Horror-Unfall in Mitte

Jetzt fordern Politiker SUV-Verbote für die Innenstadt

Unfallforscher: SUV nicht unbedingt gefährlicher als Kleinwagen.

Elmar Schütze
Lesezeit 4 Min
Der völlig zerstörte Porsche SUV wird geborgen.

Der völlig zerstörte Porsche SUV wird geborgen.

© dpa

Unfall in Mitte: Hatte der Todes-Fahrer gesundheitliche Probleme?

Dabei war am Freitagabend ein 1,9 Tonnen schwerer Porsche Macan an einer Fahrzeugkolonne vorbei durch die  Invalidenstraße gerast, kam nach links von der Fahrbahn ab und riss an der Kreuzung Ackerstraße vier Fußgänger in den Tod, die dort auf dem Bürgersteig standen. Noch weiß die Polizei nicht, wie es dazu kam. Unter anderem wird  untersucht, ob bei dem Fahrer gesundheitliche Probleme aufgetreten waren.

Als einer der ersten hatte sich bereits am Sonnabend Stephan von Dassel zu Wort gemeldet, Bezirksbürgermeister von Mitte. „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“, sagte der Grünen-Politiker. Von Dassel sieht in den SUV ein grundsätzliches Problem: „Es sind Klimakiller, auch ohne Unfall bedrohlich, jeder Fahrfehler wird zur Lebensgefahr für Unschuldige.“

Florian Schmidt: „Davon motivierte protzige Schnellfahrerei tötet“

In dieselbe Kerbe schlug von Dassels Parteifreund Florian Schmidt, Stadtrat des Nachbarbezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Dieser Unfall habe Symbolcharakter, twitterte der Stadtrat für Stadtentwicklung. Und auch er schlug einen weiteren Bogen. Die SUV-Technik und -Marketingstrategie sei „mitschuldig an einer Autokultur des Ich, Ich, Ich. Davon motivierte protzige Schnellfahrerei tötet“, schreibt Schmidt. Seine  Konsequenz: „Lasst uns diese Wagen und viele mehr von den öffentlichen Räumen entfernen.“

Die Unfallstelle Invalidenstraße Ecke Ackerstaße in Berlin-Mitte.

Die Unfallstelle Invalidenstraße Ecke Ackerstaße in Berlin-Mitte.

© Morris Pudwell

Unterstützung erhalten die Grünen von der Deutschen Umwelthilfe. Ein Sprechers des Vereins, der mit seiner Klage dazu beigetragen hat, dass im Juni in Berlin auf einzelnen Straßenabschnitten Dieselfahrverbote eingeführt wurden, schrieb auf Twitter: „SUV haben in unseren Städten nichts zu suchen! Und wenn es nach den Autokonzernen geht, soll mehr als jeder zweite Neuwagen ein SUV werden. Wir kämpfen dagegen an!“

„Beschämend und ohne Anstand den Opfern gegenüber“

Doch es gibt auch Kritik an der Debatte über mögliche Konsequenzen aus dem Unfall. So twitterte Jan-Marco Luczak, Bundestagsabgeordneter der CDU für Tempelhof-Schöneberg: „Dass die Umwelthilfe  und der grüne Stadtrat Florian Schmidt einen furchtbaren Unfall mit einem SUV für ihre Politik instrumentalisieren, finde ich beschämend und ohne Anstand den Opfern gegenüber. Man kann politisch streiten, aber bitte nicht Pietät vergessen!“ 

Blumen an der Unfallstelle in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte. 

Blumen an der Unfallstelle in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte. 

© Eric Richard

Unfallforscher: SUV nicht unbedingt gefährlicher

SUV sind im Straßenverkehr nicht unbedingt gefährlicher als Kleinwagen. Darauf weist der Unfallforscher der Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann, nach dem schweren Unfall hin. 

„Man kann nicht einfach sagen: SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart“, sagte Brockmann am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Im Einzelfall könne es sogar umgekehrt sein. „Entscheidend ist die Geschwindigkeit“, erklärte der Experte vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Alles was jenseits von 50 Stundenkilometern ist, ist für einen menschlichen Körper mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug.“

Brockmann verwies auf die physikalische Berechnung der Bewegungsenergie. „Die Masse geht hier nur mit der Hälfte in die Formel ein und die Geschwindigkeit mit dem Quadrat. Und das heißt nichts anderes als: Wenn der Polo 70 fährt, ist er durchaus gefährlicher für einen Menschen als ein Macan mit 40.“

Wichtig sei auch, an welcher Stelle ein Mensch auf ein Auto aufpralle. „Tödliche Verletzungen erleidet man in der Regel im Brustkorbbereich und erst recht im Kopfbereich.“ Die härtesten Teile der Autofront seien die Kanten links und rechts sowie oberhalb der Windschutzscheibe. „Wenn man die mit dem Kopf trifft, ist das in der Regel tödlich.“ Bei einem Polo oder Smart könne das leichter passieren als bei einem großen Auto mit einer langen Haube.

Unfall in Berlin-Mitte: Gewicht des Autos könnte einen Unterschied gemacht haben

Im Berliner Fall könnte das Gewicht des Autos jedoch tatsächlich einen Unterschied gemacht haben, gestand Brockmann zu. Dort hatte ein Porsche Macan bei der Fahrt auf den Gehweg mehrere Poller und einen Ampelmast abgeknickt. Einen Polo hätte der Mast vielleicht aufgehalten, sagte Brockmann.

Er betonte, in SUV säßen nicht unbedingt „Rambos“ am Steuer. Nach Umfragen schätzen viele Frauen und ältere Leute die Wagen, weil sie wegen der Höhe leichter ein- und aussteigen können und eine größere Übersicht haben. Ein Kaufmotiv sei auch die Sicherheit: „Die größere Masse bietet einen Vorteil gegenüber der kleineren.“ (mit dpa)

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