Auf einer offiziellen Liste der gefährlichsten Jobs dürfte der Lehrerberuf nicht fehlen. Und zwar vor allem im Bezirk Mitte. Denn er führt die Statistik mit 45 registrierten Übergriffen an. Ihm folgen: Marzahn-Hellersdorf mit 35 Fällen, Lichtenberg mit 32 und Treptow-Köpenick mit 31. Ein West-Bezirk taucht erst auf dem vierten Platz auf – Neukölln mit 21 Angriffen.
Für das laufende Schuljahr bahnt sich ein Höchststand bei den gemeldeten Vorfällen an. Jedenfalls, wenn sich die 257 Fälle aus dem ersten Halbjahr (August bis Januar) noch auf 514 verdoppeln. Zum Vergleich: Im Schuljahr 2013/14 gab es 434 gemeldete Vorfälle, 2010/11 waren es „nur“ 291. Soweit die Zahlen.
Mit konkreten Gewaltvorfällen befasst sich Schulpsychologe Klaus Seifried (64), Leiter des zuständigen Beratungszentrums in Tempelhof-Schöneberg. Er beobachtet im Lehrer-Schüler-Verhältnis ein breites Spektrum von Konfliktfällen: „Es beginnt mit Provokationen und Beschimpfungen und endet bei körperlichen Angriffen, die jedoch Ausnahmen sind.“
Hier sei etwa an Schüler-Prügeleien zu denken, bei denen am Ende der schlichtende Lehrer die Schläge einsteckt. Oder an tobende Kinder in seelischen Krisen, die dem Lehrer vors Schienbein treten. Klaus Seifried: „Es kommen auch Bedrohungen bis hin zu verbalen Morddrohungen vor. In so einem Fall wird grundsätzlich Anzeige erstattet.“ Jeder Übergriff auf Lehrer ist einer zu viel.
Das Ziel jeder Schule sollte sein, die Autorität der Lehrkräfte und die Disziplin der Schüler zu stärken. Doch wie soll das gelingen? Seifried rät zu mehr Verantwortung für Schüler, mehr Transparenz an Schulen: klare Regeln, klare Konsequenzen bei Verstößen, mehr Höflichkeit. Wo das Klassenklima in diesem Sinne gut sei, gebe es weniger Konflikte und Probleme.
Hier spielen auch die Eltern eine Rolle. Wichtig sei, „dass Schulen in der Erziehungsarbeit von den Eltern unterstützt werden“. Wenn Eltern gegen die Lehrer arbeiten, erzeugt das Konflikte. Den Anstieg der Fallzahlen erklärt sich Seifried übrigens mit einem gesteigerten Meldeverhalten. Es sei auch richtig, dass Lehrer Vorfälle offen ansprechen und Schulen Gewalt und Mobbing ernster nehmen als früher. Die wenigsten registrierten Angriffe gibt es in Reinickendorf und Pankow (je 10). Aber es ist anzunehmen, dass Opfer aus Scham oft schweigen. MOW
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