Mannshoch recken sich sieben Kreuze in die Höhe. Dem Himmel sind sie ein bisschen näher als andere und doch so viel ferner. Hier, in der kühlen Erde des Grunewalds, fern ihrer Heimat, befinden sich die Gräber sieben zarentreuer Russen. Doch weil sie sich das Leben nahmen, finden ihre Seelen keine Ruhe - davon ist so mancher Christ überzeugt."Wenn Gewitterwolken vorbeiziehen, hört man ihre Schreie und sieht ihre angstvollen Gesichter im Dunkel des Himmels", erzählt Rudi. Ob der kleine Mann mit kahlem Kopf und dunklen Augen dem Besucher nur Angst einjagen will oder ob er die Gruselgeschichte selber glaubt, ist schwer zu sagen. Gewiss ist, dass die sieben Männer Selbstmord begingen. "Beim Sieg der Bolschewisten haben sie sich aus Treue zum Zaren in der Havel ertränkt."Mit dem Tod steht Rudi auf Du und Du. Er war 44 Jahre Totengräber in Berlin. Und der Friedhof Grunewald-Forst im "Jagen 32" am Schildhornweg ist sein Lieblingsort.Wer früher hier begraben wurde, der hatte es sich mit Gott verscherzt: Das Waldstück war Selbstmördern vorbehalten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts verweigerte die Kirche jedem, der freiwillig aus dem Leben geschieden war, die Beerdigung auf einem Friedhof; bis 1845 war Selbstmord in Preußen sogar ein Verbrechen.Ende des 19. Jahrhunderts fassten sich die Förster vom Grunewald ein Herz für Selbstmörder. Denn wo die Havel einen Knick macht, nahmen sich zu jener Zeit immer mehr Menschen das Leben: Hausangestellte, die von ihrem Dienstherrn schwanger waren, finanziell in Not geratene Familienväter oder unglückliche Paare, die keine Zukunft für ihre Liebe sahen.Auf einer Waldlichtung begruben Förster und Waldarbeiter 1878 die ersten Verdammten. Später, 1913, bauten Forstbeamte eine Mauer um die Begräbnisstätte der Namenlosen. Bis 1927 wurde sie als "Selbstmörder-Friedhof" genutzt, danach stand sie allen Toten offen.Ein 22-jähriger Schlossergeselle war der erste namentlich bekannte Tote auf dem "Selbstmörder-Friedhof". Das war am 22. Januar 1900. Bis 1920 fanden hier vor allem die ihre Ruhe, die als Wasserleichen angespült wurden. Oder jene, die von ihren Angehörigen abgegeben wurden. In der Hoffnung, dass sie hier das fänden, was sie im Leben vermisst hatten: Ruhe.Ruhe suchte auch Krankenpflegerin Minna Braun (1896 - 1922). Von den Eltern verstoßen, vom Verlobten verlassen, die Arbeit verloren, sollten Tabletten und Morphium sie vom Übel des Daseins erlösen. Forstarbeiter fanden sie unter einem Baum am Havelufer und brachten sie in die Aufbahrungshalle des "Selbstmörder-Friedhofs".Als der Kriminalbeamte 14 Stunden später die Identität der Toten feststellen wollte, bekam einen gehörigen Schreck: Minnas Kehlkopf bewegte sich plötzlich, sie kam ins Krankenhaus und überlebte. Drei Jahre später suchte sie erneut den Tod - dieses Mal mit Erfolg.Damals machte die Angst vor dem Scheintod die Runde. Nach der Geschichte mit Minna Braun diskutierte ganz Berlin über die Gefahr, lebendig begraben zu werden. Särge mit Sichtfenster und Luftlöchern kamen groß in Mode.Schon Fürst Pückler hatte viele Jahre zuvor festgelegt, dass bei seinem Tode sein Herz herausgenommen und der übrige Körper in Ätznatron aufgelöst werden soll. Noch heute werden in einigen amerikanischen Ländern Särge mit Schnorchel versehen und mit einer Schnur aus dem inneren des Sarges kann der "Tote" eine Glocke läuten, die am Grabstein angebracht ist.Im Wind wiegen sich Buchen, Eichen und Tannen. Wenn der Mond durch ihre Äste scheint, ist das Gruseln perfekt. Aber wirklich Fürchten muss man sich nur vor den Wildschweinen, die es sich, wenn ein Friedhofsbesucher mal wieder das Tor nicht kräftig zugedrückt hat, zwischen den Gräbern gemütlich machen. Da hilft kein Brüllen, da müssen Oberförster Kilz und seine Helfer kommen.Hier gibt es keine pompösen Gräber, keine begehbaren Gruften und keine Grabsteine, die größer sind, als der Tote es zu Lebzeiten war. Und manchmal wird auch gefeiert. Zum Beispiel am Grab von Christa "Nico" Päffgen, die als Fotomodell und Sängerin Karriere gemacht hatte. Schon mit 18 Jahren beschloss sie, sich hier begraben zu lassen. Nach ihrem Unfalltod 1988 wurde ihr Wille erfüllt. Mit ihrer Mutter teilt sie sich 1,11 Quadratmeter im Grab 82.Das Land Berlin erwägt, im Grunewald-Forst keine neuen Beerdigungen zuzulassen, den Friedhof in 50 Jahren zu entwidmen und ihn wieder der Natur zu überlassen.Wer übrigens außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten über den Friedhof geht, macht sich strafbar. So sagt es das Gesetz, so steht es am vier Meter hohem Eingangstor geschrieben. Nicht jeder hält sich daran."Warum auch?", fragt Janka, die einmal monatlich im Morgengrauen zwischen den Gräbern wandelt. "Es ist ein irres Gefühl, wenn der Nebel über den Erdboden schwebt und manchmal nur die Spitzen der Grabsteine herausschauen. Ich mag das Gruselige. Da spüre ich erst richtig, wie schön das Leben ist."------------------------------BU: Die sieben christlich-orthodoxen Kreuze der russischen Selbstmörder (großes Foto links) sind die größten auf dem Friedhof, dessen Gräber bescheiden sind.Zwischenzeile: SCHREIE AUS DEM JENSEITS. UND EINE TOTE BEWEGT SICH Zwischenzeile: SPAZIERGANG IM SCHWEREN NEBEL DES MORGENGRAUENS
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com