Triumphe & Tragödien

70 Jahre Vereinte Nationen

Die Welt im Sommer 1945: Europa liegt in Trümmern, Millionen Menschen sind auf der Flucht, im Fernen Osten wütet der Weltkrieg noch immer.

HARALD STUTTE
Lesezeit 5 Min
Das fatalste Weggucken: 13. Juni 1994. Ein UN-Soldat aus Ghana versucht, ein Tutsi-Kind zu retten. Der UN-Kommandeur der in Ruanda stationierten 2500 Blauhelm-Soldaten warnte bereits im Januar 1994 vor der bevorstehenden „Vernichtung“ der Tutsi-Minderheit. Die Welt reagierte nicht – das UN-Mandat verpflichte zu strikter Neutralität. In New York vermied man das Wort „Völkermord“. Und überließ 1,5 Millionen Menschen den Hutu-Schlächtern.

Das fatalste Weggucken: 13. Juni 1994. Ein UN-Soldat aus Ghana versucht, ein Tutsi-Kind zu retten. Der UN-Kommandeur der in Ruanda stationierten 2500 Blauhelm-Soldaten warnte bereits im Januar 1994 vor der bevorstehenden „Vernichtung“ der Tutsi-Minderheit. Die Welt reagierte nicht – das UN-Mandat verpflichte zu strikter Neutralität. In New York vermied man das Wort „Völkermord“. Und überließ 1,5 Millionen Menschen den Hutu-Schlächtern.

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Die erste große Herausforderung, den UN-Teilungsplan für Palästina, meistert dieses Parlament der Völker, weil die neuen Supermächte, USA und UdSSR, an einem Strang ziehen: Die UN-Generalversammlung legt am 29. November 1947 das Fundament für die Existenz Israels.

Die Vereinten Nationen verhindern Krisen und Kriege nicht, entschärfen aber viele: Berlin-Krise (1948/49), Kubakrise (1962), Nahostkriege (1948, 1956, 1967, 1973) – UN-Initiativen nehmen vielen Konflikten ihre Unberechenbarkeit.
Die Völkerfamilie stößt auch oft an die Grenzen ihrer politischen Möglichkeiten: Völkermord in Ruanda (1994), Massaker in Bosnien (1995)...

193 Staaten gehören heute den Vereinten Nationen an. Das UN-Aufgabengebiet umfasst Ernährungsprogramme, Gesundheitsschutz, Ökologie, Bildung, Kultur, Schutz von Kindern, Frauen und Minderheiten. 10.000 Blauhelmsoldaten sind weltweit im Einsatz; 69 Friedenssicherungseinsätze gab es seit 1948. Das kostet Geld. Umso unverständlicher, dass ausgerechnet die reichen Industriestaaten mit ihren Beitragszahlungen nachlässig umgehen.

Ein weiteres Problem ist die Reformunfähigkeit der UN: Die fünf Veto-Mächte – USA, Frankreich und Großbritannien, Russland und China blockieren überfällig Veränderungen.

Die Vereinten Nationen – sind sie heute überflüssig? Angesichts von gegenwärtig 31 Kriegen, der höchsten Zahl an Flüchtlingen seit dem Zweiten Weltkrieg eine überflüssige Frage. Die UN sind wichtiger denn je!

Die 70-jährige Geschichte der UN ist reich an Triumphen und Tragödien. Hier eine Auswahl.

Die erste Herausforderung
29. November 1947. Die UN-Vollversammlung stimmt mit 33 gegen 13 Stimmen bei 10 Enthaltungen dem Teilungsplan für Palästina zu. Auf dieser Grundlage erklärt Israel am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit, doch zur vorgesehenen Trennung laut Teilungsplan kommt es nicht. Umgehend erklären Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem jungen Staat den Krieg.

Die blutigste Entscheidung

25. Juni 1950. Der Kalte Krieg zwischen West und Ost eskaliert in Fernost, nur fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Überfall Nordkoreas und Chinas auf Südkorea kommen die USA mit UN-Truppen dem Süden zu Hilfe. Der Krieg, der 37 Monate wütet und dem 3,5 Millionen Menschen zum Opfer fallen, endet mit einem Waffenstillstand. Der 38. Breitengrad wird als Grenze zwischen Nordkorea und Südkorea bestätigt.

Der wildeste Auftritt

12. Oktober 1960. Was hat den sowjetischen Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow vor der Vollversammlung so in Rage gebracht, dass er seinen Schuh ergreift und auf das Podium hämmert? Der philippinische Delegierte Lorenzo Sumulong hatte Moskau beschuldigt, in Osteuropa bürgerliche und politische Grundrechte außer Kraft gesetzt zu haben. Chruschtschow poltert: „Warum darf dieser Nichtsnutz, dieser Speichellecker, dieser Fatzke, dieser Imperialismusknecht und Dummkopf das?“

Der schwärzeste Tag

18. September 1961. Unter mysteriösen Umständen stirbt UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld während einer Friedensmission bei einem Flugzeugabsturz in Afrika. Bis heute sind die Umstände seines Todes ungeklärt. Immer wieder gibt es Gerüchte über ein Komplott von Geheimdiensten. Hammars-kjöld, Friedensnobelpreisträger, wollte im blutigen Kongo-Konflikt vermitteln, doch die Mission scheiterte.

Der übelste Gastredner
1. Oktober 1975. Zu einem der abscheulichsten Momente in der UN-Vollversammlung wird der Auftritt des als „Schlächter von Kampala“ bekannten Diktators Idi Amin. Der damalige Präsident Ugandas fordert in seiner Ansprache die „Auslöschung“ Israels als Staat – während die Welt bereits ahnt, dass Amins Gewaltherrschaft (1971 bis 1979) Hunderttausende Menschenleben kosten wird.

Die skurrilste Mission

April 1989 bis März 1990. Seit September 1973 gehören auch die Bundesrepublik und die DDR zur den Vereinten Nationen. 1989 kommt es zur ersten und einzigen gemeinsamen Mission. Ausgerechnet in ihrer ehemaligen Kolonie, im nach Unabhängigkeit strebenden Namibia, sollten West- und Ost-Polizisten gemeinsam den Wandel schützen. Noch während der UNTAG-Mission fällt die Mauer.

Der bewegendste Moment

3. Oktober 1994. Zwar haben die Menschen Südafrikas die Geisel der Apartheid abgeschüttelt, doch die Völkerfamilie hat dabei nach Kräften geholfen. Das Apartheid-Regime war über Jahrzehnte weltweit isoliert worden, beugte sich 1990 dem Druck und leitete den Wandel ein. Als die Vereinten Nationen im Herbst 1994 ihren 50. Geburtstag feiern, spricht Nelson Mandela, einst der berühmteste Gefangene der Welt und längst erster schwarzer Präsident seines Landes, vor dem Völker-Gremium. Sichtlich gerührt reagiert der große alte Mann auf die Anteilnahme der ganzen Welt.

Die größte Schande
Juli 1995. Bei Srebrenica (Bosnien und Herzegowina) werden 8000 Bosniaken im Alter von 13 bis 78 Jahren umgebracht. Das Massaker, durch UN-Gerichte als Völkermord klassifiziert, verüben die Armee der Republika Srpska, serbische Paramilitärs und Polizei – in Anwesenheit eines niederländischen UN-Bataillons (Dutchbat).

Die folgenschwerste Lüge

5. Februar 2003. Iraks Diktator Saddam Hussein sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen, behauptet US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat. Seine Rede ist der Auftakt zum wenig später beginnenden Irakkrieg. Doch Powells vermeintliche Beweise entpuppen sich nach dem Krieg als falsch. Der Irakkrieg destabilisiert eine ganze Region – und ist Geburtshelfer für den Islamischen Staat (IS).

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