Zum Thema Unfälle mit Kindern spricht die Statistik der Berliner Polizei eine klare Sprache. Danach hat sich die Situation von 2016 bis 2018 deutlich verschlechtert. So ist die Zahl der Unfälle, bei denen junge Menschen im Alter von bis zu 14 Jahren verunglückten, von 691 auf 752 gestiegen. Besonders viele Kollisionen dieser Art ereigneten sich in den Bezirken Pankow, Mitte und Lichtenberg, zwischen 16 und 17 Uhr war das Unfallaufkommen am höchsten.
Bei den leicht verletzten Kindern gab es eine Zunahme von 552 auf 605, bei den schwer verletzten von 144 auf 161. Kam vor drei Jahren kein Kind im Berliner Straßenverkehr ums Leben, waren es im vergangenen Jahr zwei. In Lichtenberg starb ein 13-jähriges Mädchen, das ein Fahrrad bei sich hatte, unter einer Straßenbahn. Kurz darauf wurde ein acht Jahre alter Junge in Spandau von einem rechts abbiegenden Lastwagen getötet. Er war auf dem Rad unterwegs.
Berlins Straßen: Kinder tragen ein erhöhtes Risiko
2017 verunglückte in Berlin ein Kind tödlich. Der vier Jahre alte Junge hatte sich in Heinersdorf von seiner Mutter losgerissen und wurde von einem Auto erfasst. Er starb zwei Wochen nach der Einlieferung im Krankenhaus. Der 23 Jahre alte Fahrer, der einen Stau umfahren wollte, wurde zu einer Geldstrafe von 200 Euro und einem Monat Fahrverbot verurteilt.
Kinder tragen ein erhöhtes Risiko, weil sie noch nicht genug Erfahrung haben. Doch längst nicht immer liegt die Schuld bei den jungen Menschen. In Berlin wurde 2018 rund ein Drittel der Unfälle mit Kindern von den anderen Verkehrsteilnehmern verursacht – bei denen es sich fast immer um Erwachsene handelte. Wenn Kinder die Verursacher waren, dominierten übrigens die Jungen mit einem Anteil von knapp 70 Prozent.
Der Berliner Dekra-Chef nahm vor allem Eltern ins Visier, die ihre Kinder im Auto zur Schule befördern. „Vor manchen Schulen spielen sich unglaubliche Szenen ab“, sagte er. Haltende Autos stehen im Weg, Kinder müssten mitten auf der Fahrbahn aussteigen. „Grundsätzlich haben wir nichts gegen Elterntaxis“, so Schwarz.
„Man kann Eltern nicht verbieten, ihre Kinder zum Unterricht zu bringen. Aber sie können zum Halten geeignete Plätze suchen und auch mal um die Ecke fahren.“
Sollten Berliner Kinder einfach Zufußgehen oder Radfahren?
Von den Müttern und Vätern, die an einer Dekra-Umfrage zu diesem Thema teilgenommen haben, bringen 23 Prozent ihre Kinder regelmäßig im Auto zur Schule. Elterntaxis werden von 36 Prozent der Sechs- bis Achtjährigen genutzt. Bei 43 Prozent der Fälle lautete das Argument der Eltern, dass sich die Fahrt gut in den Weg zur Arbeit integrieren lässt. Fast ein Fünftel der Befragten gab an, dass der Schulweg zu gefährlich wäre, wenn die Kinder stattdessen laufen oder Rad fahren würden.
In Berlin unterstützt das Projekt „Zu Fuß zur Schule“ Schulen und Kitas dabei, Alternativen zum Elterntaxi zu propagieren. „Wir wollen erreichen, dass die Kinder ihren Schul- und Kitaweg nicht nur sicher zurücklegen können, sondern auch, dass Zufußgehen und Radfahren als ökologisches Mobilitätsverhalten mehr Gewicht erhalten“, sagte Gabi Jung vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Tödliche Unfälle wie der mit dem Achtjährigen in Spandau ließen sich verhindern, wenn Technik Lkw-Fahrer beim Abbiegen vor Gefahren warnen würden. „Die EU ist der große Verhinderer“, kritisierte Schwarz. Dagegen bestünde in Deutschland Konsens darüber, dass Abbiegeassistenten Pflicht werden müssten.
Der Dekra-Niederlassungsleiter kritisierte den rot-rot-grünen Senat ausdrücklich nicht. Sicher könne man immer noch etwas mehr erwarten, so Schwarz. „Doch er arbeitet intensiv an den Themen“ – daran, dass der Verkehr sicherer wird.
Zahl der Unfälle mit Kindern auf Berlins Straßen im Vergleich zur Gesamtzahl verschwindend gering
Mehr Kontrollen und schärfere Strafen wären sicher sinnvoll. Das Hauptproblem läge in Berlin aber woanders: im Sozialverhalten der Verkehrsteilnehmer. Sie seien zunehmend „unentspannt und aggressiv“. Schwarz: „In Berlin wird täglich ein Kampf auf den Straßen ausgetragen. Das kriegt man durch Verbesserungen bei der Infrastruktur nicht kompensiert.“ Allzuoft seien Erwachsene ein schlechtes Vorbild für Kinder.
Im Vergleich zur Gesamtzahl der Unfälle und Verunglückten in Berlin ist die Zahl der Unglücke mit Kindern allerdings verschwindend gering. Anders als früher sind Kinder kaum noch ohne die Begleitung von Erwachsenen auf der Straße unterwegs.
Mit den Gründen für dieses Phänomen hat sich die Verkehrsplanerin Christine Ahrend, seit 2014 Erste Vizepräsidentin der Technischen Universität (TU) Berlin in ihrer Doktorarbeit befasst. Drei Monate lang begleitete sie Wilmersdorfer Grundschüler am Nachmittag, um zu erfahren, wie sich die Zehnjährigen auf der Straße bewegen. Ergebnis: Die meisten Kinder finden es langweilig, ein Ziel direkt anzusteuern.
Sie würden lieber umherstreifen. Doch dieser Bewegungsdrang stößt in der Realität auf Hindernisse. Beispiel: „Fast alle Kinder fahren gern Rad. Aber sie verbinden damit vor allem Risiken. Sie erzählen, warum Radfahren einfach zu gefährlich ist" - weil Autos die Straßen beherrschen.
Zu viele Autos auf den Straßen? Kinder schränken sich freiwillig in ihrer Mobilität ein
Auf die Beschränkungen reagieren die Kinder mit drei Strategien, fand Christine Ahrend heraus. Nur fünf der 22 Versuchspersonen gingen trotzdem weiterhin auf die Straße, wie es ihrem Alter entspricht. Der Rest teilte sich in zwei gleich große Gruppen. Die einen blieben werktags meist in der Wohnung und warteten auf das Wochenende oder auf die Ferien - darauf, dass Erwachsene sie mit dem Auto an Orte befördern, wo sie sich frei bewegen dürfen.
Die anderen schränkten ihre Bewegung bis auf einen kleinen Rest ein. Sie besuchten nur noch die wenigen Orte, die sie seit dem fünften Lebensjahr kennen gelernt hatten. Beide Strategien führen nicht nur aktuell zu Bewegungsmangel, sondern haben auch Folgen für die Zukunft. „Wer als Kind nicht lernen konnte, dass Radfahren Spaß machen und dass man auch mit der Bahn einen Ausflug unternehmen kann, wird als Erwachsener diese Erfahrungen kaum nachholen", sagt Ahrend.
"Kinder erfahren, dass der motorisierte Verkehr Vorrang hat. Sie wissen: Wer auf der Seite der Sieger stehen will, muss Auto fahren", sagte die Wissenschaftlerin 2001 der Berliner Zeitung. Die Folge: Kinder schränken sich freiwillig in ihrer Mobilität ein - und bleiben lieber zu Hause.
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