Tiefe Nacht hat sich über die "Bar jeder Vernunft" gesenkt. Das Klavier steht stumm. Die Sängerin hat ihr Mikro in den Ständer gesteckt. Da tritt eine Kellnerin an den Tisch mit den letzten Gästen. "Meine Mutter hat heute Geburtstag, würden Sie ein Lied für sie singen?" Die Mutter hatte Sharon Brauner in einem Film mit einem Marilyn-Monroe-Song gehört. Widerstrebend lässt sich Sharon auf die leere Bühne schieben. Der Klavierspieler eilt herbei. Als die zierliche Sängerin in ihr Séparé zurückkehrt, steht da der Chef mit einem Bier in der Hand, fragt: "Was machst du in den nächsten acht Wochen?"In jener Winternacht vor 17 Jahren bewies Lutz Deisinger wieder einmal seinen Spürsinn für außergewöhnliche Begabungen, für die seine "Bar jeder Vernunft" der passende Rahmen sein würde. Eigentlich hatte Sharon Brauner andere Pläne.Sie hatte eine Wohnung in Manhattan mit Blick auf das Empire State Building, die sie mit einem Pianisten teilte. Ihre Tage verbrachte sie als Studentin am Lee Strasberg Film Institut, die Abende in Clubs, wo sie mit klopfendem Herzen auftrat. Zwei Jahre zuvor hatte sie in Berlin ihre Schauspiel-Aufnahmeprüfung bestanden. Dort riet man ihr zum Auslandsstudium. Sie schnappte sich die Gage vom halbjährigen Serien-Dreh, machte sich auf zum Big Apple, pendelte fortan zwischen New York und Berlin."Die Praxis ist der beste Lehrmeister", meinte Dreisinger in jener Nacht. Er muss überzeugend gewesen sein - sie blieb. Es sei ein magischer Ort gewesen und dass sie hätte verrückt sein müssen, nicht zurückzukehren. "Die Mauer war weg, alle wollten nach Berlin." Ihr erster Auftritt im Nachtsalon der Bar. "Der Magen krampfte sich zusammen, die Knie zitterten." Jetzt werde es ernst mit dem Singen, dachte sich die Schauspielerin, die schon mit drei Jahren im Film zu sehen war, die von sich sagte: "Die Kleinkunstwelt ist nicht die meine." Inzwischen hat alles seinen Platz. Die Filme (über 50) und die jiddischen Lieder, die Brauner mit viel "Jazzappeal" rüber bringt.Den Jazz hat sie aus New York mitgebracht. Ihr Zimmergenosse, der Pianist, drängte sie zu Auftritten in Clubs. Feuerprobe war auf einer offenen Bühne irgendwo in Harlem. "Man schrieb sich in eine Liste ein, war dann in dieser Reihenfolge dran. Eine dicke schwarze Mama schob sich nach vorn. Ich drängelte mich an ihr vorbei, um vor ihr auf der Liste zu landen. Nach ihr hätte ich mich nicht mehr getraut."Innerlich verfluchte sie ihre Musikwahl ("ein Südstaatensong in Harlem von einer Weißen, die werden mich lynchen"). "Come on girl", hallte es aus dem schwarzen Publikum. Dann der Schock: Der Klavierspieler hatte die vier Notenseiten falsch aneinander geklebt, merkte nicht, dass er falsch spielte. Verzweifelt versuchte sie, das Klavier zu übertönen, holte alles aus sich raus. Die Menge tobte. Die Managerin wollte sie sofort für das legendäre "Apollo Theater" buchen. Sharon lehnte ab. "Ich war ja noch ein Küken, hatte Angst, hatte gelesen, dass die Leute mit Eiern werfen, wenn ihnen die Darbietung missfällt." Heute ärgert sie die verpasste Chance: "Auch ein Ei wäre eine Erfahrung gewesen."Wir sitzen in ihrem Lieblingscafé, dem "Savigny". Nachdenklich dreht sie das Glas mit der heißen Ingwer-Zitronen-Limonade in ihrer Hand. Ihre Stimme, von der man sagt, sie sei die erotischste von Berlin, ist grippe-kratzig. Um den schlanken Hals ist ein dicker Schal geschlungen."Lucky" wuselt um ihre Beine. Der schwarze Rüde wurde aus einer Plastiktüte befreit, abgestellt wie Müll an einer Straße in Brandenburg. Eine Bekannte päppelte das Hundebaby auf. Bei der ersten Begegnung rannte das Fellbündel Sharon nach. "Ich wollte keinen Hund." Seit sechs Jahren ist "Lucky" ihr Gefährte, folgt ihr beim Joggen im Grunewald, schiebt sich nachts im Bett zwischen sie und ihren Liebsten. Seit drei Jahren sind sie ein Paar, Sharon und "Pieper", der aus dem Badischen stammt.Sie erzählt von ihrer "Hexenhaus-Holzhütte", die da steht, wo der Kudamm endet und der Grunewald anfängt. Wir fahren hin. Sie setzt sich ans schwarze Klavier. Den Hund zu ihren Füßen, schlägt sie sanfte Töne an. Der Leinenvorhang vorm Fenster ist weggezogen, so dass sie die Vögel beobachten kann, die im Häuschen am Baum nach Futter suchen. "Ich bin ein bodenständiger Typ, liebe die Natur, brauche meine Familie um mich."Sie erzählt von der 95-jährigen Großmutter ("eine preußische Jüdin mit blond gefärbten Haaren und blauen Augen") und ihrer grünäugigen Mama, denen noch 1939 die Flucht aus Nazi-Deutschland in die Schweiz gelang. Sie fühle sich nicht als gläubige Jüdin, meint Sharon, die ihre schokobraunen Augen vom Vater hat: "Ich habe mit Religionen nichts am Hut."Die Künstlerin hat den Kurzfilm "Leben und leben lassen" gedreht, der an Schulen als Lehrstück für Toleranz gezeigt wird. Sie stellte Leuten auf der Straße immer die gleichen Fragen wie: "Was fällt dir zu Berlin ein, was zum Thema Juden?" Sie fand heraus, dass Menschen einander sehr ähnlich sind: "Sie haben die gleichen Träume." Ihr fiel auf, dass viel gelacht wurde. Sie hat dies Lachen für den Abspann zusammen geschnitten.------------------------------
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