Die Bundeshauptstadt verliert nach Angaben des Amts für Statistik weiter mehr Bürger an Brandenburg als Brandenburg an Berlin. Auch an die übrigen neuen Länder gibt Berlin mehr Bürger ab als von dort zuziehen. Aus den alten Bundesländern sowie dem Ausland kommen hingegen unterm Strich mehr Menschen nach Berlin als von der Spree dorthin ziehen.
Bevölkerungszuwachs: Weniger Personen ziehen nach Berlin
Die Zahlen für die ersten neun Monate des abgelaufenen Jahres lassen erwarten, dass sich der Bevölkerungszuwachs für das gesamte Jahr 2019 auf hochgerechnet 15.000 bis 16.000 Personen abschwächt. Damit würde sich der Bevölkerungszuwachs zum zweiten Mal in Folge deutlich verringern.
Bereits 2018 verbuchte das Amt für Statistik nur noch ein Bevölkerungswachstum um 31.300 Personen. In den Jahren zuvor war die Einwohnerzahl noch jedes Jahr um rund 40.000 Menschen und mehr gewachsen. Weil der Wohnungsneubau mit dem Anstieg der Bevölkerung nicht mithielt, zogen die Mieten stark an.
Trendwende auf dem Wohnungsmarkt?
Dass sich der Bevölkerungsanstieg jetzt weiter verlangsamt, könnte eine Trendwende auf dem Wohnungsmarkt zur Folge haben. Denn der Neubau von Wohnungen wird sich nach Einschätzung von Experten zumindest für die nächsten zwei bis drei Jahre weiter auf dem bisherigen Niveau bewegen.
Schon im Jahr 2018 wurden in Berlin rund 16.700 Wohnungen fertiggestellt. Das reichte rein rechnerisch, um bei einer Belegung von zwei Personen pro Wohnung den Bedarf durch den Bevölkerungszuwachs abzudecken.
Berlin kann mit sinkenden Kaufpreisen und Mieten rechnen
Für das vergangene Jahr liegen die abschließenden Zahlen zwar noch nicht vor, doch Professor Harald Simons vom privaten Empirica Institut rechnet damit, dass es 2019 in Berlin „ein schnelleres Wachstum des Angebots als der Nachfrage“ gegeben habe, wie er am Donnerstag auf Anfrage sagte.
Simons, der Mitglied des Rats der Immobilienweisen des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) ist, hatte bereits 2017 im Frühjahrsgutachten für den ZIA prognostiziert, dass sich der Zuzug nach Berlin deutlich verringern dürfte, weil er überwiegend auf einer Zuwanderung aus dem Ausland beruhe. Diese Zuwanderung werde sich so nicht fortsetzen. Weil der Neubau zugleich für Entlastung auf dem Markt sorgen werde, sei mit sinkenden Kaufpreisen und Mieten zu rechnen.
Lompscher: Wohnungsneubau weiterhin dringend notwendig
Viele in der Immobilienbranche trauten der Prognose nicht. Doch nun zeichnet sich ab, dass Simons richtig liegen könnte. Zu den Auswirkungen der jüngsten Entwicklung wollte sich Simons am Donnerstag nicht äußern. Er verwies auf das Frühjahrsgutachten für den ZIA, das demnächst veröffentlicht werde. Vertreter von Politik und Verbänden reagieren zurückhaltend.
Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagt, der geringere Bevölkerungszuwachs bedeute nicht, dass sich der Wohnungsmarkt schnell entspanne. Mietpreisdämpfende Maßnahmen und Wohnungsneubau seien weiterhin dringend notwendig. Ähnlich äußerte sich der Berliner Mieterverein. Es sei zu früh, Entwarnung für den Wohnungsmarkt zu geben. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen erklärt, es ändere sich nichts am großen Neubaubedarf, „vor allem von günstigen Mietwohnungen“.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com