Berlin - Derby-Fieber in der Stadt. Jetzt schon mindestens 39,8 Grad, Tendenz steigend. Am Sonnabend treffen im Olympiastadion Aufstiegsaspirant Hertha BSC und die Abstiegskämpfer des 1. FC Union aufeinander (13 Uhr). 74 244 Zuschauer. Der absolute Fußball-Wahnsinn in der Zweiten Liga. Der KURIER nimmt den Ball auf, spielt ihn steil nach vorne. Je vier Union- und Hertha-Fans trafen sich zur zweieinhalbstündigen Diskussion im Restaurant des Fernsehturms am Alex. Sie sprachen über das Derby, das Leben und (207 Meter hoch) natürlich über unser Berlin!KURIER: Bitte stellt euch und eure Fußball-Liebe kurz vor. Wir beginnen sportlich fair mit dem Gastverein, mit Union.Matti: Als ich Kind war, bekamen wir Karten für Dynamo geschenkt. Dann erfuhr mein Opa davon, sagte: ,Das geht überhaupt nicht. Du kommst mit zu Union.' Der erste Gegner war Stahl Riesa. Egal. Wichtig sind mir die Menschen bei Union. Dass wir so leben und Fußball sehen können, wie wir es wollen. Seit ich Union gucke, hat der Verein garantiert mehr verloren als gewonnen. Ist mir aber völlig egal.Hönower: Bei mir war's ähnlich. BFC - war nix für mich. Also in Köpenick Union gucken. Ligastaffel B gegen Dynamo Fürstenwalde. Muss 1974 gewesen sein. Seither bin ich eisern dabei.Försterin: Mein Vater hat mir Union jahrelang verboten. Dort prügeln sie doch nur, sagte er. Irgendwann bin ich doch hin, hab die sicherste Stelle gesucht, um lebend wieder rauszukommen. Union hat verloren, aber die Fans haben mich beeindruckt. Sie sangen bis zum Ende. Die klatschten sogar Beifall, wenn der Torwart 'nen leichten Ball gefangen hat.Robert: Winter 1996. Ein bitterkaltes 0:0. Der Gegner? Keine Ahnung. Seit 2000 sehe ich jedes Spiel, wenn's irgendwie geht.KURIER: Jetzt die Herthaner.Sami: Ich bin erst 14, aber in mir war immer schon blau-weißes Blut. 6:2 gegen Dortmund, das war mein erstes Hertha-Spiel. Ziemlich cooler Start, finde ich.Herthaner4ever: Eigentlich war ich Dynamo-Dresden-Fan. Bis ich eine Baustelle in Charlottenburg hatte. Rein ins Olympiastadion - ich war überwältigt. Das Geilste bisher war der Zweitliga-Sieg über Kaiserslautern im Aufstiegsjahr 1997. Volle Hütte, Hertha gewinnt, Gänsehaut.Datcheffe: Als Junge hab ich Torwart gespielt, mein Vorbild war nicht Sepp Maier, sondern Volkmar Groß. 1974 war ich das erste Mal bei Hertha im Olympiastadion. Der Höhepunkt war das Champions-League-Spiel beim AC Mailand. 1000 Mark hab ich hingelegt für die Karte. Schwarzmarkt-Preis und nie bereut!Conny (mit Datcheffe verheiratet): Ich bin durch Datcheffe und die WM 2006 so richtig zum Fußball gekommen.KURIER: Hertha & Union. Alte Freunde oder bittere Rivalen?Hönower: Ich gehöre zu denen, die gesungen haben: ,Wir gehören zusammen wie der Wind und das Meer'. Union und Hertha, das war mal ganz dicke. Die aktuelle Entwicklung sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Man will nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Ich schieb's mal auf die jüngeren Fans beider Lager.Sami: Dann bin ja ich angesprochen. Ich habe von der Fanfreundschaft gelesen. Aber zwischen mir und Union ist nichts. Weder Zuneigung noch Abneigung. Klar: Ich bekomme mit, wenn Freunde gegen Unionspieler hetzen. Torsten Mattuschka können viele nicht leiden. Aber mir ist das egal. Drei Punkte für Hertha und alles ist in Ordnung!Datcheffe: Ich kenne die alten Zeiten der Freundschaft. 2001 im Pokalfinale gegen Schalke haben viele Herthaner Union noch unterstützt. Vom geilen Freundschaftsspiel nach der Grenzöffnung will ich gar nicht mehr reden, obwohl ich bei der Erinnerung daran Gänsehaut bekomme. Aber vergangenen September habe ich mich nach den ganzen Arm-reich- und Ost-West-Parolen aus Köpenick nicht zum Derby getraut, weil ich ja gesundheitlich angeschlagen bin Datcheffe ist schwer an Krebs erkrankt. Ich habe die Karten weitergegeben. War ein Scheißgefühl.Hönower: Datcheffe, das tut mir leid. Aber eigentlich war es unnötig. In der Alten Försterei ist nichts passiert, jedenfalls nicht mehr als bei anderen Spielen. Irgendwie gehören doch Parolen und Sticheleien zu einem Derby.Robert: Umso mehr, als Hertha das Prädikat Hauptstadtklub für sich reserviert hat. Dann sind wir eben der Kiezklub. Da gehört der Verweis auf die Kohle mit dazu. Euer Etat ist mehr als drei Mal so hoch wie unserer. Arm gegen reich - so ist das nun mal. Und wir Unioner fühlen uns in unserer Rolle wohl.Datcheffe: Ich verstehe nicht, warum sich Union nur als Köpenicker Klub sieht. Hertha ist offen für Berlin und Brandenburg. Warum mauert ihr Unioner euch in Köpenick ein?Hönower: Das ist einfach unsere Lebenshaltung.Herthaner4ever: Ich muss immer schmunzeln, wenn ich lese: ,Wir gehen nicht zum Fußball. Wir gehen zu Union'.Robert: Ihr versteht uns nicht. Oder wollt uns nicht verstehen. Wir wollen nicht um jeden Preis nach oben, wollen keine 35 oder 40 oder noch mehr Millionen Schulden bei unserem Verein. Ich wäre zufrieden, wenn wir in zehn Jahren einen Status wie Fürth hätten: unaufsteigbar, aber immer drin. Und ich hoffe, dass auch dann noch bei uns nicht jedes Foul auf der Anzeigetafel von einer Krankenversicherung präsentiert wird. Oder Klatschpappen. Oder was auch immer.Datcheffe: Mir geht es völlig am Hintern vorbei, wer auf der Videowand irgendwas präsentiert. Ich gehe ins Stadion wegen Fußball. Und weil ich meine Hertha oben sehen will. Unser Ziel kann nur die Bundesliga und Europa sein. Und Deutscher Meister müssen wir auch mal wieder werden.Matti: Siehste, Datcheffe, genau deswegen gönne ich euch Fahrten nach Paderborn und Osnabrück. Nicht, weil ich euch nicht leiden kann. Sondern als Erfahrung. Denn das bringt uns vielleicht wieder zusammen. Paderborn vereinigt uns. Nicht Mailand. Glaub es mir!Morgen lesen Sie: Warum Unioner Hertha vor erneuten Millionen-Abenteuer warnen.Was Unioner von Hertha haben möchten - und umgekehrt. Und die Tipps fürs Derby.------------------------------BU: Annette (Fußballförsterin)BU: MattiBU: Peter (Herthaner4ever)BU: ConnyBU: Derby-Fieber in der Stadt. Union (Mosquera) und Hertha (Lell) trennten sich im Hinspiel mit 1:1. Wobei Außenseiter Union locker auch hätte gewinnen können.Zwischenzeile: "UNIONERN SIND MENSCHEN WICHTIGER ALS DER FUßBALL."Zwischenzeile: "ICH WILL MEINE HERTHA WIEDER IN EUROPA SEHEN."
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