Wenn in Karlshorst Pferde um die Wette traben, dann sind viele Ränge leer und die Einnahmen spärlich. Zudem kursieren Gerüchte über Wettmanipulationen. Ein Blick hinter die Tribüne einer Trabrennbahn, mit der es bergab geht.Damals, zu DDR-Zeiten, da waren die Renntage in Karlshorst Volksfeste", erinnert sich Sabine Fietz, Mitarbeiterin des Berliner Trabrenn-Vereins e. V. "Jeden Mittwoch und am Wochenende kamen 10000 Menschen. " Inzwischen traben Pferde nur noch mittwochs, an guten Tagen vor 1000 Zuschauern. Heute ist kein guter Tag."Die jungen Leute gehen lieber ins Internet oder wetten bei Oddset", klagt Erfolgstrainer und Europameister Manfred Zwiener (46) in seiner Stallbutze. Ein Pokal steht neben einer Packung Kaffee, tote Fliegen hängen von der Decke. Jede Woche bringt er in Karlshorst Pferde an den Start: Fanjo Canpro zum Beispiel, Rhoder Pirat oder Leibniz. Aber die richtig guten, "die sind zu schade für Karlshorst", sagt er. "Hier gibt s ja nur 400 Euro für den Sieg, in Mariendorf gibt s 600 bis 700, in Gelsenkirchen 1200. " Spärlich besetzt sind die roten und blauen Schalensitze auf den Tribünen. Manche starren durch Ferngläser, andere glotzen auf Tippzettel. Den Rest der Zeit verhocken sie im Tabakdunst der Innenhalle, lehnen an Schultheiss-Fässern, kippen Kümmerling aus Fläschchen, studieren im Zockertreff den "TraberKurier". Da steht, was man wissen muss: die Rennen, die Pferde, die Besitzer, die Bestzeiten.Die goldenen Zeiten der Trabrennbahn Karlshorst sind vorbei. Vor 109 Jahren wurde sie gegründet, als Karlshorster Bahn des Vereins für Hindernisrennen. Es war am 9. Mai 1894, auch ein Mittwoch. "Die Sonne erstrahlte in festlichstem Glanze", wie es im Jubiläumsheft zur 100-Jahr-Feier heißt, und Massen von Menschen schoben sich in die Wuhlheide.In 1999 musste der "Rennverein Trabrennpark Karlshorst" Insolvenz anmelden. Ein Jahr später übernahm der Verein in Mariendorf die Bahn in Karlshorst. Man nannte sich "Berliner Trabrenn-Verein" (BTV) und regelte die Finanzierung durch einen Pachtvertrag mit der Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG).Doch der Neustart war wenig glücklich. "Die letzte Fahrt der Sulkys" titelte die "Berliner Zeitung" im Dezember 2001. Begründung: zu wenig Zuschauer und schlechte Umsätze. Zwei Bahnen seien zu viel in Berlin, befanden BTV-Mitglieder. Man beschloss, sich trotz Pachtvertrags auf die Rennbahn in Mariendorf zu konzentrieren."Die TLG finanzierte nicht die versprochenen Umbaumaßnahmen auf dem Gelände, also fühlten wir uns damals auch nicht mehr vertraglich gebunden und wollten aussteigen", erinnert sich Dimitrios Vergos, Geschäftsführer des BTV. Am Ende ging es doch weiter, "aus politischen Gründen". Aber eine Lösung der Finanzierung steht noch aus. Bis Ende 2003 laufen die Pferde, dann will die TLG die Konditionen ändern - mehr Pacht verlangen, weniger Zuschüsse gewähren."Ohne diese Unterstützung geht aber nichts", fürchtet Vergos. Bis Mitte des Jahres soll eine Entscheidung gefunden werden. Er hofft bei den Verhandlungen allerdings auf das gute Verhältnis der beiden Parteien.Auch die Umsatzzahlen scheinen so schlecht nicht. "Natürlich könnten sie besser sein", räumt Marketing-Betreuer Uwe John ein. Aber in Berlin seien sie noch relativ gut. Pro Rennen werden im Jahresdurchschnitt 9000 Euro umgesetzt.Eine ungeschönte Bestandsaufnahme liefert dagegen der schwedische Trainer Rolf Hafvenstroem (57). "Jeder weiß doch, dass hier manipuliert und hin und wieder Geld dafür geboten wird, Pferde gerade nicht als Sieger durchs Ziel kommen zu lassen. Und wenn tatsächlich jemand angeklagt wird, kann er vor Gericht mangels Beweisen nicht haftbar gemacht werden, oder die Strafe fällt viel zu gering aus. " Man sieht es seinem zerfurchten Gesicht an: Hafvenstroem ist ein leidender Pferdenarr. Jeden Mittwoch fährt er in seinem blauen Anzug mit den weißen Sternen fast alle Rennen mit. "Es ist doch eigenartig. In Frankreich und Skandinavien floriert der Trabrennsport, in Deutschland geht s bergab. Andere Wettsysteme boomen doch auch, trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen Misere. " Auch Dimitrios Vergos sieht "das Problem der Manipulation, aber schuld an der Krise ist es nicht. Andere Länder haben zum Beispiel viel mehr externe Wettannahmestellen und eine größere Medienaufmerksamkeit. " Manipulierte Rennen seien im Übrigen "die absolute Ausnahme".Auch Manfred Zwiener weiß: Die Zeiten waren schon besser. "Mir tränen die Augen, wenn ich heute herkomme, dabei habe ich schon die Fahrer- und die Trainerprüfung in Karlshorst absolviert. Früher war die Presse hier, heute kann man nur eine Bombe in die Toilette werfen. " Angebote aus Frankreich hat er genug, aber er ist vorerst geblieben, weil er noch Hoffnung hat: "Ich glaube, wir haben die Talsohle hinter uns. Wenn die Leute auf uns aufmerksam gemacht werden, kommen auch wieder Sponsoren. " Rolf Hafvenstroem ist da anderer Meinung: "Fragen Sie doch Leute auf der Straße, wir haben das Flair eines Rotlichtviertels. Ich bin der Einzige, der ausspricht, dass hier zu viel manipuliert wird. Wenn niemand Klartext spricht, geht es weiter bergab, bis es aus ist. ".BU: Die Wette gilt, das Rennen läuft und wird via Fernseher in die Halle übertragen. 400 Euro gibt s für Sieg.BU: Ein guter Schluck, ein guter Tipp: Das Ehepaar Gerhard (70) und Siegrid Schmidt (63) zählt zu den Stammgästen.
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