20 Tote, mehr als 500 Verletzte - die Bilanz des Grauens. Die Loveparade in Duisburg war eine genehmigte Veranstaltung, mit einem von allen Beteiligten bestätigten Sicherheitskonzept. Ein Konzept, das im Nachhinein betrachtet, Makulatur war. Die eklatanten Mängel müssen allen Verantwortlichen klar gewesen sein. Wurde das Mega-Event dennoch aus Profilierungssucht oder Profitgier nach Duisburg geholt? Wurden Warnungen bewusst in den Wind geschlagen? Wer hat versagt? Scheinbar niemand. Plötzlich sitzen in den Chef-Sesseln nur noch Unschuldslämmer. Sie heucheln über ihre Rolle in der Tragödie, schieben die Schuld auf andere. Eine Bestandsaufnahme:------------------------------Loveparade-Macher: Die Polizei ist schuldRAINER SCHALLER (Loveparade-Chef): Er war in alle Sicherheits-Vorbereitungen für die Loveparade involviert. Und es war nicht die erste Loveparade für ihn. Schaller wusste, dass das Festgelände nur für 250 000 Menschen zugelassen ist. Er wusste, dass bei den vorhergegangenen Veranstaltungen mehr Menschen gekommen waren. Und er erwartete auch in Duisburg mehr Besucher. Jetzt gibt er aber der Polizei die Schuld: Schaller sagt: Die Katastrophe mit 20 Toten und mehr als 500 Verletzten sei ausgelöst worden, weil die Polizei die "verhängnisvolle Anweisung" gegeben habe, die Schleusen vor dem Tunnel-Zugang auf dem Gelände der Loveparade zu öffnen. Zuvor hätten die Veranstalter 10 der 16 Schleusen geschlossen gehalten, weil bereits eine Überfüllung des Tunnels drohte. Wegen der Polizeianweisung sei der Hauptstrom der Besucher unkontrolliert in den Tunnel geströmt.Der Panik-Forscher: Immer neue AusredenMICHAEL SCHRECKENBERG (Stau- und Panikforscher): Der Wissenschaftler hatte das Sicherheitskonzept, an dem er auch selbst mitgearbeitet hatte, für den Zuständigkeitsbereich der Stadt abgenickt und sich anfangs auch teils zustimmend zur Wahl des Veranstaltungsortes und seiner Zugangswege geäußert. Nach der furchtbaren Tragödie verteidigte er anfangs noch das Sicherheitskonzept. Der Tunnel, in dem es zur Massen-Panik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, sagte Schreckenberg im WDR-Fernsehen. Nach seinen Aussagen waren im Vorfeld der Loveparade viele mögliche Notfälle durchgespielt worden. "Es gibt aber immer Menschen, die sich nicht an die Spielregeln halten", meinte er mit Blick auf die Besucher der Loveparade. Am Montag schließlich wusch er seine Hände komplett in Unschuld. Panik-Forscher Michael Schreckenberg stellte klar: "Mit den Sicherheitsmaßnahmen am Tunnel hatte ich mich nicht befasst. Das war eindeutig Sache der Veranstalter." Als würden diese nicht Teil des gesamten Sicherheitskonzeptes sein.Sicherheitsdezernent: Macht auf ahnungslosWOLFGANG RABE (Sicherheitsdezernent): Bei der Pressekonferenz zu dem Drama um die Loveparade verhielt er sich wie häufig in Duisburger Gremien. Er wich aus, war ungenau, redete um die Sache herum und spielte meisterhaft die Rolle des Ahnungslosen. Dabei wusste er genau, wie es um die Sicherheit der Loveparade stand.In einem Schriftstück, das eine Sitzung mit dem Loveparade-Veranstalter Lopavent, der Feuerwehr, dem Ordnungsamt und dem Dezernenten Wolfgang Rabe zusammenfasst, ist den Angaben zufolge der Streit um die Fluchtwege dokumentiert. Und aus dem Dokument geht weiter hervor, dass Rabe Druck ausübte. "Herr Rabe stellte in dem Zusammenhang fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher hierfür eine Lösung gefunden werden müsse. Die Anforderungen der Bauordnung, dass der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten", heißt es im Protokoll.Der Amts-Chef: Ich wurde nicht gewarntADOLF SAUERLAND (Oberbürgermeister): Er will von Warnungen vor der Loveparade nichts gewusst haben. Dabei kommt jetzt raus, dass es im Vorfeld einen internen Streit über das Sicherheitskonzept gegeben hat. So soll das Bauordnungsamt bereits vor vier Wochen massive Einwände gegen das vorgelegte Konzept erhoben haben, geht aus einem Protokoll hervor. Also mussten Sicherheitsbedenken auch Sauerland bekannt gewesen sein. Dies sei aus dem Verteiler ersichtlich, der handschriftlich auf dem Protokoll vom 18. Juni vermerkt ist und das Kürzel OB trägt. Und Sauerland (CDU) war in den Tagen vor der Loveparade offenbar mit Familie im Urlaub in Österreich. Unterdessen steht der OB unter Polizeischutz: Es gab Morddrohungen. Wohl auch deshalb wird er nicht an der Trauerfeier für die Todesopfer am Sonnabend teilnehmen. Sein Büro sagt, er wolle "die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren",Planungsdezernent: Zeigt nur auf andereJÜRGEN DRESSLER (Planungsdezernent): Er hatte vergangene Woche das Sicherheitskonzept gegengezeichnet. Dabei wusste auch er genau, dass mit Feuer gespielt wurde. Nach einer Sitzung, in der es um die Sicherheitsbedenken gegangen war, kommentierte Jürgen Dressler das Sitzungsprotokoll handschriftlich: "Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung (...) ab. Dieses entspricht in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln und einer sachgerechten Projektstellung." Außerdem sagt er jetzt: Seine Genehmigung habe sich nur auf den engeren Bereich des stillgelegten Duisburger Güterbahnhofes bezogen, auf dem auch die Bühne stand. Der Bereich des Tunnels und der Treppe, in dem Menschen zu Tode gequetscht worden sind, "gehörten nicht zu dem von mir genehmigten Bereich". Dafür seien Polizei, Veranstalter und Feuerwehr verantwortlich gewesen. Schuld abgeschoben.Polizei-Chef: Sein Vorgänger warnteDETLEF VON SCHMELING (Polizei-Chef): Die Polizei soll bereits früh Bedenken am Sicherheitskonzept geäußert haben, soll damit aber auf politischen Widerstand gestoßen sein. Vor allem der mittlerweile in Ruhestand befindliche Polizeipräsident Rolf Cebin soll Ärger auf sich gezogen haben. Für ihn übernahm Regierungsdirektor Detlef von Schmeling. Die Polizei soll noch in den Tagen vor der Loveparade das Festgelände begangen und dabei das Areal als zu klein bezeichnet haben. Unter den leitenden Polizeikräften in NRW hat von Schmeling einen gemischten Ruf. Als Organisator rein praktischer Arbeiten wie der Finanzbuchhaltung gilt er als sehr geeignet, heißt es im Innenministerium. Alle Aufgaben darüber hinaus könnten ihn leicht überfordern. Vielleicht gehört dazu auch, eine verlässliche Besucherzahl der Loveparade zu nennen. Die einzige "belastbare" Zahl, die er kennt, sind 105 000 Menschen, die mit der Bahn anreisten.Der Feuerwehr-Chef: Legte kein Veto einUWE ZIMMERMANN (Feuerwehr-Chef): In einem internen Vermerk der Feuerwehr an Verantwortliche der Stadt soll die Feuerwehr bereits im Oktober 2009 klargestellt haben, dass es zu gefährlich sei, die Besucher des Spektakels durch die Tunnel zu schicken. Außerdem sollen Feuerwehr und Polizei ein eigenes Sicherheitskonzept vorgelegt haben, das aber abgelehnt wurde. Angeblich weil es zu personalintensiv (teuer) war. Die Feuerwehr hätte bei der Abnahme des Geländes ihr Veto gegen die Veranstaltung einlegen können. Dass dies nicht geschah, verwundert nicht beim Blick auf die Hierarchien. Feuerwehrchef Uwe Zimmermann hat als obersten Dienstherrn: Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Kaum vorstellbar, dass der Feuerwehr-Amtsleiter den OB düpiert. Dass nach der Katastrophe niemand bei der Feuerwehr öffentlich Stellung bezieht, liegt am Maulkorb, der bis hinunter auf die Ebene der "Freiwilligen" verhängt wurde.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com