Nicht alles hat „der Chef“, wie ihn selbst sein Lieblingsspieler Fritz Walter, der Kapitän beim „Wunder von Bern“, genannt hat, richtig gemacht. Für manche Ansagen würden sie ihm heute schlichtweg einen Vogel zeigen. Zum Beispiel für die, möglichst wenig Wasser zu trinken, weil Flüssigkeit den Kreislauf und damit das Herz sinnloserweise belaste. Selbst ich habe das noch zu spüren bekommen, als ich im September 1960, knapp zehnjährig und nur sechs Jahre nach dem WM-Titel von Helmut Rahn, Max Morlock und Toni Turek, in der 2. Knabenmannschaft von Fortschritt Zwickau mein erstes richtiges Fußballspiel bestritt. „Nicht trinken“, hieß es zur Pause, als wir Steppkes die Selters an die Lippen setzten, „nur den Mund ausspülen.“ Alte und in diesem Fall verstaubte Herberger-Schule.
Doch es geht ja nicht um Wasser, sondern um Psychologie. Die hat der alte Herr viel besser verstanden und die anderen damit aufs Glatteis geführt. Die Ungarn nämlich, die seinerzeit unschlagbaren Magyaren um ihren Superstar Ferenc Puskas. Weil es der Modus so wollte und Deutschland bereits im Gruppenspiel auf den WM-Favoriten traf, warf Herberger dem Gegner eine B-Elf regelrecht zum Fraß vor. Das 3:8 ist eines von 31 Spielen in Folge, in denen die Puszta-Zauberer vor dem WM-Finale vier Jahre ungeschlagen geblieben waren – und nach dem legendären 3:2-Triumph der deutschen „Helden von Bern“ nochmals zwei Jahre blieben.
Um dieses eine Spiel, um diese 90 Minuten, mit denen Deutschland neun Jahre nach Ende des II. Weltkrieges auf die Fußball-Weltkarte zurückkehrte, ranken sich seitdem zumindest hierzulande zahllose Geschichten und Histörchen. Dieses 3:2 ist sozusagen die Mutter aller Sensationen und der Vater gleich mit.
Was nur hat das mit dem 1.FC Union zu tun und dem strengen Plan, als Bundesliga-Neuling die Klasse zu halten? Denn Weltmeister, so viel ist sicher, wollen und können die Eisernen nicht werden. Den Gegner mit einer B-Elf überraschen wäre zudem ziemlich bescheuert. Trotzdem könnten sich die Männer aus der Wuhlheide an den alten Herberger Sepp erinnern und an seine Sicht der Dinge. Für den war zwar auch wichtig auf dem Platz, enorm wichtig, manchmal aber noch wichtiger!!, gegen wen es da ging und zu welchem Zeitpunkt.
Logischerweise ist eine Punkterunde kein WM-Turnier. Also zählen, ob im Rennen um den Titel oder im Kampf gegen den Abstieg, jeder Sieg und jedes Unentschieden. Erst einmal auch gegen jeden Gegner. Und doch gibt es da den nicht ganz so winzigen Unterschied, der mit einem Sechs-Punkte-Spiel beschrieben wird.
Mathematisch ist das keineswegs exakt, wenigstens vom Gefühl her aber wird das der Sache doch irgendwie gerecht. Die einfache Überlegung: Wenn ich einen Gegner, der sich mit mir auf Augenhöhe wähnt, bezwinge, dann kann der zumindest im Spiel gegen mich keinen Punkt holen. Fertig!
Ganz schlecht stehen die Eisernen in dieser Kategorie nicht da. Zehn Zähler – jeweils drei gegen Köln, Hertha BSC und Mainz, einen in Paderborn – haben sie gegen jene sechs Teams geholt, die in der Tabelle aktuell unter ihnen stehen. Einerseits „nur“, weil auch gegen Bremen und in Düsseldorf (das hatten wir schon ausgiebig) mehr drin war. Andererseits „immerhin“, weil das 1:0 gegen die Blau-Weißen sehr spät gefallen ist und das 3:2 in Mainz am Ende arg gewackelt hat.
Damit wäre ich bei Augsburg. Das wird alles andere als eine Puppenkiste, dabei ist gerade das ein Spiel, das sich sozusagen von selbst erklärt. Ein Sechs-Punkte-Spiel halt. Gewinnen heißt, den Gegner bei Punktgleichheit zu überholen. Der hat in der Tordifferenz zwar derzeit ein Plus von einem Treffer, die würde sich aber mit jedem mehr erzielten Tor zweifach zugunsten der Eisernen verschieben, weil sie hier auf der Plus- und dort gleichzeitig auf der Minusseite fallen. Also würde ein 1:0 genügen, um die bayerischen Schwaben zu überflügeln.
Das wäre sicherlich ganz nach dem Geschmack von Sepp Herberger. Nach dem von Trainer Urs Fischer auch und erst recht nach dem von Kapitän Christopher Trimmel und seinen Mitspielern. Nur: Weltmeister wären die Eisernen damit nicht. Für ein wohliges Gefühl nach zuletzt vier Spielen ohne Sieg würden die drei Punkte aber allemal sorgen.
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