Kolumne „Wir im Netz“

Stundenlange YouTube-Vorträge? Davon bekommt Gen Z nicht genug!

In einer Internetwelt, in der kürzer und schneller als besser gilt, schalten Millionen Menschen stattdessen lieber bei stundenlangen YouTube-Vorlesungen ein.

Foto von Autor/Autorin: Jana Hollstein
Lesezeit 3 Min
YouTube wurde früher mehr als Social-Media-Plattform genutzt, heute hat sich das gewandelt.

YouTube wurde früher mehr als Social-Media-Plattform genutzt, heute hat sich das gewandelt.

© Pond5 Images/imago

Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern und Jugendlichen sinkt immer mehr – so heißt es allgemein. Schuld wird gerne den sozialen Medien zugeschoben, vor allem der Kurzvideoplattform TikTok. So ganz unberechtigt ist die Sorge sicherlich nicht. Aber wie bei allem anderen gibt es auch hier ein Gegenprogramm. Stundenlange „Video-Essays“ sind eine Faszination im Internet, die immer beliebter wird.

Immer längere „Vorlesungen“ finden auf YouTube ihr Publikum

Wenn man mal ganz ehrlich ist, die Hochphase von YouTube als Plattform ist längst vorbei. In den 2010ern waren Vlogger Internet-Stars, heute müssen sie TikToks drehen oder in der Versenkung verschwinden. Wirklich intensiv genutzt wird YouTube heutzutage nicht mehr so sehr – mit einer einzigen, unerwarteten Ausnahme.

Video-Essays sind, wie der Name schon nahelegt, Essays in Video-Form. Entwickelt hat sich die Form aus Filmkritiken auf YouTube, heutzutage sind bei den Themen aber keine Grenzen gesetzt. Üblich ist es beim Format, dass der YouTuber der Kamera zugewandt sitzt (manche bleiben auch lieber anonym und sprechen aus dem Off) und so etwas wie eine Vorlesung hält, untermalt mit Bildern und Videos, was sie dynamischer macht.

Der Anspruch ist, dass der YouTuber in dem Video ein Argument vorträgt, und dabei wie bei einem wissenschaftlichen Essay Quellen und (wissenschaftliche) Texte als Grundlage benutzt und zitiert. Klar, das funktioniert ohne akademische Aufsicht nicht bei allen. Aber ich finde es doch immer wieder überraschend, wie gut recherchiert diese Videos sind. Meistens sind das einfach Leute, die wirklich begeistert von den Themen sind und teilweise monatelang dafür recherchieren.

Das spiegelt sich dann auch in der Länge wieder: klar gibt es auch kurze 15-minütige Video-Essays, vor allem im deutschen Bereich, wo die Form noch nicht so ganz angekommen ist. Aber ich habe schon Videos gesehen, die bis zu fünf Stunden dauern – und das Internet ist absolut süchtig danach!

Video-Essays laden zum Nachdenken ein

Wenn ich sage, dass bei den Themen keine Grenzen gesetzt sind, dann meine ich das übrigens ernst. Ein Urgestein der Video-Essayisten ist Lindsay Ellis, die in New York Film studiert hat und sich eher mit „klassischen“ Video-Essay-Themen auseinandersetzt wie „Der Tod des Hollywood-Musicals“ und Fragen wie „Sterben Disney-Schurken aus?“

Die Königsklasse für mich sind aber die stundenlangen Video-Essays über obskure Themen, mit denen ich mich so nie auseinandersetzen würde. Letztens hatte ich einen freien Nachmittag, und statt bei dem wechselhaften Wetter vor die Tür zu gehen, habe ich das neue Video-Essay einer meine Lieblings-YouTuber, Jenny Nicholson, angeklickt: Ein vierstündiges Video über das „Star Wars“-Hotel in Florida, das im Herbst 2023 geschlossen wurde.

Klingt langweilig? Nicht, wenn Jenny Nicholson aus persönlicher Erfahrung und mit bissigem Humor erzählt, es mit einer Tiefe an Hintergrundwissen untermalt, das nur jemand haben kann, der sich aus Leidenschaft damit beschäftigt, und zum Schluss geschickt den Bogen spannt zur allgemeinen Preispolitik von Disneys Themenparks.

Hier glänzen Video-Essays nämlich so richtig: Wenn intelligente Menschen mit sehr viel Begeisterung für ein Thema genug Zeit haben, sich ohne Einschränkungen mit ihrem Lieblingsthema zu beschäftigen. Da wird man als Zuschauer gleich mitgezogen – und lernt sogar was dazu!

Jana Hollstein schreibt immer dienstags für den KURIER über die große weite Welt des Internets. Mails an wirvonhier@berlinerverlag.com

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com

Lesen Sie mehr zum Thema