Terrorangst, Umzug, Mega-Kosten

Warum dieser Weihnachtsmarkt nicht funktioniert

Der Nostalgische Weihnachtsmarkt hat über siebzig Prozent der Kunden verloren.

Susanne Dübber
Lesezeit 3 Min
Oben leuchten die Kräne des Schlossbaustelle, unten die Lichterketten an den Ständen des Nostalgischen Weihnachtsmarkts. 

Oben leuchten die Kräne des Schlossbaustelle, unten die Lichterketten an den Ständen des Nostalgischen Weihnachtsmarkts. 

© Bernd Friedel

Das sagen Verkäufer, Besucher und Macher

„Zum Wohl“, prosten sich Kollegen des Ingenieurbüros Plan B mit Glühwein zu. „Wir halten dem Markt die Treue, auch wenn er früher schöner war.“ 

„Zum Wohl“, prosten sich Kollegen des Ingenieurbüros Plan B mit Glühwein zu. „Wir halten dem Markt die Treue, auch wenn er früher schöner war.“ 

© Bernd Friedel

Ist mit seinem Geschäft zufrieden: Maroni-Mann André Dahlmeyer (49) verkauft die Esskastanien für 3 Euro pro 100 Gramm.

Ist mit seinem Geschäft zufrieden: Maroni-Mann André Dahlmeyer (49) verkauft die Esskastanien für 3 Euro pro 100 Gramm.

© Bernd Friedel

Sanitäter Markus Pfeiffer (42) weiß: „Meist muss ich Damen helfen, die zu viel Glühwein auf leeren Magen genossen.“  

Sanitäter Markus Pfeiffer (42) weiß: „Meist muss ich Damen helfen, die zu viel Glühwein auf leeren Magen genossen.“  

© Bernd Friedel

Bratwurst glänzt verführerisch kross. Trotzdem keine Gäste am Grillstand. Es kommen nur wenige Menschen zwischen ehemaligem Staatsratsgebäude und Baustelle des neuen Schloss vorbei.

Weihnachtsmarkt-Chef Joseph Nieke (59) steht zum zweiten Mal an diesem Standort, ist traurig: „Früher, in den 21 Jahren am Opernpalais, da lief das Geschäft.“ In diesem Jahr kommt die Terrorangst dazu. Die Berliner Polizei geht regelmäßig Streife in Zivil und Uniform auf den Weihnachtsmärkten. Nieke: „Das schreckt ab.“ Er schätzt die Einbußen wegen der Angst auf dreißig Prozent, wegen des schlechten Standorts auf vierzig. Siebzig Prozent weniger Einnahmen – sehr viel.

Die Pracht des beliebten Marktes mit außergewöhnlicher Kunsthandwerker-Atmosphäre ist zusammengeschnurrt auf einige schmale Gassen. Aber zu finden. „Der Glühwein ist immer noch der beste“, sagt Thomas Grassmann (65), der extra mit Frau Regina aus Schmöckwitz kommt.

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Abgelegen und abgeschnitten von den Käuferströmen liegt derzeit der Nostalgische Weihnachtsmarkt. Erst 2017 zieht er wieder ans Opernpalais.

Abgelegen und abgeschnitten von den Käuferströmen liegt derzeit der Nostalgische Weihnachtsmarkt. Erst 2017 zieht er wieder ans Opernpalais.

© Bernd Friedel

Das rund 1100 Quadratmeter große Gelände ist abgelegen. Drumherum nur Bürohäuser. Da nützt es nichts, dass Joseph Nieke, dick eingepackt in Pulli und regenfeste Jacke, rund ums Jahr für den Markt ackert. ,„Schon am letzten der 32 Markttage stellen wir die Anträge fürs nächste Jahr.“ Eines ist klar: Aufgeben will der Weihnachtsmarkt-Chef nicht. Viele Anträge sind gefordert. Alleine bei fünf Ämtern vom Straßen- und Grünflächenamt bis zur Ordnungsbehörde des Bezirks, Bebauungspläne im Maßstab 1:1000, Brandschutzkonzepte.

Nieke: „Hygiene ist das oberste Gebot. Lebensmittel müssen ordentlich gekühlt werden, Wasser aus dem Hydranten sauber für Glühwein.“ 

Die 80 niedlichen Holzhäuschen unter weißen schneeähnlichen Plastikdächern bauen zwölf Mann einer kroatischen Bauarbeitertruppe in acht Tagen auf. Wie das Trafohaus für den Strom der blinkenden Lichterketten an 250 tschechischen Nordmanntannen. „46 000 Euro hoch war die Stromrechnung im vergangenen Jahr“, sagt der Chef mit gerunzelter Stirn. Die Zahlen weiß er auswendig. „300.000 Euro ist der Wert der Standhäuschen, 6000 bis 8000 Euro kostet Müllentsorgung, 5000 Euro die Abfuhr der Tannen, Wasser 4500 Euro, Gebühren für Anträge rund 500 Euro, Deko 3500 Euro, Marktaufbau 60.000 Euro, die Stromleitungen 20.000 Euro.“

Weit über 100.000 Euro, bevor der erste Glühwein verkauft ist. Demgegenüber stehen Einnahmen ab 1300 Euro bis 4000 Euro pro Sechs-Quadratmeter-Haus. So viele Zahlen!

Viel Freude kann ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt auch machen. Theologe Prof. Dr. Jürgen Bärsch, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt meint: „Es ist wichtig, sich von Ängsten und Sorgen im Hintergrund nicht so beherrschen zu lassen. Genießen sie ruhig die Atmosphäre. Sie sind kleine Inseln der Freude und geben Nähe zu mir. Trotz allem, was ich momentan durchmachen muss, gibt es Kraft.“ 

Joseph Nieke fühlt nicht romantisch, er rechnet genau und beschließt: „Es geht nur noch ums Durchhalten bis 2017. Dann sind die Bauarbeiten am alten Standort beendet und wir können endlich zurück.“ 

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