Union-Kolumne

Fehlfarben: Zu viel Weiß bei den Rot-Weißen

Auch Sebastian Polter sitzt einem Feind des Fußballers auf: der Übermotivation.

Andreas Baingo
Lesezeit 4 Min
Da hilft auch kein Flehen: Schiri Robert Hartmann schickt Sebastian Polter in Leverkusen mit Rot raus.

Da hilft auch kein Flehen: Schiri Robert Hartmann schickt Sebastian Polter in Leverkusen mit Rot raus.

© imago images/Contrast

Wer zu spät kommt, den bestraft seit Michail Gorbatschow und dem Fall der Berliner Mauer das Leben. Manchmal zumindest. Viel öfter, zu oft derzeit gerade für den 1. FC Union, ist es aber auch nur eine Karte. Eine Rote wie für Keven Schlotterbeck, eine Gelb-Rote wie für Neven Subotic und nunmehr eine Rote wie für Sebastian Polter.
Spät ins Spiel gekommen ist Polter. Das ist nicht schlimm für die Rolle, die Urs Fischer, der Trainer, ihm zukommen lässt in dieser Saison. Schlimm aber ist, dass der Liebling der Fankurve zu spät in einen Zweikampf und damit ins essentielle Leben eines Kickers eintaucht. Bei aller Abgeklärtheit, die der Draufgänger haben sollte, er ist immerhin schon 28 und hat neben 88 Zweitligaspielen bereits 55 Einsätze in der Bundesliga hinter sich, ist er trotzdem einem der größten Feinde eines Fußballers aufgesessen, der Übermotivation.

Übermut tut selten gut

Solche Roten Karten nämlich, wie Polter sich in Leverkusen eingehandelt hat, sorgen einerseits für Stirnrunzeln, anderseits sind sie einem Joker nicht fremd. Natürlich will der Einwechsler Akzente setzen, für frischen Wind sorgen, das Moment der Überraschung nutzen. Und dann ist, gibt’s doch nicht, nach nur einer Aktion schon wieder Schluss. Es ist fast angenehmer, erst Sekunden vorm Abpfiff eingewechselt zu werden, dabei nicht einmal in die Nähe des Balles zu kommen geschweige denn eine Ballberührung zu haben, dann aber mit den Kollegen den Sieg zu feiern.
Für Polter jedoch gilt: Übermut tut selten gut.
Auch wenn’s blitzschnell ging mit seiner Roten, es ist alles andere als ein Trost, dass er nicht mithalten kann mit den Sofort-Platzverweisen für einen Joker – schon gar nicht weltweit, denn da hat es die schnellsten Roten nach offiziell null, wirklich: n-u-l-l Sekunden gegeben.

Schnellduscher für die Ewigkeit

Die nicht mehr zu unterbietenden Schnellduscher hat es auf der britischen Insel erwischt, zuerst den Jamaikaner Walter Boyd in einem Viertligaspiel mit Swansea City, später den Nordiren Keith Gillespie für Sheffield United. Beide kamen vor einem Freistoß für ihre Teams auf den Platz. Weil der eine seinen Gegenspieler schlug, der andere seinem den Ellbogen ins Gesicht rammte, waren sie noch vor der Spielfortsetzung wieder draußen und deshalb statistisch gesehen keine Sekunde auf dem Platz.

In der Bundesliga, das ist genauso wenig ein Trost, kommt Unions Stürmer vielleicht gerade mal in die Top 10. Angeführt wird das Ranking vom jetzigen Wehen Wiesbadener Marcel Titsch Rivero, ein damaliger Nachwuchsmann bei Eintracht Frankfurt. Als solcher war für ihn einst nach 43 Sekunden Schluss. Es war 2011 sein zweites und zugleich letztes Spiel in der Bundesliga. Als Zweitplatzierter brauchte Simon Rolfes 75 Sekunden. Er spielte damals für Leverkusen, wo nun auch Polter gehen musste.

Genug Rot für die Saison

Vor einem Platz ganz in der Spitze hat ihn wahrscheinlich nur der Videobeweis, es hat ja gedauert, gerettet. So richtig als Rettung geht das aber auch nicht durch, denn ohne Video-Assistenten hätte Polter mit Gelb weitermachen dürfen. Schade für ihn, aber böse ist der Tritt auf die Achillessehne des Gegners dennoch.
Trotzdem, ganz im Ernst und meinetwegen auch ein klein wenig mit erhobenem Zeigefinger: Drei Platzverweise nach fünf Spielen sind echt bekloppt. Das sollte mindestens für die ganze Saison reichen und viele Mannschaften kommen sogar ganz ohne durchs Spieljahr. Denn: Wer soll diese dauernde Unterzahl nur durchhalten? Schon jetzt haben sich die Männer aus der Wuhlheide damit 32 Minuten gequält. Weil elf Minuten Nachspielzeit draufgepackt werden, summieren sich die Sünden auf eine gute Halbzeit.

Ganze Kerle sind gefragt

Noch einmal: Wer soll das, nicht vergessen, wir sind erstens nicht mehr in der Zweiten Liga und zweitens sind die Eisernen in der neuen Spielklasse diejenigen, die sich etwas weiter hinten anstellen müssen, stemmen?

Also, Leute, jetzt mal Butter bei die Fische! Aggressivität und Draufgängertum sind absolut in Ordnung, jeder soll merken, dass da durchaus ganze Kerle auf dem Rasen stehen und keine Schüler einer Waldorfschule, die erst ihren Namen tanzen und dann im Zweikampf vor Schwäche umfallen. Was aber blöd ist im Spiel der Rot-Weißen und die Rot-Diskussion geht ihnen womöglich selbst am meisten auf den Keks: Es gibt bei ihnen zu wenig Weiß.

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