Hastig nur legt die Frau ihre Blumen vor den abgeknickten Ampelmast. Zu viele Augen ruhen auf der Gehwegstelle, wo schon Rosen und Sonnenblumen liegen. Stunden zuvor hat hier ein Geländewagen vier Menschen in den Tod gerissen, darunter ein dreijähriger Junge. Die Frau geht weiter, setzt sich in einen Hauseingang, stützt den Kopf in die Hände und weint. Trauer und Fassungslosigkeit herrschen am Samstag in Berlin. Wie konnte das passieren? Warum kam der Porsche von der Straße ab?
Unfall in der Invalidenstraße in Mitte: Ein Augenzeuge berichtet
Björn Möller ist an diesem Morgen wiedergekommen. Er war Zeuge des Unfalls am Freitagabend. Es habe einen lauten Knall gegeben und als er hinsah, habe er das SUV gesehen. SUV steht für Sport Utility Vehicle (Geländelimousine).
Der rund 1,8 Tonnen schwere Wagen hatte den Ampelmast abgeknickt und sei dann über den Gehweg geflogen. „Wie über eine Sprungschanze, es sah aus wie im Film“, sagt Möller. Die Fußgänger, die an der Ampel im Weg standen, habe das Auto mitgerissen. Einige Sekunden lang sei Stille gewesen, bevor Schreie und Panik einsetzten, so der Zeuge.
Vier Menschen erlagen am Unfallort ihren Verletzungen
Viele Augenzeugen alarmierten die Feuerwehr. Die Bemühungen mehrerer Notärzte blieben erfolglos: Zwei Männer – ein 28-jähriger Spanier und ein 29-jähriger Engländer – eine 64-jährige Frau und ihr dreijähriger alter Enkel erlagen am Unfallort ihren schweren Verletzungen.
Die 38 Jahre alte Mutter des Kindes und ihr neunjähriger Sohn, die alles mit ansehen mussten, erlitten einen Schock. Sie wurden am Ort behandelt und seelsorgerisch betreut. Auch Einsatzkräfte mussten psychologisch betreut werden.
Der Autofahrer (42) wurde am Kopf verletzt. In dem Porsche saßen ein sechsjähriges Mädchen und eine 67 Jahre alte Frau. Beide blieben nach Angaben der Polizei zur Beobachtung in einem Krankenhaus. Ein Rettungswagen brachte den Fahrer unter Polizeibegleitung ins Krankenhaus. Dem 42-Jährigen sei Blut entnommen worden.
Die Unfallstelle Invalidenstraße Ecke Ackerstaße in Berlin-Mitte.
© Morris Pudwell
Unfall in Mitte: Medizinischer Notfall beim Fahrer?
Wie genau alles ablief, ist noch unklar. Eine offizielle Darstellung des Unfalls gibt es bislang nicht. Eine Vorsatz-Tat oder ein illegales Straßenrennen schließt der Verkehrsermittlungsdienst aber inzwischen aus. Die Polizei wertete am Samstag noch die Spuren aus. Auch, ob ein medizinischer Notfall beim Fahrer des Wagens die Ursache gewesen sein könnte, wird geprüft. Die Polizei schließt das nicht aus. Erste Hinweise darauf flössen ebenso wie andere Aussagen, Informationen und Beweise in das Ermittlungsverfahren ein, teilte die Behörde am Samstag mit.
Bezirksbürgermeister von Mitte kritisiert schwere Pkw-Modelle wie den Unfallwagen
Passanten erzählen, der Wagen sei an der roten Ampel ausgeschert und habe die wartenden Autos mit hohem Tempo überholt. „Alle sagen 80 plus“, meint Möller. Bremsspuren sind nicht zu erkennen.
Stephan Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte kritisierte am Samstag schwere Pkw-Modelle wie den Unfallwagen. „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“, sagte er. „Es sind Klimakiller, auch ohne Unfall bedrohlich, jeder Fahrfehler wird zur Lebensgefahr für Unschuldige.“
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sprach von einem schrecklichen Unfall. „Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden.“ Ähnlich äußerte sich von Dassel.
Der völlig zerstörte Porsche SUV wird geborgen.
© dpa
Grabkerzen stehen nun an dem Ampelmast. An einem eingedrückten Bauzaun hängt ein Werbeplakat für eine Superhelden-Ausstellung, „Giants of iron“. Ein Riese aus Metall ist mit knapp zwei Tonnen Gewicht auch das Unfallauto. Es kam völlig demoliert auf dem verwilderten Baugrundstück hinter der Ampel zu stehen. Auf dem Weg dorthin hat es sich offenbar gedreht.
„Die Leute rasen hier wie die Irren“
Nico Müller hat seinen Frisörladen nahe der Straßenecke. Schon vor zwei Jahren habe es dort einen schweren Unfall gegeben, sagt er, ein Auto sei in einen Laden gefahren. „Die Leute rasen hier wie die Irren.“ Eine Tempo-30-Zone sei dringend nötig. Die Tram, die Autos, Fahrräder, Tretroller - „Das ist zuviel für diese Straße.“
Was am Freitagabend geschah, soll eine Rekonstruktion ergeben. Bis tief in den Abend waren Sachverständige an der Unfallstelle und vermaßen im grellen Scheinwerferlicht Unfallspuren auf der Straße, während ein Kran vorfuhr, um das Autowrack zu bergen.
Gutachter und Verkehrsunfallkommando sind an der Unfallstelle eingetroffen.
© Morris Pudwell
Den ganzen Tag über kamen am Samstag Menschen zur Unfallstelle, hielten inne, diskutierten, machten Fotos. Am Abend war eine Mahnwache geplant - initiiert haben sie Interessenverbände, die gegen schwere SUV im Stadtverkehr argumentieren, jener Mischung aus Limousine und Geländewagen. Die evangelische Kirchengemeinde am Weinberg lud zu einer Gedenkandacht in der nahen Elisabethkirche. (KURIER/kop./dpa)
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