Bevor sich der Vorhang hebt, kann man sich vorstellen, dass das der Auftakt zu einer neuen "24"-Staffel sein könnte. Die Kamera würde die langen Schlangen vor dem Heimathafen in der Karl-Marx-Straße abtasten. Da das Pärchen, das sich verliebt küsst, dort der Döner-Verkäufer vor dem Eingang, hier alte Freunde, die sich treffen. Und am Rande ein bärtiger junger Mann, der alleine gekommen zu sein scheint, sich im Halbdunkel des Toreingangs herumdrückt. Es geht nur stockend vorwärts, weil am Eingang jeder Zuschauer penibel abgetastet wird. Man weiß ja nicht, was für Schwachköpfe sich von Kiefer Sutherland herausgefordert fühlen. Sutherland, der mit der Rolle des brutalen, psychisch angeknacksten Anti-Terror-Kämpfers Jack Bauer in "24" zur TV-Legende geworden ist.
Wäre das jetzt Hollywood und der TV-Thriller "24" in echt, gäbe es nun einen harten Schnitt. Von den Fans, die sich auf das Konzert freuen, in einen Raum hinter der Bühne. Dunkel, düster. Zu Jack Bauer, noch fertiger als in den Staffeln zuvor. Demoralisiert vom Kampf gegen den Terror, von dem, was er tun musste, um die Welt zu retten. Der in der Musik seinen letzten Strohhalm sieht. Der sich Heroin spritzt, um fit für die Bühne zu werden. Schnitt. Dunkle Gestalten warten auf der Empore des Heimathafens. Auf Jack Bauer, auf die ahnungslosen Zuschauer. Schnitt.
Wäre das "24", würden wir Jack Bauer gleich bei der Jagd auf Terroristen sehen. Aber wir sind im wahren Leben. Neukölln. Karl-Marx-Straße 141. 22 Uhr - und aus der Thriller-Fantasie wird ein hinreißender Musikabend. Denn da steht ja nicht Jack Bauer, sondern Kiefer Sutherland (50) auf der Bühne des Heimathafens. Der einzige Thriller ist die Musik an sich. Country-Rock. Alles, was noch an "24" erinnert, ist Kiefers Stimme. Tief, rauh. Aber sonst ist alles anders. Auch die Drogen. Aus Heroin wird Whisky. "Not enough whiskey in Europe 2017" heißt seine Tour. Seine erste als Musiker.
Schauspieler Sutherland hat auch den Rockstar im Repertoire
Die nicht wirkt wie seine erste. Entweder ist Kiefer Sutherland ein so guter Schauspieler, dass er auch den Rockstar locker im Repertoire hat, oder er hat es einfach in sich. Die Posen stimmen, nichts wirkt aufgesetzt, Ja, er hat Spaß auf der Bühne, das sieht man. Und eins hat er mitgenommen aus dem Schauspielfach: Auch als Musiker ist er ein Geschichtenerzähler. Er singt von gebrochenen Herzen, von Einsamkeit. Und übers Trinken. "Als ich die Songs für mein Album geschrieben hatte, war ich erschrocken, wie viele sich davon um Alkohol drehen." Sagt es und nimmt einen Schluck auf der Bühne.
24 Stunden lang ist eine TV-Staffel von "24", 75 Minuten und die Songs seines Debüt-Albums "Down in the hole" schenkte der Musiker Kiefer Sutherland seinen Berliner Fans. Mit einer exzellenten Band, die auf der Bühne Druck machte. Mit Gitarren, die losgelassen werden, einem Schlagzeug (Sutherland hat eine Schlagzeugerin - Jess Calcaterra), das vorwärts marschiert. Mal erinnerte das an Bruce Springsteen, "All she wrote" hatte sogar seine Roger-Waters-Momente. Und Sutherland erinnerte an seine musikalischen Helden: Von Merle Haggard coverte er "The bottle let me down", von Tom Petty "Honey bee", von Gordon Lightfoot "Sundown".
Und das Konzert endete wie es sich für einen Geschichtenerzähler gehört. Sutherland erinnert sich an seine Kindheit. In Kanada. Wie er und seine Schwester von Papa Donald Sutherland (81, "Wenn die Gondeln Trauer tragen") zu Schule gefahren wurde. "Er hatte gerade M.A.S.H. gedreht", erzählte Kiefer. "Er fuhr uns mit seinem roten 66er Ferrari. Das fanden wir cool." Und im Auto lief wochenlang die gleiche Kassette. Von Bob Dylan. Mit nur acht Songs. Da kann man einen Musiker lieben oder hassen lernen. Kiefer Sutherland liebt Bob Dylan noch heute. Mit einem wunderbar entschleunigten "Knocking on heavens door" schickte Kiefer Sutherland seine Fans nach Hause. Die 75 Minuten vergessen hatten, das es da draußen wirklich eine Welt mit vielen Jack Bauers gibt.
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