Erinnerungen aus dem Schilderwald

Wie die Farbe auf die Straße kam

Die Werbefirma Hruby feiert in diesem Jahr 100-jähriges Jubiläum.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Zum Jubiläum gestaltete Chef Fritz Naumann ein neues Logo, hier auf einem der Firmen-LKWs. 

Zum Jubiläum gestaltete Chef Fritz Naumann ein neues Logo, hier auf einem der Firmen-LKWs. 

© Gerd Engelsmann

Wir alle sehen sie jeden Tag, überall im Stadtbild – Werbung! Aber: Haben Sie sich schon einmal gefragt, wo die bunten Tafeln, Plakate, Banden und Aufsteller herkommen? Ein Unternehmen, das sie seit Jahrzehnten fertigt, wird in diesem Jahr stolze 100 Jahre alt: Bei „Hruby“ wurden in der Zeit zwischen den Weltkriegen sogar noch Kutschen bemalt.

Früher dauerte die Gestaltung eines BVG-Busses per Hand mehrere Wochen.

Früher dauerte die Gestaltung eines BVG-Busses per Hand mehrere Wochen.

© Hruby

Eigentlich sind die Kunstwerke, die jeden Tag die Hallen der Firma „Hruby Werbetechnik“ in Kreuzberg verlassen, überall in der Stadt zu sehen – doch es gibt Ausnahmen. „Wir gestalten auch seit zehn Jahren die Beschilderung für den Flughafen BER“, sagt Geschäftsführer Fritz Naumann (52). Gerade werden auf einer Werkbank Flucht- und Rettungspläne für die einzelnen Bereiche zugeschnitten – wann man sie zu sehen bekommen wird, ist unklar.

Im Gegensatz zu den anderen Dingen, die bei der Firma hergestellt werden: Seit stolzen 100 Jahren entstehen hier Werbeschilder, Plakate, Tafeln, Beschriftungen für Fahrzeuge, darunter auch die Busse der BVG. „Es macht natürlich stolz, wenn man die eigene Arbeit ständig überall sehen kann – aber wir haben uns daran gewöhnt“, sagt Naumann. Seine Frau Alke (46), die seit zehn Jahren die kaufmännischen Geschicke des Traditionsbetriebes leitet, fügt hinzu: „Aber ich freue mich, wenn wir mal wieder in der Tagesschau sind.“ Denn auch die Tafeln, die oft im Hintergrund stehen, wenn Politiker auf Pressekonferenzen sprechen, werden oftmals hier bedruckt.

Fritz Naumann und seine Frau Alke leiten das Berliner Traditionsunternehmen heute.

Fritz Naumann und seine Frau Alke leiten das Berliner Traditionsunternehmen heute.

© Gerd Engelsmann

Die Geschichte der Firma begann 1919. Damals gründen die Brüder Karl und Zdenko Ruby aus Tschechien die „Firmenschilderfabrikation“. Karl ist Malermeister, Zdenko Kaufmann. „In den 20er-Jahren wurde die Stadt bunt, Werbung wurde zum großen Trend“, sagt Naumann. „Der Markt war da – und sie fanden die richtige Nische.“ Die Brüder beschriften Autos und sogar Kutschen, stellen Leuchtreklame her, fertigen handgemalte Firmenschilder. Nach der Wirtschaftskrise 1928 trennen sich die Brüder. Karl Hruby spezialisiert sich zunächst auf Automobilbeschriftungen. Als er zur Wehrmacht eingezogen wird, liegt das Geschäft brach, doch nach der Heimkehr aus dem Krieg im Jahr 1948 meldet er das Unternehmen erneut an. Vor allem in Zeiten des Wirtschaftswunders boomt das Geschäft, die Kunden kommen in Scharen – Bäcker, Fleischereien, Tabakhersteller wollen Werbeschilder und Reklametafeln.

„Damals wurde alles per Hand gemacht“, erzählt Naumann. Nach den Vorstellungen und Skizzen der Kunden fertigten die Maler der Firma Entwürfe. „Sie kamen per Post zum Kunden. Die Umsetzung eines Auftrages dauerte manchmal mehrere Wochen. Dafür war die Werbung aber wesentlich langlebiger und nicht wieder so schnell wie heute aus dem Stadtbild verschwunden.“

Als es nochkeine modernen Drucktechniken und keineComputer gab, wurden nach den Vorstellungen der Kunden Zeichnungen angefertigt.

Als es nochkeine modernen Drucktechniken und keineComputer gab, wurden nach den Vorstellungen der Kunden Zeichnungen angefertigt.

© Gerd Engelsmann

In den 70ern übernimmt die zweite Generation das Unternehmen, Peter-Rainer Nitka führt die Geschäfte weiter. Ein Satz, den der ehemalige Chef Hruby über seine Zeit prägte, ziert auch die Unternehmenschronik: „Wir haben zusammen so viele Autos beschriftet, dass sie auf dem Tempelhofer Feld keinen Platz finden würden.“ Auf Wagenbeschriftungen konzentriert sich auch der neue Chef – und er baut die technische Ausstattung aus, schafft neue Gerätschaften an. Eine Schilder-Säge, die er damals für 22.000 D-Mark kaufte, ist noch heute in Betrieb.

Naumann, der heutige Chef, begann 1984 seine Ausbildung in der Firma, verliebte sich in die abwechslungsreiche Arbeit. Seit zehn Jahren sitzt er nun am Ruder. Vieles habe sich aber in der Zeit verändert, sagt er. Anfangs lernte er noch die Malerei – ein Talent, das heute kaum gebraucht wird: Alles wird am PC gestaltet, die Entwürfe kommen zumeist fertig vom Kunden. „Und es ist alles schnellebiger geworden“, sagt er. Beispiel Omnibusse: Seit 40 Jahren beschriftet die Firma die BVG-Fahrzeuge. „Früher wurde der Bus erst in der Grundfarbe lackiert, dann Schicht für Schicht bemalt. Während Omnibusse für die Beschriftung damals über Tage aus dem Verkehr gezogen wurden, muss heute alles in wenigen Stunden erledigt sein.“ Die Werbung selbst bleibte zudem lange.

Früher bemalte das Team sogar Häuser-Giebel – doch das ist heute nicht mehr zeitgemäß. „Da blutet einem manchmal das Herz“, sagt er. Für einen Schuhersteller fertigte die Firma einmal Regale und Aufbauten an, die nur für drei Tage stehen blieben. „Ich konnte die Sachen danach nicht wegwerfen“, sagt Naumann. Noch heute hat er für 150 Euro im Monat eine Garage gemietet, in der er die Kunstwerke aufbewahrt.

Autobeschriftungen gehörten schon immer zum Schwerpunkt der Firma Hruby – hier auf einem VW-Bus.

Autobeschriftungen gehörten schon immer zum Schwerpunkt der Firma Hruby – hier auf einem VW-Bus.

© Hruby

Naumann blickt auch auf weitere spezielle Einsätze zurück. Für einen der größten musste die Firma nach Düsseldorf reisen. „1996 gab es dort einen großen Brand. Wir wurden als Experten gerufen, um das Einrichten des Not-Betriebes zu begleiten“, sagt er. „Wir reisten mit einem großen Team aus Berlin an, bauten eine Werkstatt auf und erstellten alle Beschriftungen und Tafeln, die gebraucht wurden.“ Insgesamt rund 10.000 Schilder fertigten die Mitarbeiter im Laufe der Zeit an, auch, weil immer wieder welche ausgetauscht werden mussten. „Das war eine sehr spannende Zeit“, sagt er. Ein anderer Auftrag trieb die Fachleute an ihre Grenzen: Für das Medizinhistorische Museum wurden Ausstellungstafeln angefertigt. „Jetzt kennen wir hier alle Formen von Leichen, die es gibt“, sagt Naumann. Und: Es gab auch skurrile Begebenheiten. 1982 bemalten die Mitarbeiter auf Bestellung einen Porsche in schwarz-rot-gold. Zum Lackieren wurden die Lüftungsschlitze abgeklebt. Der Fahrer wollte nicht warten, ließ den Motor an – und das Auto ging in Flammen auf.

Im Gegensatz zu jenem Porsche wird es die Firma noch lange geben. Nur ein Problem gibt es: Die Suche nach Nachwuchs, wie in anderen Handwerksbetrieben auch. „Der Beruf Schilder- und Leuchtreklamehersteller klingt für junge Leute einfach so sexy, dass sie sich direkt wieder umdrehen“, sagt Alke Naumann und lacht. Benötigt werden handwerkliches Interesse, räumliches Denkvermögen und gutes Deutsch. Und Lust daran, vielleicht schon bald einen Traditionsbetrieb zu leiten. Denn jeder, der hier mal Geschäftsführer war, hat als Auszubildender begonnen.  

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