Allein der rot-weiße Schal deutet an, dass es heute um mehr als Musik gehen wird. Vor ihm auf seinem Wägelchen finden sich zahlreiche Ledertaschen und sein liebstes Stück - seine Deleika: eine Drehorgel!
Wer hat sie noch nicht gehört? Vertraute Klänge bei Spielen der Eisernen, beim Weihnachtssingen oder beim Drachenbootrennen oder einfach auch vor Mitgliederversammlungen. Auch wenn er stets am Rande steht und nicht mittendrin, Drehorgel-Bernhard kennt jeder in Eisernland.
9 Uhr
Kurz vor der Jannowitzbrücke tönt es von der anderen Straßenseite. „Geht’s wieder los?“ Zwei Polizisten, die sich vor der chinesischen Botschaft die Beine in den Bauch stehen. Mehr Feststellung denn Frage. Man kennt sich. Schon lange. Den Schutzmännern ist schon klar, wohin ihn sein Weg führt. Nach Köpenick. Alte Försterei. Ist ja Spieltag. Bernhard holpert mit seinem Karren den Bordsteig runter. Nicht ganz einfach mit dem Leierkasten drauf und gefühlt allen Notenbändern dieser Welt, die in einer dicken Schublade und einem historisch anmutenden Arztköfferchen ihres Einsatzes harren.
Kalt, aber trocken. Was gut ist. Bei Regen hätte er sein Schmuckstück zu Hause gelassen. Ist ja alles aus Holz. Die Intarsien, jede einzelne Pfeife. Das würde sonst leiden. Es ist früh. Kaum ein Mensch auf der Straße. Doch nicht zu früh für Bernhard. „Für mich kein Problem. Ich kenne das von der Arbeit. Fange ja immer schon um sechs Uhr an. Die Schicht läuft täglich bis Viertel vor drei“, gerät der gelernte Chemiefacharbeiter ins Plaudern. Da ist neun Uhr für ihn keine Uhrzeit. Kurzes Frühstück. Käsestulle und Tee. „Von Kaffee bin ich ab“, verrät der 55-Jährige beim Gehen und schlägt Tempo an. Hätte er nicht auf die UNVEU-Mannschaft warten müssen, hätte er gern noch ein Viertelstündchen früher losgemacht. Dauert ja immer etwas, bis er ans Ziel seiner Träume kommt. Das Ballhaus des Ostens ist von ihm aus gesehen ja nicht gerade um die Ecke, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. „Aber ich bin auch mit dem Leierkasten nicht viel langsamer als ohne“, sagt er.
Am S-Bahnhof Jannowitzbrücke macht die S3 einem eine lange Nase. Nur noch die Rücklichter zu sehen. „Macht nichts. Wir nehmen die nächste. Am Ostbahnhof gibt es einen Einsetzer nach Köpenick. Und wir müssen nicht den Bahnsteig wechseln“, erzählt er. Zum Glück funktioniert der Fahrstuhl. „Hoch würde ich auch mit der Rolltreppe kommen. Aber runter traue ich mich nicht. Der Wagen hat keine Bremse. Und er wiegt ja was“, sagt Bernhard. Nette Untertreibung. Ein halber Zentner wird es wohl sein. Das möchte man nicht ungebremst talwärts fallen lassen. Zumal an so einer Orgel ja alles Handarbeit ist, das kostet. Ab 4000 Euro aufwärts ist der Musikfreund dabei. Und Bernhard nennt noch eine zweite sein Eigen - eine 20/31er Raffin. Ein Erbstück seiner geliebten Frau Lydia, die vor knapp vier Jahren verstorben ist. „Durch sie bin ich zum Drehorgelspielen gekommen. Das war kurz nach der Wende“, erzählt der in Pankow groß gewordene Bernhard, der in den 70ern zu Union gefunden und daher alle Höhen und Tiefen des Vereins begleitet hat – auch musikalisch.
Im Umdrehen noch ein kurzer Blick zurück auf das Gebäude hinter ihm. Hoch oben ein digitales Thermometer. „Null Grad, also keine Temperatur“, scherzt er. Wie zum Hohn scheint er viel zu leicht bekleidet zu sein. „Das stört mich nicht, ich spiele mich schon warm nachher“, lacht er alle fürsorglichen Nachfragen weg.
Am Ostbahnhof trudeln die ersten Anhänger der Köpenicker ein. Dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff! „So früh schon zum Stadion unterwegs?“ „Nö, zur Abseitsfalle“, lautet die Erwiderung. Dann ins Stadion? „Das ist ‘ne neue Spielsituation.“ Trockene Replik. Allgemeines Gelächter.
© Berliner KURIER/Mosaik
Diese Geschichte stammt aus dem Union-Magazin „U.N.V.E.U“, das im Frühjahr 2018 erschien. Die Herbst-Ausgabe ist ab 26. September für 4,50 Euro an allen gut sortierten Kiosken in Berlin erhältlich. Sie bietet wieder jede Menge Lesestoff rund um die Eisernen. Die Titelgeschichte bestreiten diesmal die Abrafaxe im Union-Gewand.
10 Uhr
Immer mehr füllt sich die S-Bahn. Der Leierkasten zieht bewundernde Blicke auf sich. Mit einem Pony im Waggon wäre man auch nicht mehr aufgefallen. Ostkreuz, Rummelsburg, Wuhlheide. Gesprächsfetzen über das kommende Spiel schwirren durch die Bahn. Um 10.14 Uhr rollt der Zug im S-Bahnhof Köpenick ein. Das Stadion ist fast spürbar. Ist ja nur noch einen Steinwurf weit weg. Schnell noch ein Programmheft kaufen und weiter. „Na dann spielen Sie man schön“, wird ihm noch hinterhergerufen, als er seinen Weg fortsetzt und vor der Haupttribüne um 10.49 Uhr ankommt.
Am Eingang zur Waldseite legt er auch sofort los. 20 Tonstufen, 31 Pfeifen, Bernhard zieht alle Register. Eiserner Orgelklang trotz Holzpfeifen eben. Vereinzelte Blicke zunächst. Dann kommen immer mehr. Wenig später wird er strahlend von Christel begrüßt. Die verkauft an Spieltagen immer selbst gehäkelte Bierbecherhalter in Rot und Weiß. Heute hat sie auch ein paar für Glühweinbecher dabei. „Die sind ja schmaler“, erzählt sie und wendet sich sofort wieder Bernhard zu. Denn der hat inzwischen Nina Hagen eingelegt. „Das ist mein Lied. Das muss ich spielen“, jubelt Christel und löst Bernhard an der Schwenkkurbel ab. Die Hymne? „Ich bin der Einzige in Deutschland, der die Unionhymne als Notenband hat. Habe ich extra anfertigen lassen“, berichtet Bernhard nicht ohne Stolz. Dafür musste er die Noten ranschaffen, nach Süddeutschland schicken und warten. So etwas passiert nicht mehr um die Ecke. Und ist alles kein ganz billiges Vergnügen. 100 bis 130 Euro kostet so ein Notenband. Für drei Lieder wohlgemerkt. Mehr passt da nicht drauf. Neben der Hymne hat er weitere zwei Songs aus dem großen Union-Kanon draufmachen lassen. Bernhard will es so, er denkt nicht im Traum daran, einen modernen Mikrochip zu nutzen. „Das ist alles Handarbeit. Und so muss das auch sein.“ Punkt. Kein Widerspruch möglich.
12 Uhr
Bernhard nutzt die Zeit, als Christel ihn entlastet, um sich schnell die „Waldseite“ zu holen. Das regelmäßig erscheinende Infofaltblatt der Union-Ultras. Er will informiert sein, was in der Fanszene so vor sich geht. Christel kann derweil seine Rückkehr kaum erwarten. „Mir fällt fast der Arm ab“, stöhnt sie und erntet ein Grinsen des Zurückkehrenden. „Zwei, drei Stunden sind kein Problem“, sagt er und macht sich wieder munter an die Arbeit. Auch alles eine Übungsfrage.
Mittlerweile haben sich auch die ersten Spendentaler in seinem kleinen Metalleimer angesammelt. Ein alter Farbtopf, dessen ursprüngliche Aufgabe von einem Meer an Aufklebern zugekleistert wurde. „An guten Tagen sind das dann 100 Euro, aber ich bin auch mit 50 zufrieden“, sagt er bescheiden, während er das Notenband von Hand zurückspult. „Alles mechanisch“, berichtet er mit sichtlichem Stolz. Und bringt gleich seinen Lieblingswitz an. „Wie lang ist die größte Pfeife an meiner Orgel?“ Während die Fotografin schon grinst, fällt der Schreiber dieser Zeilen darauf rein. „30 cm? 40 cm?“ Falsch, alles falsch. „1,80 m“, verweist er auf seine eigene Körperlänge. Er hatte ja „an“ gesagt, nicht „von“. Man hätte eine Pointe ahnen können. Christel und auch ein paar umstehende Fans lachen anerkennend. Guter Witz.
12.30 Uhr
Knapp eine halbe Stunde vor Anpfiff ist es Zeit für Bernhard, sein Konzert abzubrechen. Er will ja noch das Spiel sehen. Deckel auf den Spendentopf und die Drehorgel abseits der öffentlichen Blicke parken. „Das ist nicht immer ganz einfach. Aus Sicherheitsgründen darf der Leierkasten nicht mehr mit ins Stadion rein. Aber ich finde immer ein Plätzchen“, sagt der 55-Jährige, der mit seiner Schiebermütze als Berliner Original der 20er Jahre durchgehen würde.
30 Minuten scheinen da fast eng bemessen zu sein. Aber er muss sich ja nicht auf den Stehtraversen drängen, um gute Sicht zu haben. Er hat seinen festen Platz auf der Haupttribüne. Block C2, Reihe 7, Sitz 5. Einer der wenigen Sitzplatz-Unioner. Von Anfang an! „Als ich das erste Mal zu Union bin, wollte ich mir eigentlich ja auch einen Stehplatz holen. Aber ein Freund von mir war dabei und der wollte sitzen. Seitdem ist das mein Platz“, erinnert sich Bernhard an seine eisernen Anfänge.
Das war in den 70ern. Er machte alles mit. Aufstiege, Abstiege, die Rettungsdemo in den 90ern oder Bluten für Union anno 2004. Eisern durch dick und dünn. 1980 schon wurde er förderndes Vereinsmitglied. Der eiserne Virus ließ ihn nicht mehr los, zog mit ihm um von Pankow nach Mitte.
Seit 1992 wohnt er unweit des Spittelmarktes. Und wer seine Wohnung betritt, dem fällt sofort die Stadionaktie gegenüber dem Eingang an der Wand auf. Und Bären. Jede Menge Bären. Poster, Fotos, Zeichnungen. Auch Plüschtiere von Meister Petz. „Lydia hat sich immer für die Bären engagiert. Sie spielte gern vor dem Bärenzwinger oder dem Bärenschaufenster beim Tierpark.“
Die Wohnung vermittelt mit jedem Zentimeter den Eindruck, als sei Bernhards Frau nur kurz um die Ecke zum Einkaufen gegangen. Bernhard hält die Erinnerung an sie hoch, er ist auch heute noch im Berliner Drehorgelverein aktiv. Ein fest gebuchter Termin in seinem Kalender ist das alljährliche Drehorgelfest vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. „Meine zweite Familie nach Union“, sagt er voller Inbrunst, und als sein Nachbar sollte man auch mal weghören können. In seiner Begeisterung über sein Instrument orgelt er schon mal mitten am Tag hemmungslos in der Wohnung los, wenn er seine Deleika vorführen kann. Doch zumeist haben seine Nachbarn Ruhe. Er spielt ja mehr bei Veranstaltungen auf denn in den eigenen vier Wänden
Nach aufreibenden Spielen zieht es ihn wie jeden Unioner nicht gleich nach Hause. So etwas muss ausgewertet werden. Gründlich. Fachsimpelei bei trauten Klängen. Ne Molle mehr darf es dann auch schon mal sein zur Feier des Tages. Oft auch spendiert von Zuhörern. Und was macht die Pinke? „Ich bin zufrieden“, meint er mit verschmitztem Grinsen. Ein guter Tag. Für alle Unioner.
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