Die Bitte ist nachvollziehbar. „Lassen Sie uns nicht zu lang draußen bleiben“, sagt Steinitz in nahezu akzentfreiem Deutsch beim KURIER-Fotoshooting nahe dem Anhalter Bahnhof. „In Auschwitz sind mir die Ohren abgefroren. Ich ertrage die Kälte nicht.“
Helmut Zwi Steinitz hat viel im Leben ertragen. Zu viel. Schon als Kind. Heute tippen 15-Jährige an ihrem Geburtstag in Smartphones, die größtmöglichen Ängste sind zusammenbrechendes W-Lan und leere Shopping-Gutscheine. Zwi Steinitz steht an seinem 15. Geburtstag, am 1. Juli 1942, einem SS-Mann gegenüber. Einer Bestie, der er im Gesicht ablesen kann, dass sie töten will. Und soll. Und es tut. Der Soldat mit dem Totenkopf auf der Mütze schickt Zwis Vati und seine Mutti, so nennt er die beiden noch heute liebevoll, mit der Verweigerung eines Stempels in den Tod. Auch sein Bruder Rudolf wird ins Vernichtungslager Belzec, einer Mordstätte nahe Lublin, deportiert. „Es gibt keine Sprache und keinen Wortschatz, der den Schmerz und die Tragödie dieses Tages beschreiben kann“.
Zwi springt den Teufeln von der Schippe, landet als Schlosser im Konzentrationslager Płaszów. Dorthin gelangte er in Viehwaggons, in Kälte, in Dunkelheit, in Angst. Allein und ohne Familie. Jahrelang entgeht er dem Tod in der demütigenden Gefangenschaft. Mit Glück und Geschick. Als die Rote Armee näher und näher rückt, wird er wieder verlegt.
Dieses Mal nach Buchenwald. Mitten im Winter erreicht er im Geisterzug, ohne Decken, nur in KZ-Lumpen gehüllt, das KZ. „Wir mussten uns splitternackt ausziehen und in eine Tonne Desinfektionsmittel steigen. Bei eisiger Kälte, Minusgraden. Statt Kleidungsstücken gab es alte, abgenutzte Fetzen. „Statt Strümpfen oder Socken hatten wir uns Leinenlappen um die Füße zu wickeln. Wir mussten stundenlang auf dem Appellplatz antreten. Die Behandlung der SS hatte ein einziges Ziel: Möglichst viele Leben zu vernichten.“ Gaskammern waren dort, in der Hölle, nicht nötig. Der Tod lag mit im Bett, war Stammgast in jeder Baracke. Täglich holte er sich neue Opfer. Ein Massensterben.
Wieder hält Zwi durch, wieder wird er verlegt. Nach Sachsenhausen bei Oranienburg. Der Jugendliche fängt an, bei Siemens in Berlin-Haselhorst zu arbeiten, seine Deutschkenntnisse machen ihn in den letzten Kriegsmonaten interessant. Irgendwann aber brennt die Fabrik, getroffen von alliierten Bomben. Zwi Steinitz muss nun Schützengräben für die Wehrmacht ausheben. Bis zum Tag der Freiheit. Nach einem Todesmarsch Richtung Schwerin wird er in Mecklenburg-Vorpommern befreit.
Rachegefühle hatte Zwi nie. Eigentlich unvorstellbar. Mit 12 Jahren wurde er in seiner Heimatstadt Posen das erste Mal verhaftet. Der Tod durch die Kugel eines Wärters oder Schläge eines Wärters lauerte in den Jahren danach zu jeder Sekunde. „Die ganze Zeit begleitete mich das Vorbild meiner Eltern, meines Vatis und meiner Mutti, das mir in meiner Not vor Augen stand, und mich nicht vergessen ließ, Mensch zu bleiben.“
Schon Ende der 1960er reist Zwi zurück nach Deutschland. Durch seine Sprachkenntnisse wird er zum wichtigsten Berater der israelischen Blumenindustrie, nutzt seine Kontakte nach Frankfurt, nach Belgien und in die Niederlande.
„Ich wollte unsere Geschäftspartner nicht mit meiner Geschichte belästigen.“ Bis die Tulpenhändler ihm einen Besuch in Israel abstatten. In Tel Aviv sind 20 Grad. Eine Zeit für ärmellose Hemden. Auch Zwi trägt eins. Auf dem Unterarm deutlich sichtbar: Eine Nummer. Tätowiert in Auschwitz. „Die haben sie zwar gesehen, aber wir haben nicht weiter darüber gesprochen.“ Dennoch: Die Fragen in Zwi nagen. Wenn ihm Deutsche erzählen, sie hätten nichts gewusst, schweigt er. Geglaubt hat er das nicht.
Seine Nummer trägt er offen. „Ich empfinde sie nicht als Schande.“ Heute wird Zwi, wie viele Zehntausende andere, von AMCHA unterstützt. Der Verein ist eine der weltweit größten Selbsthilfeorganisation von Überlebenden für Überlebende. Der Schaden aber belastet noch immer, sieben Jahrzehnte später, seine Seele. „Meine verlorenen Jugendjahre sind nicht zu ersetzen. Niemals.“
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