Trauma Stasi-Haft

Berliner Beratungsstelle „Gegenwind“ hilft Ex-Gefangenen

Vor der Flucht abgefangen, im Gefängnis gesessen, von der Stasi verhört: Auch 25 Jahre nach dem Ende der DDR sind für Betroffene die Erinnerungen gegenwärtig.

Jutta Schütz
Lesezeit 8 Min
Christel Michael sieht sich ihre Stasi-Akten an.

Christel Michael sieht sich ihre Stasi-Akten an.

© dpa Lizenz

Seit zwölf Jahren geht Frau Michael zu den Treffen im Erdgeschoss eines Altbaus im Stadtteil Moabit. Sie sind Teil ihres Lebens geworden. Sie tun ihr gut, wie sie sagt. „Man kann sich aussprechen. Die anderen verstehen, wovon ich rede.“ Heute kann sie ihre Panik und ihre Unruhe einordnen. „Es sind posttraumatische Störungen“, meint sie offen.
„Gegenwind“ ist bundesweit die einzige psychosoziale Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur. Eine wissenschaftliche Studie von 2012 geht von 200.000 bis 300.000 politisch Inhaftierten in der DDR aus. Etwa ein Drittel leidet an den psychischen Folgen. Traumata sind aus Sicht der Psychologie seelische Verletzungen.

Drei Therapeuten, alle mit Spezial- und Zusatzausbildungen, sind in der Berliner Beratung von Montag bis Freitag für Betroffene da. Es gibt Einzelberatung, Gesprächskreise, eine Mal- sowie eine Yoga-Gruppe. An den Wänden des ersten, hell gestrichenen Raums mit bodentiefem Fenster und Ikea-Mobiliar hängen Bilder, die von der Last der Vergangenheit erzählen. Auf einem ist ein Spinnennetz zu sehen.

Bis zu 1000 Klienten suchten jährlich Hilfe, berichtet Leiter Stefan Trobisch-Lütge. Er hat zusammen mit dem DDR-Bürgerrechtler Jürgen Fuchs (gestorben 1999) die Einrichtung aufgebaut, die 1998 öffnete. Die Ratsuchenden kommen vor allem aus dem Osten, aber es rufen auch immer wieder Menschen aus anderen Bundesländern an.

Auf einem Regal steht ein kleines Boot. „Es ist hier wie beim Segeln, die Leute müssen gegen den Wind angehen“, erklärt Hobby-Segler Trobisch-Lütge den Namen der Einrichtung, die zugleich Programm ist - gegen das Verdrängen, gegen die Wut und Einsamkeit. Träger ist der Verein Psychosoziale Initiative Moabit.

„Ich fühle mich verantwortlich für die Menschen. Ich erlebe die Arbeit hier durchweg positiv und nicht belastend“, sagt der Psychologe. Es gehe für die Traumatisierten darum, nicht verbittert in der Vergangenheit steckenzubleiben, sondern gemeinsam Wege herauszufinden. „Das ist spannend.“ Die Gespräche mit Menschen, die sich der DDR widersetzten und dafür große Entbehrungen auf sich nahmen, seien eine ermutigende Erfahrung.

Der 53-Jährige strahlt freundliche Ruhe aus. Doch das „Gegenwind“-Team hat Sorgen. Die Finanzen sind nur noch bis Ende 2016 gesichert. Es geht um einen Jahresetat von rund 160.000 Euro. Das Geld kommt derzeit aus dem „Mauerfonds“ sowie vom Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Stiftung Aufarbeitung. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man uns fallen lässt“, meint Trobisch-Lütge. Seine Kollegin Bettina Kielhorn ist nicht ganz so optimistisch. Weitermachen wollen sie auf alle Fälle.

Eine Sprecherin von Senator Mario Czaja (CDU) teilt mit, sollte eine weitere Tranche aus dem Mauergrundstücksfonds für das Land Berlin zur Verfügung stehen, werde die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales dafür plädieren, daraus die Beratungsstelle weiter zu fördern. Doch: „Die abschließende Entscheidung darüber trifft der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages.“

Der Fonds speise sich aus dem Verkauf von Mauergrundstücken und werde den ostdeutschen Ländern vom Bund für konkrete Zwecke zur Verfügung gestellt, so die Sprecherin. Bislang gebe die Sozialverwaltung aus dem Fonds 80.000 Euro im Jahr für die Beratungsstelle. Als „Gegenwind“ vor zwei Jahren das 15-jährige Bestehen beging, betonte CDU-Politiker Czaja, Berlin sei sich seiner Verantwortung bewusst. Solange die SED-Opfer Beratung bräuchten, müsse das finanzielle Engagement dafür aufrechterhalten werden.

Die Geschäftsführerin der Aufarbeitungs-Stiftung, Anna Kaminsky, unterstreicht, „Gegenwind“ sei einzigartig, leiste erfolgreiche Arbeit und müsse dauerhaft gesichert werden. Die Stiftung werde die Beratung im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiter unterstützen.

„Es kommen immer noch neue Fälle“, sagt Trauma-Therapeutin Kielhorn. Inzwischen seien es auch Angehörige der zweiten Generation, die sich fragen: Was ist los mit mir, warum ist es so schwierig mit meinen Eltern, warum hab ich solche Ängste? Aber auch Rentner, die nun Zeit haben und der eigenen Geschichte nicht mehr ausweichen können, klopfen an.

„Lange galt ja: nicht darüber reden. Mancher befürchtet auch, immer noch abgehört zu werden“, hat die 54-Jährige hier erfahren. Sie weiß, dass etliche Klienten viel Zeit brauchen, um Vertrauen zu fassen. Die kleine Einrichtung muss zum Glück nicht aufs Tempo drücken. Sie ist nicht von den Krankenkassen abhängig. „Gegenwind“ arbeitet aber mit Fachärzten und Kliniken zusammen und kooperiere mit Opferverbänden. Gern würde das Team um Trobisch-Lütge das Angebot vergrößern. Es gibt schon Wartelisten für die maltherapeutische Gruppe. „Mehr können wir aber nicht stemmen“, heißt es unisono.

Betroffene könnten lernen, versöhnlicher zu werden und milder mit ihrer Vergangenheit umzugehen - um im Alltag besser zurechtzukommen. Anliegen sei, das unwillkürliche Überfluten mit schlimmen Erinnerungen zurückzudrängen, erläutern die Therapeuten. „Wir benennen aber auch, wenn jemand nur in anklagender Haltung verharrt.“

Ein schwarzer Riesenschnauzer spaziert an den Stühlen vorbei. „Jette komm, wir gehen kurz nach draußen“, ruft Kielhorn. Der Therapiehund ist ihre Idee. Das erst fünf Monate alte Tier ist schon Ausbildungs-Vorstadium. „Zu uns kommt eine Frau voller Phobien - inzwischen nimmt sie Jette auf den Schoß und kann Nähe ertragen“, strahlt die Expertin. „Hunde nehmen Menschen eben so, wie sie sind. Und so ein kräftiges Tier gibt Sicherheit.“

Christel Michael, die aus dem heutigen Sachsen-Anhalt stammt, wurde 1985 von der Bundesrepublik freigekauft, sie konnte mit ihrem Mann ausreisen und lebt seitdem in Berlin. Der Sohn, erst in ein DDR-Kinderheim gesteckt, durfte damals in den Westen nachkommen. „Ich muss ihn manchmal mitten in der Nacht anrufen. Ich muss wissen, ob es ihm gutgeht“, sagt die Mutter. Bis 2008 war sie selbstständig und führte eine chemische Reinigung.

Nun ist sie Hausfrau. Die SED-Opferrente von 300 Euro im Monat empfindet sie als moralische Anerkennung. Aber ihr sei auch schon an den Kopf geworfen worden: „Was, für das bisschen Knast gibt es auch noch Geld?“ Sie lacht sarkastisch. Vor allem sei sie glücklich, dass ihre Familie zusammenhält und nicht an der Vergangenheit zerbrochen ist.

Die Paragrafen ihrer Verurteilung hat Michael noch genau im Kopf: 214 und 219. Es bedeutete: Verbindungsaufnahme mit dem kapitalistischen Feind und Beeinträchtigung staatlicher Organe. Die Michaels hatten die Ausreise aus der DDR beantragt und sich mit Gleichgesinnten getroffen. „Wir sollten der Kopf einer Bande gewesen sein.“

Neben Frau Michael sitzt Chris H. am Tisch mit dem Kuchen. Dem 54-Jährigen kommen die Worte nicht so leicht über die Lippen. Seit diesem Jahr sei er wegen seiner posttraumatischen Störungen EU - erwerbsunfähig. „Ich bin abgestempelt als nicht mehr leistungsfähig. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren“, sagt der gelernte Fernsehtechniker, der zuletzt als Vermögensberater tätig war. „Jetzt bin ich ein Opfer“, bricht es aus ihm heraus. Das habe er nie sein wollen. Auch er saß im Gefängnis, weil er aus der DDR rauswollte.

Doch im Gegensatz zu seiner Tischnachbarin konnte er lange nicht über das Erlebte sprechen. Er kämpfte gegen Angst und Schlafstörungen. Am liebsten verkroch er sich in seiner Wohnung. „Ich war sprachlos, mehr als 20 Jahre hab ich alles verdrängt“, sagt H. Seinen Familiennamen möchte er nicht nennen. Nicht einmal seiner ersten Frau habe er etwas erzählt. Immer wieder habe er geträumt, in einem Keller gefoltert zu werden.

Er habe das allein hinkriegen wollen - bis es nicht mehr ging. Erst 2012 suchte er dann nach einem Ausweg. „Ohne 'Gegenwind' wären wir verloren“, sagt er leise und nickt Christel zu. Inzwischen kennt sich die Gruppe schon so, dass sich einige außerhalb zum Kaffee verabreden oder bei Behördengängen begleiten. Doch nicht alle finden diesen Halt und das soziale Miteinander, sagt Kielhorn. „Manche sind austherapiert. Denen können wir nur helfen, dass sie über den Tag kommen.“

Rache an den Tätern von einst wollen die wenigsten der Betroffenen nehmen, sagt Trobisch-Lütge. „Viele fühlen sich aber als Verlierer der Geschichte.“ Sie hätten das Gefühl, dass ihre kritische Auseinandersetzung mit dem SED-Staat nicht anerkannt werde. „Wir machen dann aber auch klar, dass die Gesellschaft sich doch für sie einsetzt - nicht nur mit der Opferrente.“

Kollegin Kielhorn ergänzt: Im Vergleich zu den anderen früheren Ostblock-Ländern sei Deutschland sehr weit bei der Aufarbeitung. Doch es gebe viel Unwissenheit im Westen und viel Verdrängung im Osten.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die das erlittene Unrecht wieder in den Vordergrund schieben. Als ihr Bruder beerdigt wurde, wollte ihr der Pfarrer tröstend seine Hand auf die Schulter legen, erzählt Frau Michael. Sie habe um sich geschlagen. Bis heute kann es die 64- Jährige nicht ertragen, dass jemand in ihrem Rücken agiert. Auch im Kino sitzt sie nur in der letzten Reihe. Sie weiß, woher das kommt: „Mein Stasi-Vernehmer ging immer hinter mir rum.“

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