Unhaltbare Zustände

Die Wildcamper von Berlin

Das Gebiet um den Treptower Park ist ein Treffpunkt der Wohnmobile – viele stört das.

Florian Thalmann
Lesezeit 5 Min
Die Verbotsschilder „Campen verboten!“ hängen überall in der Straße.

Die Verbotsschilder „Campen verboten!“ hängen überall in der Straße.

© Pudwell

Berlin lebt vom Tourismus, das ist klar. Aber um welchen Preis? Die Innenstadt ist voll – und immer wieder zieht es die Hauptstadt-Gäste auch nach draußen, raus aus der City. Beispiel Treptower Park: Hier gibt es seit Jahren Probleme mit Wildcampern. Nun ist der Bezirk zur Freude der Gewerbetreibenden vor Ort dagegen vorgegangen, hat mehrere Verbotsschilder aufgestellt. Doch nicht alle, die in fahrbaren Untersätzen wohnen, sind Touristen.

Sogar ein Spanier ist dabei

Mehrere Wohnmobile sind es, die derzeit in den angezeichneten Parklücken in der Bulgarischen Straße stehen. Manche mit Berliner Kennzeichen, manche aus anderen Städten – sogar ein Spanier ist dabei. Entweder kommen die Bewohner nur am Abend her oder sie nutzen den Parkplatz als Stellplatz.

Mehrere Wohnmobile – das ist aber wenig im Vergleich zu dem, was sich hier noch vor Wochen abspielte. Und die Menschen vor Ort ärgerte. „Hier standen zeitweise 40 Wohnmobile“, sagt ein Gastronom, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Die Leute haben offenbar in irgendeiner App für Camping-Fans gelesen, dass man sich hier hinstellen darf. Es waren aber nicht nur Touristen, sondern Obdachlose, die in irgendwelchen Autos schliefen.“

Jörg Pückert (47) lebt derzeit in seinem Auto, weil in seiner Wohnung in Neukölln umfangreiche Sanierungsarbeiten stattfinden.

Jörg Pückert (47) lebt derzeit in seinem Auto, weil in seiner Wohnung in Neukölln umfangreiche Sanierungsarbeiten stattfinden.

© camcop media / Andreas Klug

Die Zustände: unhaltbar. „Sie hatten ihre Chemie-Toiletten dabei, ließen den Müll liegen, die Tiere liefen herum. Einer hatte sogar mal ein Huhn, das mit einem kleinen Misthaufen neben seinem Wagen wohnte.“ Im vergangenen Jahr habe sich eine Wahrsagerin niedergelassen. Und, wie sah die Zukunft aus? „Damals roch sie vor allem nach Urin“, sagt er und lacht.

Verbotsschilder vertreiben Camper

Inzwischen sind die Aussichten rosiger: Seit zwei Wochen hängen entlang der Straße Schilder, die auf ein Camping-Verbot hinweisen. „Und seitdem ist Ruhe. Die Leute haben den Platz verlassen, es ist kein Trubel mehr.“ Gut: Nun bekommen auch die Gäste seines Restaurants wieder einen Parkplatz. Gleiches gilt für einen Bootsverleih in der Nähe. 

„Wir sind froh, dass sich die Situation gebessert hat. Manchmal bekam man hier schon um acht Uhr morgens keinen Parkplatz mehr“, sagt die Chefin. „Die Camper stellten Tische und Stühle hin, hängten Wäsche auf.“ Heute ist nur ein Mann zu sehen, der aus einem Wohnmobil kommt, sein Fahrrad für eine Tour herrichtet. Steht er nur hier oder schläft er auch hier? „Nur Parkplatz“, sagt er in gebrochenem Deutsch und grinst.

Noch vor Wochen standen in der Bulgarischen Straße bis zu 40 Wohnwagen, sagen Anlieger. Seit die Schilder hängen, sind es weniger.

Noch vor Wochen standen in der Bulgarischen Straße bis zu 40 Wohnwagen, sagen Anlieger. Seit die Schilder hängen, sind es weniger.

© Pudwell

Auch auf anderen Parkplätzen in der Nähe lassen sich Camper nieder, trotz Schildern mit dem Schriftzug „Camping verboten“. Warum? KURIER trifft Gerald Bürgerle (77), der derzeit einen Stellplatz an der Puschkinallee besetzt, auch in seinem Wagen übernachtet. „Ich stehe hier nur, ich campe nicht“, erklärt er. „Camping ist es erst, wenn man einen Stuhl und einen Tisch auf die Straße stellt oder die Markise ausfährt.“ Das tut er nie. „Neulich waren Holländer hier, die Möbel aufbauten – ich bat sie, die Sachen wieder einzuräumen.“

Rentner Gerald ist Camping-Profi

Der Rentner ist Camping-Profi: Als seine Frau starb, gab er die Wohnung auf, schnappte sich einen Wohnwagen, seitdem fährt er das ganze Jahr durch die Welt. „Nur im Sommer bin ich hier, um die Kinder zu besuchen, dann suche ich mir einen Platz.“ Im vergangenen Jahr habe er in der Bulgarischen Straße gestanden – dass es dort Aufregung gab, könne er verstehen. 

„Wenn die Gäste der Restaurants keinen Stellplatz mehr bekommen, ist das Mist. Ich habe den Platz damals auch verlassen, als ich von einem Gewerbetreibenden angesprochen wurde.“ Auch Müll ist ihm ein Dorn im Auge. „Wenn ich auf einem Platz ankomme, gehe ich meist erstmal mit einer Mülltüte herum, räume auf.“

So macht es auch Jörg Pückert: Der 47-Jährige parkt sein kleines, zum Wohnzimmer umfunktioniertes Auto. Dass er hier seit Wochen lebt, hat einen Grund: Seine Wohnung in Neukölln wird derzeit saniert, weil kein Stein mehr auf dem anderen steht, ist sie unbewohnbar. „Ich bin aber nicht die ganze Zeit hier, sondern als Handwerker oft auf Montage.“ Auch er achtet darauf, sich ordentlich zu verhalten. „Wir tun keinem was, wir benehmen uns – deshalb hat noch niemand was gesagt.“

Laut Gesetz dürfen Wohnmobile überall abgestellt werden, wo auch geparkt werden darf, solange es nicht per Schild untersagt ist. Ohne Zugfahrzeug aber nicht länger als zwei Wochen, heißt es beim ADAC – ansonsten droht ein Bußgeld von 20 Euro. Auch Übernachten ist möglich – aber nur einmal, um die ausgeruhte Weiterfahrt zu garantieren. Dauercamper, die es darauf anlegen, könnten die Regelungen umgehen, indem sie den Wagen umparken.

In der Bulgarischen Straße hoffen die Gewerbetreibenden nun auf Ruhe. „In jedem Fall ist das Ordnungsamt hinterher, sie kontrollieren ständig“, sagt die Chefin vom Bootsverleih. „Wir haben ja nichts gegen die Leute, aber wir brauchen unsere Parkplätze auch für das Geschäft.“ 

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