Mit glasigen Augen starrte er ins Leere. Sein kurzes Statement trug er mit dünner Stimme vor. Ansonsten schwieg der Chef der Loveparade bei der Pressekonferenz im Duisburger Rathaus, genau vor einer Woche, wenige Stunden nach der Tragödie.Rainer Schaller, 41, war bis dahin das genaue Gegenteil gewesen: ein kräftiger Macher-Typ, der gerne redet. Immer strahlt. Und zwar das Sieger-Lächeln eines Mannes, der sich als Boss von Deutschlands erfolgreichster Fitness-Studio-Kette McFit nach ganz oben gearbeitet hat.Am 24. Juli 2010 hat diese Erfolgsstory eine dramatische Wende genommen.Rainer Schaller ist Geschäftsführer der Lopavent GmbH. Die Firma, die mit der StadtDuisburg das Großereignisorganisiert hat. Der Mann mit der Bruce-Willis-Glatze steht im Fokus der strafrechtlichen Ermittlungen. Viele fragen sich: Wer ist dieser Rainer Schaller? Wie viel Schuld trägt er am Tod von 21 Menschen?"Ich gehe immer volles Risiko." - So hat Schaller einmal seine unternehmerische Haltung beschrieben. Ein Bumerang. Denn der Spruch wurde ganz schnell als riskante Wird-schon-gut-gehen-Mentalität umgedeutet. Und es zählt nun wenig, dass Schaller großeRisikobereitschaft bewies, als er 2005 die Loveparade übernommen hatte. Damals war das einstige Kult-Event bereits zwei Jahre lang ausgefallen. Schaller investierte drei Millionen Euro in die marode Marke. Er wurde dafür keineswegs durchweg bejubelt. Viele Journalisten machten sich über den "Muckibuden-Besitzer" lustig.So war es oft im Leben von Rainer Schaller. Ein Underdog und Einzelkämpfer.Er wurde in der mittelfränkischen Kleinstadt Schlüsselfeld geboren. Sein Vater arbeitete bei Siemens, seine Mutter betreibt bis heute einen Edeka-Laden. Auch der Sohn absolvierte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann und leitete mit 27 bereits vier Edeka-Filialen. Schaller gab diese sichere Existenz auf. Er wollte sich mit Fitness-Studios selbstständig machen. Woraufhin ihn sein Vater zu enterben drohte. Keine Bank wollte Kredit gewähren.So eröffnete er sein erstes Fitness-Studio 1997 in Würzburg mit gebrauchten Geräten. Er machte alles alleine: Coaching, Empfang, Putzen. Auch die Werbung. Darin war er von Anfang an besonders clever. Die Branche setzte damals auf schicke Wellness-Tempel. Doch Schaller glaubte ans Aldi-Prinzip: wenig Personal. Pures Training, rund um die Uhr, Monatsgebühr unter 20 Euro. Viele Konkurrenten, die McFit anfangs belächelten, sind inzwischen pleite. Oder wurden von Schaller aufgekauft.Die McFit-Verwaltung befindet sich nach wie vor in Schlüsselfeld. Doch das Schaufenster des Unternehmens ist die Berliner Zentrale. Die Büros inder Alten Backfabrik sind so schrill gestaltet wie früher bei MTV: Flokati-Teppiche und Meeting-Räume wie Raumkapseln. Der Chef ist hier nur "der Rainer". Ein Boss zum Anfassen. Der viel Wert auf Kommunikation und soziales Betriebsklima legt. Schallers Führungsteam arbeitet äußerst effizient. Neue Filialen werden generalstabsmäßig geplant. Jungen Mitarbeitern überträgt erviel Eigenverantwortung. Schaller: "Sie wissen, dasssie Fehler machen dürfen. Es darf keine Angstkultur herrschen."War Schallers Organisationsteam zu unerfahren? Fakt ist, dass sich die kritisierten Ordner gar nicht aus dem McFit-Umfeld rekrutierten, sondern angemietete Sicherheitsleute waren. Auch hatten die Lopaevent-Mitarbeiter bei den Massen-Events in Dortmund (2008) und Essen (2007) offenbar einen guten Job gemacht.Rainer Schaller wirkt oft wie ein großer Junge. Sein salopper Turnschuh-Stil verstärkt dies. Er gönnt sich einen Fuhrpark mit Alfa Romeo, Chevrolet und VW-Bulli. Eine Neureichen-Protz-Villa besitzt er aber nicht. Er hat das Haus seiner Eltern im beschaulichen Schlüsselfeld umgebaut. Dort lebt er mit Freundin Michaela und Hund. "Mein Ruhepol", sagt der an sich sehr bodenständigeFranke. Er geht stundenlang spazieren und genießt dievertraute Umgebung. Er wirkt hier viel weniger aufgekratzt: "Ich möchte hier einmal Kinder haben.""Der Schaller kann auswandern", tönte Dr. Motte, der Gründer der Loveparade, nach dem Unglück. Er ätzte schon vorher gerne gegen den McFit-Chef, warf ihm skrupellose Geschäftemacherei vor. Schaller konterte: Die Loveparade koste ihm eher Geld, er sehe das als Werbe-Maßnahme für seine Studios.Ins Ruhrgebiet ist Schaller mit der Loveparade nicht wie eine Marketing-Heuschrecke eingefallen. Er kannte sich mit der dortigen Infrastruktur bestens aus. Denn hier hat er Ende der 1990er seine Basis für den Erfolg von McFit gelegt. Als er erkannte, dass seine Kunden nicht in den teuren Innenstädten zu finden sind. So ging er in die vernachlässigten Ballungsräume des Reviers oder siedelte seine Studios in schnell erreichbaren Industriegebieten an."Einfach gut aussehen", der Werbespruch von McFit. Schaller hat so auch die Loveparade wiederbelebt: Einfach Spaß haben und tanzen. Die Loveparade war keine Demo von Techno-Freaks mehr, sondern familientaugliche Umsonst-und-draußen-Party. Der Chef-Organisator tanzte fröhlich vorweg. Genau wie auf den Betriebsfesten, wo Schaller gerne den DJ macht und als einer der Letzten geht.Noch immer hält sich Schaller vor Ort in Duisburg auf, um bei der Aufklärung zu helfen. Er stelle sich seiner Verantwortung, erklärte er. Doch die Schockstarre scheint er noch nicht überwunden zu haben. Es ist auch das Dilemma eines Menschen, der sich stets um alles selbst gekümmert hat, auch um den Bodenbelag eines neuen Studios. Der von Erfolg zu Erfolg getragen wurde. Dem Türen bereitwillig geöffnet wurden.Wer auf die Website von McFit klickt, liest dort: "Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei allen Angehörigen und Freunden der Unfallopfer. Wir wünschen Ihnen die Kraft und Zuversicht für die bevorstehende Zeit." Das wird auch Rainer Schaller brauchen.------------------------------RAINER SCHALLERS REICHDer gelernte Einzelhandelkaufmann eröffnete 1997 sein erstes Fitness-Studio. In knapp zehn Jahren baute er McFit zum Marktführer in Deutschland aus (vor Fitness Company). Schallers Unternehmen machte 2009 den Rekordumsatz von 135 Millionen Euro und beschäftigt derzeit rund 3000 Mitarbeiter. McFit hat mehr als 800 000 Mitglieder (Monatsbeitrag: 16,90 Euro).In Deutschland und Österreich werden rund 120 Studios betrieben, zuletzt expandierte man nach Spanien (erste Studios auf Mallorca und in Madrid). Schaller ist auch Geschäftsführer der Firma Lopavent, die seit 2005 die Loveparade vermarktet und organisiert. McFit fungiert dort als Hauptsponsor.------------------------------Zwischenzeile: EIN MACHER-TYP, DER SICH NACH OBEN GEARBEITET HATZwischenzeile: KEINE PROTZ-VILLA, ABER EIN FAIBLE FÜR AUTOSBU: Mit 23 Jahren arbeitete der Kaufmanns-Sohn im heimischen Edeka-Geschäft.
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