Auf Arbeit, im S-Bahnhof Schöneberg, zeigt der Belgische Schäferhund andere Eigenschaften: Wachsamkeit, Stärke, Bestimmtheit. Und wenn es nottut, ist er bereit, auf Angreifer loszugehen. Pit, rund 16 Monate alt, ist einer von 13 Diensthunden, die für die fünf neuen S-Bahn-Wachen im Einsatz sind. „30 sollen es werden“, sagt Michael Radner. Er ist Chef des Diensthundewesens bei der Deutschen Bahn, zu dem derzeit 36 Tiere gehören – Tendenz steigend.
Auf der großen Wiese neben dem S-Bahn-Werk Schöneweide sind knapp zehn Diensthunde samt Betreuer zusammengekommen. Es ist laut, selbst der Krach des Laubbläsers, der einige Meter weiter lärmt, geht unter. Die Tiere zerren an der Leine, in manchem Beißkorb sind gefletschte Zähne zu sehen.
Diensthunde bei der S-Bahn Berlin: Fahrgäste fühlen sich sicher
Die Hunde kennen sich noch nicht oder noch nicht lange, deshalb wird gebellt und geknurrt. „Für die Tiere ist es erst mal Stress“, erklärt Radner.
Der 55-Jährige, dessen Akzent die Herkunft aus Rheinland-Pfalz verrät, leitet die achtwöchige Diensthundeausbildung der Bahn, die für ganz Deutschland in Schöneweide angesiedelt wurde. Zuvor war er bei der Polizei tätig. Radners Belgischer Schäferhund heißt Devil (Teufel) und trägt eine Brille gegen ultraviolette Strahlung. Ein Auge ist blind, das andere muss geschützt werden.
Bisher hat die Bahn auf externe Firmen zurückgegriffen, nun hat sie diesen Bereich selbst in die Hand genommen. Ein Anlass ist, dass immer wieder Mitarbeiter angegriffen werden. Auch Fahrgäste fühlen sich sicher, wenn sie Hundestreifen sehen. Darum sind auch auf Berliner S-Bahnhöfen immer mehr Diensthunde für DB Sicherheit im Einsatz, jüngst kamen wieder vier dazu.
Ginas Gebell ist unüberhörbar. Es ist wichtig, dass Diensthunde vom Freizeit- auf den Arbeitsmodus umschalten können – und wieder zurück. Das hier, hat die Deutsche Schäferhündin richtig erkannt, hat mit Arbeit zu tun. Die Autofahrt von Rudow zum Adlergestell, die anderen Diensthunde, der Ausbilder: Das sind untrügliche Zeichen für sie.
Gina wurde nicht von Radner eingekauft, anders als Pit, der sich seine Sporen bei der Düsseldorfer Polizei verdient hat. Sie trat als Familienhund in die Dienste der Bahn ein. „Wir haben sie, seitdem sie ein Welpe war“, erzählt Bianca Nickel, die Besitzerin. „Wir kennen uns gut.“ Gina wohnt im Haus der Familie in Rudow.
Achtung, gut aufpassen! Gute Diensthunde sind wachsam – und sie gehorchen.
© Volkmar Otto
So ist es bei Diensthunden üblich: Sie sind 24 Stunden pro Tag mit ihren Menschen zusammen. Pit zum Beispiel schläft vor Sebastian Großes Schlafzimmer in Premnitz.
Diensthunde gehen Streife in S-Bahnhöfen
Auch wenn es anderslautende Klischees gibt – gemessen an der Zahl der Fahrgäste (allein 2018 mehr als 1,5 Milliarden) ist die Zahl der gemeldeten Straftaten bei BVG und S-Bahn gering, und ihre Zahl ist rückläufig. 2018 wurden laut Kriminalstatistik 24063 Delikte registriert. Trotzdem hat die S-Bahn Berlin ein neues Sicherheitskonzept umgesetzt - zu dem auch fünf Wachen gehören.
In den Berliner S-Bahn-Wachen sind 60 Sicherheitskräfte beschäftigt, rund um die Uhr ist jemand da. Standorte sind die S-Bahnhöfe Ostkreuz, Westkreuz, Friedrichstraße, Schöneberg – und Gesundbrunnen.
Dort geht Bianca Nickel Streife, mit Schlagstock, Pfefferspray und Gina. Wenn mit einem Fahrgast ein ernstes Wort zu reden ist, sorgt die Hündin allein durch ihre Präsenz für Ruhe – und dafür, dass Bitten befolgt werden. Zwei Stunden läuft Gina durch den Weddinger Bahnhof, dann darf sie sich zwei Stunden in einer Box ausruhen – so ist es vorgeschrieben. Die Menschen sind währenddessen wieder auf Streife.
Diensthunde bei der S-Bahn: Bitte nicht streicheln!
Michael Radner, dessen Auto das Kennzeichen des Westerwaldkreises trägt, macht keinen Hehl daraus, dass er das Treiben auf den hauptstädtischen Bahnstationen zuweilen als herausfordernd empfindet – so sähen es auch die Tiere.
„Als ich Kind war, bekam ich gesagt, dass ich nicht auf Hunde zulaufen und dass ich sie nicht einfach so streicheln soll“, erzählt er. Doch in Berlin komme es ziemlich häufig vor, dass Kinder die Hände ausstrecken: Ist der süß! „Manche Hunde wollen sich nicht anfassen lassen“, warnt Radner.
„In Berlin scheint es viele Kommissar-Rex-Fans zu geben.“ Aber nicht jeder Diensthund der Bahn möchte das Klischee vom netten Polizeihund schwanzwedelnd erfüllen. „Dann wird gefragt: Warum bellt der denn?“
Zu Hause ist er ganz lieb. Pit begleitet seinen Hundeführer Sebastian Große in Schöneweide.
© Volkmar Otto
Dann sind da noch die ganz Eiligen, die im Bahnhofsgedränge beinahe über die Hunde stolpern. Nicht zu vergessen die Hundehalter, die ihre Tiere ohne Leine herumlaufen lassen – und sich über die Reaktion wundern. Oder die Alten, die ihren Krückstock heben, um voranzukommen – was von manchen Hunden als Angriff empfunden wird.
Und so besteht die größte Herausforderung der Hundeführer darin, sicherzustellen, dass die Tiere nicht alles als Attacke verstehen. „Es ist richtig, dass sie wachsam sind. Doch die Hunde sind nicht dazu da, Fahrgäste zu verletzen“, erklärt Sebastian Große.
Im Notfall beißen die Diensthunde auch zu
Nur wenn Deeskalation nicht funktioniert, drohen körperlich spürbare Reaktionen. Dann wird erst mal gestoßen, noch mit Maulkorb. Hilft auch das nicht, wird der Beißschutz entfernt. „Dann kann es eine Bissverletzung geben“, sagt Radner kühl. Aber wie gesagt: Das sei nicht der Hauptzweck.
„Wir bilden keine Killer aus, sondern Tiere, die gehorchen und vernünftig kommunizieren.“ Ebenso wichtig: Falls erforderlich, müssen die Hunde auch wieder loslassen können. Motto: „Klappe aufmachen, Person ausspucken“.
Die Hundeführer können nicht von vielen brenzligen Situationen erzählen. Gina, berichtet Bianca Nickel, hat am Bahnhof Gesundbrunnen einen unter Drogen stehenden Mann gestoßen – dann war Ruhe. Inzwischen hat die Hündin Ruhe gegeben, sie wirkt freundlich mit ihrem langen Fell. Bianca Nickel ist stolz auf Gina. Ob sie sich auch Katzen zulegen würde? „Katzen – bloß nicht!“
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