Von außen gesehen
Die mit der Demontage der „OST“-Buchstaben beauftragte Firma trägt den Namen „Fröhlich Mobilkräne“. Was nach Castorf’schem Humor klingt, ist aber nur Branchenbuchprosa. Rainer Fröhlich aus Rangsdorf stellt seine Dienste jedem zur Verfügung, der sie bucht. Nun also die Volksbühne.
Da sich die Aktion dank Twitter bald herumspricht, trudeln Sympathisanten und Schaulustige zahlreich zur verabredeten Zeit ein. Auf der Wiese vor dem Bau herrscht gegen 21 Uhr ein bisschen Christo-Stimmung. Wie damals am Reichstag steht man einfach da, mit dem Bier in der Hand oder einem Wein, trifft Bekannte, hin und wieder plärrt ein Kind, die Stimmung ist von feierlicher Gelassenheit. Gegen 21.30 Uhr tut sich etwas auf dem Dach des Theaters.
Jetzt müsste man ein Fernglas haben – Alexander Scheer spricht auf dem Dach den „Großinquisitor“-Monolog. Immer wenn die Gestalt da oben etwas macht, johlen die Leute. Obwohl keiner was versteht. Spring doch, ruft Marc Hosemann, als sein Kollege an der Dachkante balanciert. Das wäre cool, sagt er. Bungee oder sowas. Feuer auf dem Kran. Und dazu Musik von Rammstein. Stattdessen senkt sich Stille über den Platz.
Alle Blicke richten sich zum Himmel. Dann lösen sich die drei Buchstaben aus ihrer Verankerung. Der Kranausleger mit dem Schriftzug schwenkt hin zu den Menschen. Eine letzte Verbeugung. Dann dreht der Eisenarm sich weg, und die ersten prüfen ihre Fotos auf dem Handy.
Von innen gesehen
Es hat sich im Publikum der Brüder Karamasow herumgesprochen, dass „OST“ nach der Pause abgebaut werden soll. Also einmal durchgeatmet und rein. Es dauert eine Weile, bis die Zuschauer im asphaltierten Saal ihre Sitzkuhlen wiederfinden, die sie in den ersten drei Stunden des Abends eingesessen haben und auf denen sie es sich nun für die verbleibenden drei Stunden so gemütlich wie möglich machen.
Der zweite Teil des Abends beginnt mit dem „Großinquisitor“-Monolog von Alexander Scheer. Er spielt ihn seit der Premiere 2015 bei fast jedem Wetter auf dem Dach zwischen den leuchtenden Buchstaben O, S und T. Die Bilder werden in den Saal übertragen. Scheer erzählt, wie Jesus im 16. Jahrhundert in Sevilla erscheint, Wunder vollbringt und dann von dem Großinquisitor in den Kerker geworfen wird.
Die Szene endet damit, dass der Großinquisitor auf eine Antwort Jesu wartet. „Der aber nähert sich plötzlich dem alten Mann und küsst ihn still auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist seine ganze Antwort. Der Greis erschauert. Er geht zur Tür, schließt sie auf und sagt zu ihm: ,Geh und komme nicht wieder ... Komme nie mehr wieder... Niemals, niemals!’“
Scheer küsst sich die Hand, drückt sie gegen den Schriftzug, dann klackt es kurz, und das Ding erhebt sich in die Luft. Das „OST“-Schild schwebt vor dem Himmel, als das Bild weggeblendet wird. Als wir gegen 1 Uhr das Theater verlassen, ist der Kran zusammengeklappt und das Schild weg.
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