absetzen wollte. Interims-Präsident Foued Mebazaa - selbst ein Ben Ali-Freund - nahm Gespräche mit der Opposition auf - mit Ausnahme der Islamisten und Kommunisten. Das löste neue Proteste aus: "Begrenzte Verhandlungen sind eine falsche Demokratie", riefen Demonstranten.Reibungslos lief die Evakuierung deutscher Touristen. Ein Vertreter von TUI: "Urlauber sind in der Regel sehr verständig und folgen unserem Rat, nach Hause zu fliegen." Gestern Abend landete eine weitere Sondermaschine der Air Berlin in Hamburg. Doch nicht alle wollten raus: Verbliebene Touristen sonnen sich nun auf eigenes Risiko.Mohammed sitzt fest auf seinem ThronDer König hat seine Hausaufgaben gemacht: Mohammed VI. kam 1999 auf den Thron - und modernisierte sein Reich ganz vorsichtig. Ein funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem, mehr Rechte für Frauen, religiöse Toleranz und eine recht stabile Demokratie sprechen für seine Regierung. Ärger auf den Straßen gibt es wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit. Wer Marokkos Herrschaft in der Westsahara kritisiert, landet im Knast.Prognose: Nun wirklich kein Musterstaat, aber insgesamt ist Marokko auf einem guten Weg.Ben Ali plünderte sein Land aus und flohDa zittern Arabiens Wüstentaschen-Potentaten: Ein Volksaufstand stürzte das Regime von Zine el Abidine Ben Ali. Höchste Zeit: Tunesien war am Rande des Bankrotts - systematisch geplündert von den Clans Ben Alis und seiner raffgierigen Frau Leila. Weil er Islamisten knallhart wegsperrte, machte Ben Ali sich Freunde im Westen. Als soziale Proteste um sich griffen, Demonstranten sich über Facebook organisierten, floh Ben Ali floh nach Saudi-Arabien. Nun versprechen seine Helfershelfer Demokratie.Prognose: Wird es in freie Wahlen geben? Dann könnte Tunesien mit etwas Glück und gutem Willen zum demokratischen Vorzeigestaat der Araber werden.Bouteflika reitet auf einem PulverfassWas Tunesien zu Boden brachte, quält auch den großen Nachbarn: Eine völlig korrupte Elite und dramatische Arbeitslosigkeit. Reformen? Keine Chance! Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika lässt seine Gegner jagen und foltern. Freie Wahlen verhindert der Freund des Westens, seit Islamisten 1992 an den Urnen siegten. Bei den jüngsten Unruhen starben vier Menschen, Tausende wurden verhaftet. Die Regierung verlor zeitweise die Kontrolle.Prognose: Akuter Wackelkandidat - nur die drohende Neuauflage des blutigen Bürgerkrieges könnte die Bürger noch abschrecken.Präsident hält sich mit US-Hilfe im SattelOhne Gewalt geht bei Husni Mubarak gar nichts: Die Ägypter haben sein korruptes, inkompetentes Regime schon lange und zutiefst satt. Der greise Herrscher (82) hält das Riesenland im Dauer-Notstand. Regimegegner werden unbarmherzig verfolgt und systematisch gefoltert. Der Präsident hält sich mit üppiger Waffenhilfe der USA an der Macht. Für den Herbst hat er zur Abwechslung mal freie Wahlen zugesagt - was ihm keiner glaubt.Prognose: Mubarak würde die Macht furchtbar gern seinem Sohn vererben, doch die Wut auf den Straßen könnte vorher außer Kontrolle geraten.Schräger Despot hält Zügel in der HandSchräge Auftritte lassen an Muammar al-Gaddafis Geistesgaben zweifeln, doch der libysche Herrscher ist ebenso skrupellos wie geschmeidig: Auf soziale Proteste im Wüstenstaat reagiert er sehr schnell. Missstände, die seine Position erschüttern könnten, werden entschärft. Für ihn sprechen in den Augen der Libyer ein sehr gutes Sozial- und Gesundheitssystem und ein vergleichsweise hoher Wohlstand im Land.Prognose: Gaddafis Mix aus Unterdrückung und cleveren Winkelzügen sichert bislang sein Regime.------------------------------BU: Der tunesische Präsident Zine El-Abidine Ben AliBU: Der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika

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