Tram-Opfer Ronja

Die bittere Anklage der Eltern

Das Ehepaar weiß immer noch nicht, warum sein geliebtes Kind sterben musste.

Lutz Schnedelbach
Lesezeit 4 Min
Der Unglücksort. An dem Übergang wurde das 13 Jahre alte Mädchen von einer Straßenbahn erfasst.

Der Unglücksort. An dem Übergang wurde das 13 Jahre alte Mädchen von einer Straßenbahn erfasst.

© eric Richard

Es ist einer der tragischsten Unglücksfälle in den vergangenen 20 Jahren in Berlin. Er ereignete sich am 12. Juni 2018. An diesem Tag war die Schülerin Ronja auf ihrem Fahrrad auf dem Blockdammweg unterwegs. Als sie ihn überquerte, bemerkte sie die herannahende Straßenbahn nicht und wurde von ihr erfasst und 20 Meter weit mitgeschleift. 

Wie durch ein Wunder überlebte das Kind zunächst. Ronja lag unter dem Waggon. Sie hatte zwar schwerste Verletzungen an den Händen erlitten, war aber ansprechbar. Ein Passant, der das Unglück beobachtet hatte, kümmerte sich um das Mädchen und sprach mit ihm, um es abzulenken. Inzwischen waren Feuerwehrleute auf dem Weg, um das Leben der Schülerin zu retten. Doch der Kran der BVG, der , wie in solchen Fällen üblich, die Bahn anheben sollte, um das Opfer aus den Gleisen zu holen, steckte im Stau. 

Der Wagenheber rutschte ab

Die Feuerwehrleute entschieden sich nach einer dreiviertel Stunde, den Wagen mit hydraulischen Wagenhebern hochzuhieven. Das gelang zunächst. Zwei Feuerwehrleute krochen langsam zu dem Mädchen vor. Als sie das Kind unter der Bahn hervorziehen wollten, passierte die Tragödie.
Einer der Wagenheber rutschte ab, sodass das Gefährt wieder aufs Gleis krachte und das Mädchen unter sich begrub. 34 Tonnen wiegt so ein Wagen. Die beiden Feuerwehrmänner hatten Glück im Unglück, weil sie noch nicht mit dem gesamten Körper unter der Bahn lagen, hieß es später. Doch für Ronja kam jede Hilfe zu spät.

Sie starb an einer Panne während der Bergung.

Sie starb an einer Panne während der Bergung.

© Morris Pudwell

In verschiedenen Medien haben die Eltern schwere Vorwürfe gegen die beteiligten Behörden erhoben. Im Spiegel, im Tagesspiegel sowie in der Berliner Zeitung werfen sie den Verantwortlichen vor, nicht über den Stand der Ermittlungen informiert zu werden. Es habe sich bis heute niemand bei ihnen entschuldigt. 

Regelmäßig treffen sich Angehörige und Freunde am Unglücksort

Fragen wie: Was ergab die rechtsmedizinische Untersuchung des Mädchens und woran starb es? Wer entschied, statt auf den Kran zu warten, die hydraulischen Wagenheber einzusetzen? War genug Rettungspersonal zur Stelle? Waren die Retter ausreichend geschult für solch einen Einsatz? Entsprach das Werkzeug den Anforderungen des Einsatzes? Hat die Technik versagt und wenn ja warum? – all diese Fragen seien bisher nicht beantwortet worden, heißt es in den Medienberichten.

Auch nach einem halben Jahr ist die Trauer um Ronja im Kiez ungebrochen. Regelmäßig treffen sich Angehörige, Mitschüler, Freunde und Bekannte sowie Anwohner am Unglücksort, um der 13 Jährigen zu gedenken. So auch am Sonnabend. 

„So darf eine Stadt nicht mit ihren Bürgern umgehen.“ 

Ein Bekannter der Familie legte ein paar Blumen ab. Das tue er regelmäßig, sagte er. Er verstehe nicht, dass die Behörden so unmenschlich handeln würden und die Eltern über die Hintergründe des Unfalls nicht informieren. Er habe das aus Ronjas Familie gehört und sei darüber empört, sagte er. Kurz vor dem Weihnachtsfest, das für die Familie sowieso eine Tragödie bedeutet, hätten die Verantwortlichen die menschliche Pflicht dazu, fügte er hinzu. „So darf eine Stadt nicht mit ihren Bürgern umgehen.“ 

Gedenken an Ronja. Freunde haben dieses Bild aufgehängt.  

Gedenken an Ronja. Freunde haben dieses Bild aufgehängt.  

© Eric Richard

Seit dieser Woche ist in der Nähe der Unfallstelle an den Bahngleisen ein Holzkreuz aufgestellt mit der Aufschrift Ronja – 13 Jahre. Am Kreuz sind frische Blumen befestigt. Anwohner bleiben an der Stelle stehen und gehen für einige Minuten in sich. 

Am Sonnabend lief am hölzernen Kreuz eine Frau vorbei. Sie hatte ein kleines Mädchen an ihrer Hand und kam offenbar vom Weihnachtseinkauf. Sie hat dem Kind erzählt, was mit Ronja passiert ist. Das Mädchen hörte aufmerksam zu. Dann wischte sie sich mit einem Taschentuch übers Gesicht.

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