Sie essen bewusster, bewegen sich mehr, verzichten auf Süßigkeiten und trotzdem passiert auf der Waage nichts? Das kann frustrierend sein. Doch hinter einem Abnehm-Stillstand steckt nicht automatisch zu wenig Disziplin. Manchmal haben sich Energiebedarf oder Essgewohnheiten verändert, manchmal können Hormone oder Erkrankungen eine Rolle spielen.
Oft verstecken sich die Kalorien im Alltag
„Bleibt die Waage stehen, liegt das nicht an mangelnder Disziplin. Der Stoffwechsel ist keine feste Größe, er passt sich an“, sagt Neele Keyser, staatlich anerkannte Diätassistentin und Ernährungsberaterin bei Oviva. Das Unternehmen bietet digital unterstützte Therapien für Menschen mit Adipositas und chronischen Erkrankungen an.
Ernährungsexpertin Neele Keyser erklärt, warum der erhoffte Abnehmerfolg ausbleiben kann.
© Oviva
Grundsätzlich braucht es zum Abnehmen ein Kaloriendefizit. Doch das kann kleiner sein als gedacht. Dressing, Saft, Fertigkaffee oder Snacks liefern zusätzliche Energie und summieren sich über den Tag. Ein digitales Ernährungstagebuch kann helfen, solche versteckten Kalorien aufzuspüren.
Wer bereits Gewicht verloren hat, sollte zudem seine Portionen überprüfen. Mit weniger Körpergewicht sinkt der Energiebedarf. Was zu Beginn der Ernährungsumstellung funktioniert hat, kann einige Kilo später bereits zu viel sein. Auch ein unverändertes Gewicht bedeutet nicht zwangsläufig Stillstand. Wer Krafttraining macht, kann Fett verlieren und gleichzeitig Muskeln aufbauen. Auf der Waage ist davon möglicherweise wenig zu sehen, obwohl sich der Körper verändert.
Noch weniger essen kann nach hinten losgehen
Eine besonders strenge Diät ist deshalb nicht automatisch die Lösung. Bekommt der Körper längere Zeit sehr wenig Energie, fährt er seinen Verbrauch herunter. Geht gleichzeitig Muskelmasse verloren, sinkt der Bedarf zusätzlich. „Wer den Muskelabbau bremst, hält seinen Energieverbrauch oben. Krafttraining und eine eiweißreiche Ernährung helfen dabei oft mehr als eine noch kleinere Portion“, erklärt Keyser.
Auch die Gene beeinflussen Grundumsatz und Fettverteilung. Abnehmen kann deshalb für manche schwieriger sein. „Die Veranlagung entscheidet vielleicht darüber, wie steil der Weg zum Wunschgewicht ist, aber nicht darüber, ob man ankommt.“
Wenn Hormone und Krankheiten das Abnehmen erschweren
Bleibt das Gewicht dauerhaft stehen, können körperliche Ursachen dahinterstecken. Eine davon ist die Schilddrüsenunterfunktion. Rund fünf von 100 Menschen in Deutschland sind betroffen. Produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone, verlangsamt sich der Stoffwechsel. Häufiges Frieren, Müdigkeit, eine geringere Leistungsfähigkeit und leichte Gewichtszunahme können Hinweise sein. Ein Bluttest beim Hausarzt kann Klarheit schaffen.
Auch Dauerstress kann eine Rolle spielen. Ein langfristig erhöhter Cortisolspiegel kann Heißhunger auf Süßes und Fettiges fördern. Feste Pausen und ausreichend Schlaf können dabei helfen, Stress zu reduzieren. Kortisonpräparate, etwa bei Asthma oder Rheuma, können ebenfalls eine Gewichtszunahme begünstigen. Wichtig: Medikamente niemals eigenmächtig absetzen, sondern Veränderungen mit dem behandelnden Arzt besprechen.
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone. Dadurch kann sich der Stoffwechsel verlangsamen und das Abnehmen schwieriger werden.
© Shutterstock
Diese Ursachen betreffen vor allem Frauen
Beim Lipödem handelt es sich um eine krankhafte Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Typisch sind Fettansammlungen an Beinen, Hüften oder Armen. Schmerzen bei Druck und häufige blaue Flecken können hinzukommen. Das betroffene Fettgewebe reagiert kaum auf ein Kaloriendefizit. Bei Verdacht sollte eine fachärztliche Abklärung erfolgen.
In den Wechseljahren verändert sich ebenfalls einiges. Der Östrogenspiegel sinkt, Fett sammelt sich häufiger am Bauch und mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelmasse ab. Schon zwei kurze Krafteinheiten pro Woche können dem Muskelabbau entgegenwirken.
Lipödeme kommen häufiger bei Frauen vor. Die Fettverteilungsstörung kann das Abnehmen deutlich erschweren.
© Carina Gorny Fotografie
Bei Frauen im gebärfähigen Alter kann zudem das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS), häufig noch PCOS genannt, eine Rolle spielen. Ein erhöhter Testosteronspiegel und eine verringerte Insulinempfindlichkeit können Bauchfett fördern. Hinweise sind etwa eine unregelmäßige Menstruation und stärkere Körperbehaarung. Eine gynäkologische Untersuchung kann Klarheit schaffen.
Wann Sie zum Arzt gehen sollten
Wer trotz Kaloriendefizit, regelmäßiger Bewegung und ausgewogener Ernährung dauerhaft nicht abnimmt oder ohne erkennbaren Grund in kurzer Zeit deutlich zunimmt, sollte das ärztlich untersuchen lassen. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Eine Blutuntersuchung kann beispielsweise Hinweise auf Probleme mit Schilddrüse oder Hormonhaushalt liefern.
„Meist steckt hinter dem Stillstand eine konkrete Ursache. Diese zu finden bringt mehr, als sich noch strenger einzuschränken. Und selbst wenn eine Erkrankung vorliegt, lässt sich mit der passenden Ernährung oft viel gewinnen“, sagt Keyser zu Oviva.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com