Tipi-Chef Holger Klotzbach

„Theater gegen rechts ist absolut nötig“

Berliner Inszenierung von „Cabaret“ feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Jubiläum.

Florian Thalmann
Lesezeit 4 Min
Holger Klotzbach ist der Chef von Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt.

Holger Klotzbach ist der Chef von Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt.

© Sabine Gudath

Es gibt wohl kaum ein Theaterstück, das mehr für Berlin steht als dieses Musical: „Cabaret“ von 1966 ist immer wieder zu sehen, auf Bühnen auf der ganzen Welt. Im Tipi am Kanzleramt feiert das Stück heute sein 15-Jahre-Jubiläum – und trotz der langen Geschichte ist es für Holger Klotzbach, Chef des Zelt-Theaters, aktueller denn je.

„Seit wir dieses Stück aufführen, ist die Lage in unserer Gesellschaft nicht besser geworden“, sagt Klotzbach (73) dem KURIER. „Es fühlt sich so an, als würde die politische Situation immer bedrohlicher werden – und als könnten wir das, was im Musical geschildert wird, schon bald wieder erleben.“

Man kann nur hoffen, dass genau das nicht passiert: „Cabaret“ erzählt, wie der aufkommende Nationalsozialismus in den 30er-Jahren langsam die Gesellschaft vergiftet. Der US-Schriftsteller Clifford Bradshaw reist nach Berlin, um einen Roman zu schreiben, verliebt sich in Nachtclubsängerin Sally Bowles. Doch ihre Liebe ist zum Scheitern verurteilt, genau wie jene zwischen Wirtin Fräulein Schneider und Herrn Schultz, einem jüdischen Obsthändler. Doch in den Nachtclubs feiert und tanzt man gegen den sorgenvollen Alltag an.

2004 kam das Stück in Berlin auf die Bühne

Unter der Leitung von Klotzbach kam das Stück in Berlin 2004 auf die Bühne, damals in der Bar jeder Vernunft in der Schaperstraße, die der Theaterleiter 1992 gegründet hatte. Regisseur Vincent Patterson, der mit Madonna und Michael Jackson arbeitete, schuf die Inszenierung, die noch heute erfolgreich funktioniert. Warum? „Wir hatten in all den Jahren hervorragende Neubesetzungen, die Melodien des Stückes haben ihren Reiz nicht verloren“, sagt er. Für den Erfolg hat er noch eine andere Erklärung: „Cabaret unterhält, macht aber trotzdem nachdenklich, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu winken“, sagt er. Immer wieder seien auch Schülergruppen zu Gast, die das Stück als Ergänzung zum Geschichtsunterricht besuchen. „Wenn sie den Saal verlassen und ins Gespräch kommen, merken wir, dass es wirkt. Ich finde, dass jeder Schüler in der neunten oder zehnten Klasse Cabaret gesehen haben müsste.“

Dabei ist die Darstellung im Tipi weniger drastisch als an anderen Häusern. Anderswo werden auf der Bühne Hakenkreuz-Flaggen entrollt – Patterson entschied sich für die schlichtere Variante. „Bei uns ist das Musical etwas wie ein Kammerspiel inszeniert. Es gibt weniger Tänzer und einen kleineren Rahmen. Aber die extreme Darstellung braucht man nicht“, sagt Klotzbach. „Viel wichtiger ist die feine Darstellung der Beziehung des alten Liebespaares. Sie müssen sich fragen: Wie geht es weiter, was machen wir nun?“ Besonders diese Beziehung sei es, die Klotzbach selbst noch heute zu Tränen rührt. „Ich habe das Stück mehr als 40 Mal gesehen, aber wenn ich Fräulein Schneider und Herrn Schultz gemeinsam singen höre, bekomme ich eine Gänsehaut.“

Mit dem Stück wolle man auch ein Zeichen setzen, gegen den Hass anspielen. Auch deshalb seien Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt Mitglied in der Initiative „Wir sind viele“ gegen rechtsextreme Politik. Noch könne man hier in einer liberalen Gesellschaft leben, doch die Gefahr, dass diese ausgehöhlt werde, sei groß. „Nur wenn die Gesellschaft weiterhin klare Kante zeigt und die Politik sich nicht hinter irgendwelchen vagen Lippenbekenntnissen verschanzt, kann man die Entwicklungen aufhalten. Und es ist absolut nötig, dass man auch Theater gegen rechts macht“, sagt Klotzbach. Und verspricht gleichzeitig: So lange es das Tipi gibt, wird es in Berlin auch „Cabaret“ geben.

„Cabaret“ läuft bis zum 15. September im Tipi, Infos und Tickets unter www.tipi-am-kanzleramt.de 

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